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Aus: Ausgabe vom 04.02.2026, Seite 11 / Feuilleton
Postpunk

Zugänglicher Zorn

Sleaford Mods’ tolles neues Album »The Demise of Planet X«
Von Norman Philippen
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Letztes Jahr in Brno: Andrew Fearn (l.) und Jason Williamson von den Sleaford Mods

Lieber ein Ende ohne Sleaford Mods als Sleaford Mods ohne Ende? Nein! Beides gerne nicht. Sicher nicht zu früh, doch vermutlich auch nicht zu spät – oder umgekehrt –, sind die Nottinghamer Mister Andrew Fern und Jason ­Williamson offenbar auf eine sehr gute Idee gekommen. Was, haben sie sich wohl gesagt, wenn wir unseren seit zwölf Alben mehr als erprobten und unzählige Epigonen erzeugenden Musikmodulbaukasten mal ein bisschen aufstockten und zeigen würden, dass wir immer noch zwei gar nicht mal so abgehalfterte Herren sind, wie es gerüchteweise auch live den Anschein längst haben könnte?

Gespittet, gesampelt, gefeatured, gedroppt. Schon der vorab releaste Opener »The Good Life« beginnt mit einem im Modskosmos ungewöhnlichen Geräusch, dem fröhlichen Gelächter des »Game of Thrones«-Stars Gwendoline Christie. Die aber auch Gelegenheit hat, zu Williamsons gewohnt reudigen Rants des Song-Ichs inneren Monolog beizukreischen: »Like everybody else alive, I think there's only this pain in me …« Harsche Kontrapunkte zu der von Joe Hicklin, der Hälfte der vor allem live brillanten Band Big Special, so souligsanft gesungenen Hook: »I can see a phantom …« Bandbuddy ­Callum mischt auch mit bei der Meditation eines wegen seines jähzornigen Dranges, kräftig auszuteilen, Zerrissenen. Sicher der abwechslungsreichste Track der Sleaford Mods so far.

Zu Ferns ballernden Beats und Basslines gibt sich Williamson – »What the fuck are you supposed to do?« – im letzten Track »The Unwrap« angesichts des Untergangs des Planeten X geschlagen und außerdem zu, dass er vor den Greueln der Weltkrieg-III-Welt zum Durchstöbern des Zeugs anderer Leute auf Vinted eskapiert. »Die ganze Zeit wütend zu sein tut mir nicht gut«, verriet er der Berliner Morgenpost, die »The Demise of Planet X« als »das bis dato zugänglichste und musikalisch vielseitigste Werk des Punkduos aus Nottingham« bezeichnet und damit tatsächlich richtigliegt.

Doch keine Bange, liebe Banger: Zwar ist wahr, dass auch Morgenpost-Leserinnen musikalisch mehr Zugang gewährt wird, als von den Sleaford Mods zu erwarten wäre, aber findet zumindest ein jW-Dude, dass es sich bei »The Demise of Planet X« um das beste der Banddiskographie handeln könnte. Dass die Beats und die stark an The Fall erinnernden, repetitiven Basslines auf dem 13. Album irgendwie einladender klingen als auf den Releases zuvor, mag nur zahlenmystisch als ein schlechtes Zeichen gelten. Resignative Rage herrscht auch dieses Mal nicht vor, auch wenn mal ein Xylophon erklingt oder (höre »Elitist G. O. A. T.«) die neuseeländische Singer-Songwriterin Aldous Harding so herzzerschmelzend einen Refrain einsang.

Wer eine bandkarrierelang gegen UK-Konservative gewettert hat, dem mag zugestanden sein, dass selbst eine Keir-Starmer-Regierung noch als vergleichsweise relativ glimpflich empfunden wird. Da können auch die Melodien mal mehr nach Wiener Melange statt bitterem Kantinenkaffee schmecken. Die Texte bleiben aber in den Lyrics unversöhnlicher als in Interviews zum Album, hier werden – »no war, no death« (»Megaton«) – gewohnt nicht nur schlimme Worte gefunden, die ihr Seelenheil in kritiklosem Konsum suchen. Zwischen dem ersten und dem 13. Track spielt sich ohnedies ab, wofür die Sleaford Mods seit über einem Dezennium von denen geliebt werden, die dazugehören: berechtigte kämpferische Working-Class-Wut. Steht das X im Titel doch nach wie vor für Shit.

Sleaford Mods: »The Demise of Planet X« (Rough Trade)

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