Verständnis für Faschisten
Von Susann Witt-Stahl
Evelyn Deller will dem eklatanten Mangel an »linker Ukraine-Solidarität« entgegenwirken. Seit 2025 tingelt die in Deutschland lebende Ukrainerin mit Vorträgen durch Linke-Szene-Treffs, um Bilder des »militärischen Widerstands« gegen die russischen Invasoren zurechtzurücken und durch einen »historischen Umriss zu schärfen«. So referierte sie in der »Antideutschen«-Kneipe Bajszel in Berlin unter anderem über den »antiimperialistischen Charakter sowie die Kontinuität ukrainischer antifaschistischer Selbstverteidigung«. Dass nicht die Ukrainer gemeint sind, die im Zweiten Weltkrieg in der Roten Armee gegen Nazideutschland kämpften oder in deren Tradition stehen, offenbart Dellers Anklage gegen die Sowjetunion als kolonialistischen Staat, in dem »jüdische und ukrainische Menschen ganz bewusst ermordet wurden – Holodomor«. Aber um wen geht es dann?
Aufschluss könnte ein weiterer Vortrag Dellers mit dem Titel »Warum wir als Linke die Ukraine unterstützen müssen« am kommenden Freitag in Trier mit folgendem Anliegen geben: »Deutsche Linke reden entweder uninformiert oder gar nicht über jenen Krieg. Wir wollen dem entgegentreten, Vorurteile abbauen (beispielsweise, was es mit dem ominösen Asow-Bataillon auf sich hat)«, heißt es in der Ankündigung. Inwiefern der bewaffnete Arm der mächtigsten Nazibewegung der Ukraine, der bereits 2014 zum Regiment, 2023 zu je einer Brigade in der Nationalgarde sowie der Armee expandiert ist und dessen Gründer Andrij Bilezkij (Beiname »Weißer Führer«) als Nachfolger des Oberkommandierenden der ukrainischen Streitkräfte, Olexander Sirskij, gehandelt wird, Opfer linker Voreingenommenheit ist – darüber ist aus dem Text nichts zu erfahren.
Deller ist stellvertretende Vorsitzende des Jüdischen Studierendenverbands Nordrhein-Westfalen, engagiert sich nicht nur gegen »antisemitische« Palästina-Solidarität wie »Anti-Cola-BDS-Aktionen«, wie sie in einem am 21. Dezember 2025 veröffentlichten Interview mit »Mena-Watch« berichtete, und gegen »antisemitische« jüdische Linke wie Norman Finkelstein, sondern auch gegen »antisemitische Projektionen auf die Ukraine«. Reden beendet Deller, die die Ukraine für ein »vom Genozid betroffenes Land« hält, mit dem Gruß der faschistischen Banderisten, die als Hitlerkollaborateure am Holocaust beteiligt waren.
Als Vorbild für linke Ukraine-Solidarität präsentiert Deller »Radical Aid Force« (RAF). Die anarchistische Gruppe organisiert Spenden ebenso für humanitäre Hilfe wie für den Erwerb von Rüstungsgütern, etwa Kampfrobotern, für »antiautoritäre Kämpfer« – hier und da auch Faschisten, wie ein von RAF veröffentlichtes Foto von einem Angehörigen der von ihr belieferten Drohneneinheit »Eyes of God« mit dem Abzeichen der banderistischen Partei und Miliz UNA-UNSO zeigt. Eine zweite Säule der RAF-Aktivitäten bildet die Agitation für die »Bewaffnung der Ukraine bis an die Zähne«, inklusive Lieferungen von »Taurus«-Marschflugkörpern, sowie Hasspropaganda gegen die russischen »Orcs«. Ein Video auf dem RAF-Instagram-Kanal zeigt Aufnahmen von russischen Soldaten, die von Granaten zerfetzt werden, unterlegt mit dem Strandpartyhit »Samba de Janeiro«.
