Spiel in falschen Händen
Von Carlos Gomes und Glenn Jäger
In Kürze erscheint im Papyrossa-Verlag das Buch »Griff nach Gold. Die andere Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft« von Carlos Gomes und Glenn Jäger. Wir veröffentlichen daraus mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Autoren das redaktionell gekürzte Kapitel über die Vergabe der Weltmeisterschaft 2026 an die USA. Das Buch kann unter www.papyrossa.de bestellt werden. (jW)
Warum hat man die WM dorthin gegeben?«, fragte Lilian Thuram im Frühjahr 2025. Der Weltmeister von 1998 hatte sich, etwa in dem Buch »Das weiße Denken«, schon länger mit Fragen von Rassismus, Kolonialismus, Versklavung und Ausbeutung auseinandergesetzt. In Paris hatte er 2011 die Ausstellung »Exhibitions, l’invention du sauvage« kuratiert. Über »Zurschaustellung«, über die »Erfindung des Wilden« aufzuklären, war ihm ein persönliches Anliegen: Bereits 2005 war er den damaligen französischen Innenminister Nicolas Sarkozy angegangen, der Jugendliche aus den Vororten von Paris attackiert hatte: »Wenn Sie diese Menschen als Gesindel bezeichnen, fühle ich mich auch angesprochen, da ich auch aus so einer Banlieue komme.« Mit Blick auf die WM 2026 legte Thuram nach: »Wie viele Schwarze stecken zu Unrecht in amerikanischen Gefängnissen? Wie viele haben keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung? In der amerikanischen Gesellschaft existiert immer noch tiefgehender Rassismus. Die Polizei, die den Staat repräsentiert, kann Schwarze töten. Auch das sollte man diskutieren.«
Damit sind strukturelle Fragen angesprochen, die die US-Gesellschaft prägen – unabhängig von der Parteizugehörigkeit des Präsidenten. Und doch: In der Ära Trump mag der »immer noch tiefgehende Rassismus« eine neue Qualität erfahren haben. »›Make America Great Again‹. Aber wann war Amerika groß? Welches Amerika meint er?«, fuhr Thuram fort. »Das der Sklaverei? Das der Segregation? Das der Massaker gegen die indigene Bevölkerung?« Wie sehr der einstige französische Nationalspieler den Finger in die Wunde legte, zeigten die Auseinandersetzungen zur Zeit der FIFA-Klub-WM 2025, als der US-Präsident angesichts antirassistischer Demonstrationen das Militär im eigenen Land einsetzte. Was uns noch einmal, über Nordamerika hinaus, auch zur Frage von Krieg und Frieden führt, ja: von Völkerverständigung, ein von der FIFA hochgehaltenes Gut. Auch wenn die Verleihung des FIFA-Friedenspreises an US-Präsident Trump Ende 2025 weitgehend als Farce angesehen wurde.
Aber, ließe sich doch gegen Thuram einwenden, die WM wurde immerhin auch nach Mexiko und Kanada vergeben. Ja, wurde sie. Doch den beiden Nachbarstaaten bleibt die Rolle von Anrainern. Schon allein quantitativ: zwei Spielorte in Kanada, drei in Mexiko, elf in den USA; je 13 Spiele in Kanada und Mexiko, 78 in den USA. An diesem Missverhältnis ändert auch die Austragung des Eröffnungsspiels im altehrwürdigen Aztekenstadion von Mexiko-Stadt nichts. Und was die Staatsoberhäupter angeht, so konzentriert sich die Aufmerksamkeit des FIFA-Präsidenten ganz auf Trump. Der hatte bei der WM-Vergabe Ländern offen gedroht, deren Fußballverbände »falsch« abstimmten.
Als das Turnier vergeben war, wurde aufgestockt: von 32 auf 48 Länder. Größenwahn? Zumal bei der FIFA schon laut über künftig 64 Mannschaften nachgedacht wurde? Kein Ende der Kommerzialisierung in Sicht? Eine Potenzierung von Flugmeilen? Oder auch, jenseits der Kehrseite, ein Gewinn für den globalen Süden?
Land der »White Supremacy«
Damit scheint auch schon die Frage nach dem Ballbesitz auf, die so oft gestellt wird: In wessen Hände gehört das Spiel? Ohne die Brechtsche Frage, wessen Welt die Welt ist, wird sie kaum zu beantworten sein. Ansätze mögen sich in der WM-Geschichte selber finden. Doch zunächst ins Jahr 2025, das der Generalprobe der WM 2026. Zur Klub-WM also, bei der, hört, hört: Bayern-Fans im TQL Stadium von Cincinnati ein Banner mit der Forderung »Smash FIFA!« (Zerschlagt die FIFA!) zeigten.
