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Aus: Ausgabe vom 05.02.2026, Seite 9 / Ausland
El Salvador

»Bukele pflegt ein Lügennarrativ«

In El Salvador sind schwere Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung. Ein Gespräch mit Samuel Ramírez
Interview: Felix Mayer
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Auch in Deutschland wird Protest gegen die Diktatur in El Salvador immer lauter (Frankfurt am Main, o. D.)

Wie sehen Sie die aktuelle politische Lage in El Salvador?

El Salvador ist gekennzeichnet durch enorme Rückschritte im Bereich der demokratischen und Bürgerrechtsentwicklung. Nach dem Friedensschluss 1992 wurde ein Öffnungsprozess eingeleitet, in dem allen politischen Kräften eine politische Beteiligung eröffnet wurde. Seit der Machtübernahme der Bukele-Regierung wurde die ­Unabhängigkeit der politischen Gewalten aufgelöst und die Konzentration der Macht in einer Person eingeleitet. Das begann schon mit der Einführung des Ausnahmezustands. Der wurde innerhalb einer Stunde verhängt, ohne dass die Menschen dazu befragt wurden. Auch im Parlament gibt es keine Debatten mehr. Eigentlich haben wir eine Diktatur.

Wie arbeitet Movir, und wie ist die Organisation aufgebaut?

Seit 2022 gibt es den Ausnahmezustand in El Salvador. Die Familienangehörigen der unschuldig Inhaftierten suchten nach Möglichkeiten der Organisierung und wandten sich zunächst an Menschenrechtsgruppen, aber die waren bereits kaltgestellt oder außer Landes. In der Menschenrechtsombudsstelle hatte die Regierung eine Frau installiert, die die Verletzungen der Menschenrechte verschleiern sollte. Als einzige Möglichkeit blieb, dass die Angehörigen sich selbst organisierten. Von da an haben wir eine Struktur aufgebaut, die öffentlich die Unschuld von Tausenden von Inhaftierten hochhält.

Was will Movir?

Movir will darauf hinweisen, dass in El Salvador die Menschenrechte in großem Maße verletzt werden. Außerdem wollen wir deutlich machen, dass Nayib Bukele ein Lügner ist, ein Verbrecher, der versucht zu verschleiern, was wirklich im Land passiert. Das also ist Movir: eine Selbstorganisation von Opferangehörigen. Wir haben keine juristische Form, wir werden von niemandem finanziert, wir arbeiten alle ehrenamtlich, und wir sind wenige. Denn viele mussten aus dem Land fliehen, sind in den USA, in Mexiko, weil sie verfolgt wurden. Wir alle leben mit der Angst, dass wir als nächste gefangengenommen werden.

Ich war vor kurzem in El Salvador und musste erfahren, dass die Regierung, obwohl sie solche Dinge macht, immer noch starken Rückhalt in der Bevölkerung hat. Können Sie sich das erklären?

Bukele ist ein Experte in politischem und medialem Marketing. Vermutlich ist er der aktivste Mensch in den sozialen Netzwerken in El Salvador. Dadurch hat er eine große Reichweite. Was der Präsident sagt, wissen alle. Und der sagt, dass er mit Gott in Verbindung steht, ja mit ihm kommuniziert. Viele Entscheidungen, die er treffe, seien hart, bittere Medizin. Aber Gott habe gesagt, man müsse das tun. Man müsse diese bittere Medizin jetzt schlucken, in der Zukunft werde alles besser.

Hat sich denn schon etwas gebessert?

Im Gegenteil. Anfangs hat er gesagt, es gebe 70.000 Bandenmitglieder, die verhaftet werden müssen. Sie haben dann an die 100.000 verhaftet, darunter viele Unschuldige. Daran kann man das Lügennarrativ sehen, das er pflegt. Aber die Leute haben die Nase voll von den Banden, also ist es ihnen egal. Sie wollen ihre persönliche Sicherheit zurück. Und Bukele gefällt sich darin, der einzige zu sein, der das vollbracht hat: 100.000 Inhaftierungen innerhalb von drei Jahren – das ist weltweit einzigartig. Inzwischen ist der Bukelismus ein Modell. Viele Länder möchten auch einen Bukele hervorbringen. Ich sage dann immer: Ihr könnt ihn haben, wir wollen ihn nicht mehr.

Samuel ­Ramírez ist Mitarbeiter des ­Movimiento de ­Víctimas del Régimen (Bewegung der ­Regimeopfer, ­Movir) in El Salvador

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