Solche irren Weltbilder passen in Treibhäuser des »antideutschen« Sektenwesens wie dem »Conne Island« in Leipzig, wo einer der nächsten Auftritte von Deller stattfinden wird. Unterstützer finden sich aber auch im rechten Flügel der Linkspartei: RAF hat schon 2024 Gelder aus dem Solifonds der sächsischen Landtagsabgeordneten Juliane Nagel erhalten. Für Dellers Vortrag in Trier, der vom »Rosa Salon« organisiert wird, der eine kritische Auseinandersetzung mit »linken Dogmen« fordert, haben sich die Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) Rheinland-Pfalz und für eine weitere Veranstaltung in Erfurt die RLS Thüringen als Kooperationspartner zur Verfügung gestellt. »Teile der deutschen Linken reproduzieren russische Propaganda und delegitimieren die Selbstverteidigung der ukrainischen Bevölkerung«, ist auf der Homepage der RLS zu lesen. »Der Vortrag ordnet diese Verzerrungen historisch ein und analysiert die Grundlagen russischer imperialer Ideologie, um gegen Desinformationen zu sensibilisieren.«
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Manfred G. aus Manni Guerth, Hamburg (4. Februar 2026 um 09:55 Uhr)Ideologischer Müll ist ein Merkmal von selbsternannten Linken. Warum? Sie besitzen keinen theoretischen Kompass, der den Marxismus beinhaltet. Für sie ist Erkenntnis, dass Wahrheit im Kopf entsteht. Für sie ist Erkenntnis nicht historisch und gesellschaftlich – das Begreifen der realen, materiellen Verhältnisse durch gesellschaftliche Praxis. Sie verfügen aber über keine Praxis, darum geht ihre Erkenntnis ins leere. Oder wie Mao sagt, man erkennt Zusammenhänge, Gesetze, Ursachen in der Praxis. Erkenntnis ist nicht angeboren, oder rein theoretisch, nicht individuell isoliert sondern sozial, materiell, historisch und revolutionär-praktisch. Eine weitere Idiotie der Linken ist ihr Verständnis von Ungerechtigkeit. Ungerechtigkeit ist für sie ein Gefühl, dass etwas mit ihrem Verständnis von Gerechtigkeit nicht übereinstimmt. Sie verstehen nicht, dass Ungerechtigkeit das Ergebnis der ökonomischen Verhältnisse ist (Karl Marx). Oder wie Mao sagt, man kann Ungerechtigkeit nicht wegmoralisieren, weil sie das Ergebnis von Klassenherrschaft ist. Die Linken haben ein bürgerliches Bewusstsein. Ihr Bewusstsein ist das Ergebnis ihres Denkens: Das Bewusstsein bestimmt das Leben. Sie verstehen nicht, dass ein Arbeiter, ein Bauer, ein Bürokrat, ein Politiker, ein Rechtsanwalt, ein Journalist, ein Kapitalist unterschiedliche Formen von Selbstbewusstsein entwickeln, weil deren Lebenspraxis verschieden ist. Die Linken leiden unter einem gestörten Selbstbewusstsein. Mao sagt: Selbstbewusstsein entsteht durch Praxis und wächst durch revolutionären Kampf, Kritik und Selbstkritik. Ein Mensch ist selbstbewusst, wenn er sich selbst als wichtigen Teil versteht, der die Gesellschaft am Leben hält – Arbeiter. Würden die Linken Erkenntnis, Gerechtigkeit und Selbstbewusstsein besitzen, dann würden sie niemals Israel, Ukraine und NATO unterstützen.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Marc P. aus Cottbus (3. Februar 2026 um 15:57 Uhr)»Täter-Opfer-Umkehr!« und »Antisemitismus!«, krakelt es aus der antideutschen Ecke und dem konservativ-liberalen Mainstream, sobald es jemand wagt, die Methoden der israelischen Armee und der Netanjahu-Regierung bei dem so genannten Krieg gegen die Hamas im Gaza-Streifen öffentlich zu kritisieren oder gar eine ethnische Säuberung und den Versuch eines Völkermords darin erkennt, selbst dann, wenn diese Kritik mit entsprechenden Aussagen israelischer Regierungsmitglieder und Armeekommandeure unterfüttert wird. Aber wenn absurderweise ausgerechnet diejenigen öffentlich als Faschisten und Judenmörder diffamiert werden, die dem Treiben der deutschen und ukrainischen antisemitischen Massenmörder im 2. Weltkrieg ein Ende gesetzt haben, und der Begriff »antifaschistisch« schamlos und frech für die Unterstützung der Banderisten von heute missbraucht und in den Schmutz gezogen wird, finden (selbsternannte) Linke nichts dabei, kommt kein wütender Aufschrei der Empörung? Die ideologische und moralische Verwahrlosung in dieser Partei, die sich »Die Linke« nennt, ist wirklich sehr weit fortgeschritten.
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Leserbrief von Joachim Seider aus Berlin (3. Februar 2026 um 11:01 Uhr)Der Volksmund weiß: Das Schwein erkennt man am Gang und nicht am Grunzen. Für Renegaten gilt das auch. »Renegaten gibt es immer wieder«, könnte ein einprägsamer Schlagertitel sein. Der uns erinnert: Es ist wichtiger zu wissen, wohin einer geht, als wie hoch er die Fahne hält, die er vor sich herträgt.
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Leserbrief von Mitter Albert aus Gmunden (2. Februar 2026 um 21:29 Uhr)Teile der deutschen Linken wie Leute, die den Namen Rosa Luxemburg entehren und missbrauchen, reproduzieren die Propaganda einer faschistoiden Diktatur und ihrer unverschämten westlichen Protektoren. Scheuen nicht mal davor zurück, mit einer derart üblen Propagandafigur des Regimes in Kiew und des wirklichen Imperialismus, nämlich dem des westlichen Kapitalismus, wie dieser Frau Deller zusammen die Wahrheit völlig auf den Kopf zu stellen. Frau Deller schreckt nicht mal zurück von »Vorurteilen« gegen ASOW zu faseln, einer Organisation, die bis 2022 auch überall im Westen als faschistisch eingeschätzt wurde, die sich völlig offen zur Tradition der Kollaboration mit Nazideutschland auch beim Holocaust bekennt. Diese Dame mit ideologischem Kopfstand, die daher die Welt genau verkehrt sieht, redet von der Ermordung von Juden – in der Sowjetunion! Nicht von der Nazideutschlands auch in den zeitweilig besetzten Gebieten der Sowjetunion wie der Ukraine, mit aktiver Unterstützung der politischen Vorgänger der jetzigen Machthaber in Kiew. Die mit einem Putsch gegen die gewählte Regierung an die Macht gekommen gleich alle linken Parteien und Organisationen verboten haben, ein typisches Kennzeichen faschistischer Regime. Kein Linker mit normalem Verstand kann daher das Regime in Kiew unterstützen. Nur Antikommunisten, die sich absurderweise als links bezeichnen, links mit rechts verwechseln, können sich mit Faschisten solidarisieren. Dass Frau Deller auch auf Seiten des israelischen Völkermordes steht, ist nur logisch. Sie ist eine »Aktivistin« der reaktionärsten Kräfte des wirklichen Imperialismus, die bösartigste und zugleich dümmste Lügenpropaganda verbreitet, ganz im Sinne der Herrschenden im imperialistischen Westen. Am erbärmlichsten ist dabei die Rolle von Teilen der RLS. Ungeheuerlich die Parteinahme für die rechtsradikale Diktatur in Kiew. Der verfolgten Linken der Ukraine in den Rücken fallend. Zusammen mit geistig verwirrten Chaoten, Anarchisten.
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