Eine Reisewarnung aus Berlin gab es nicht. Als im Juni 2025 in den USA erstmals die Klub-WM der FIFA ausgetragen wurde, hatte Präsident Trump gerade 4.000 Soldaten der Nationalgarde nach Los Angeles beordert. Mit Pfefferspray, Tränengas und Rauchgranaten gingen die Armeeeinheiten gegen Proteste vor, die sich gegen die Einwanderungs-, oder besser: die Abschiebepolitik der Immigrationsbehörde ICE richteten. Auch Ultras des Los Angeles FC (LAFC) hatten bei einem Ligaspiel die »immigrants« verteidigt, sie wandten sich »mit Bannern gegen das U.S. Immigration and Customs Enforcement (ICE) (…) ›ICE abschaffen‹ stand auf einem Plakat geschrieben. Ein anderer Slogan: ›Wenn Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht.‹« Die Vereinsführung sekundierte: »Heute, da viele Angst und Unsicherheit in unserer Stadt empfinden, steht der LAFC Schulter an Schulter mit allen Mitgliedern unserer Gemeinde.«
Abgeschoben wird in Richtung Süden. Wegen der Co-Gastgeberschaft Mexikos ein kurzer Blick auf das ICE: 2003 unter US-Präsident George W. Bush gegründet, »baute die Obama-Regierung die Behörde (…) weiter aus«, so der Publizist Raul Zelik (ND, 13.6.2025). Die »Zahl der von der ICE durchgeführten Deportationen« stieg »von zwei Millionen Personen während der ebenfalls achtjährigen Präsidentschaft von Bush auf drei Millionen unter Obama«. In der ersten Amtszeit von Trump »setzte das ICE ganz demonstrativ« etwa auf »die Inhaftierung minderjähriger Kinder, die – wie etwa die britische BBC berichtete – ohne ihre Eltern in Käfige gesperrt wurden. Doch obwohl unter dem Demokraten Joe Biden ab 2021 auf derartige Maßnahmen verzichtet wurde, änderte sich an der sonstigen Praxis der Behörde eher wenig. Ende 2024 verkündete das ICE stolz, man habe 2024, also im letzten Amtsjahr Bidens, die unter Trump erreichten Rekordzahlen« übertroffen.
Infolge der verschärften Migrationspolitik – und bald auch wegen der Zollpolitik – waren die Beziehungen zwischen den USA und dem südlichen WM-Ausrichter zunehmend angespannt. Gut einen Monat nach dem erneuten Amtsantritt Trumps waren rund 14.000 Personen nach Mexiko abgeschoben worden, so die Präsidentin des Landes, Claudia Sheinbaum. Um die »Wiedereingliederung der nach Mexiko Zurückgekehrten zu gewährleisten, hat die Regierung die Strategie ›México Te Abraza‹ (Mexiko umarmt dich) aufgelegt«, so Sonja Gerth von der feministischen Nachrichtenagentur Cimac Noticias (amerika21.de, 25.2.2025). Es seien »Auffangzentren entlang der Grenze zu den USA eröffnet« worden. Dort »sollen Personen, die deportiert wurden, Zugang zu Sozialsystemen« erhalten.
Noch am Tag seiner Amtseinführung Anfang 2025 »unterzeichnete Trump etliche Präsidialdekrete (…), die Maßnahmen gegen illegale Migration betrafen. Für die US-amerikanisch-mexikanische Grenze rief er einen Notstand aus und ordnete einen Militäreinsatz an.« (SZ, 25.9.2025) In den folgenden Monaten verdoppelten sich die Verhaftungen gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Maskierte ICE-Mitarbeiter, Verhaftungen aus dem Auto heraus: Das Vorgehen unterschied sich frappierend von jenem im Vorfeld der WM 1994, als man gezielt um die Gunst von Hispanics warb.
In den Verfolgungseifer geriet auch der TV-Sender Telemundo, der sich die Übertragungsrechte für die WM 2026 gesichert hatte. Das Tochterunternehmen des US-Senders NBC hatte rund um die Klub-WM »zu einer Vorfreude-Party auf ein Luxusschiff in Biscayne geladen. Als die ersten Gäste schon auf dem Schiff waren«, kam es zu einer »überfallartigen Kontrolle durch Beamte der Küsten- und Grenzwache CBP. (…) Zeugenaussagen zufolge tauchten wie aus dem Nichts zwei Schnellboote und ein Helikopter auf und brachten die Zubringerschiffe der VIP-Party auf« (SZ, 16.6.2025).
Anders als etwa bei »Südafrika 2010« wurde im Vorfeld der WM 2026 nicht vor Kriminalitätsraten gewarnt. Anlass hätte es gegeben: Der große US-amerikanische Literat Paul Auster verwies in seinem 2023 erschienenen Buch »Bloodbath Nation« auf »939 Millionen Schusswaffen im Besitz amerikanischer Staatsbürger«. Jährlich kämen »annähernd vierzigtausend Todesopfer durch Schussverletzungen ums Leben, ungefähr genauso viel wie bei Autounfällen auf amerikanischen Straßen«, davon seien die Hälfte Selbstmörder. Zähle »man die mit Schusswaffen verübten Morde sowie die durch Schusswaffengebrauch seitens der Polizei getöteten Personen hinzu, kommt man auf täglich mehr als einhundert Amerikaner, die Kugeln zum Opfer fallen.« Auster verweist auf den »zunehmenden Einfluss der NRA, der National Rifle Association«, und bemüht als Herleitung die Geschichte des Siedlerkolonialismus: »All die Überfälle auf indianische Dörfer, die Massaker«, bei denen »in aller Rechtschaffenheit sämtliche dort lebenden Männer, Frauen und Kinder abgeschlachtet« wurden.
Zeiten, die ihre Schatten werfen.Und deren Insignien einer White Supremacy die US-Gesellschaft bis heute prägen – als Ausdruck eines Klassenhasses von oben. Abzulesen etwa an der Polizeigewalt: Von 2015 bis 2024 wurden 2.429 Schwarze von Polizisten erschossen, im »Verhältnis zu ihrer Einwohnerzahl haben Afroamerikaner das höchste Risiko aller Bevölkerungsgruppen, bei einem Polizeieinsatz getötet zu werden« (Statista, 20.6.2025). George Floyd, dem im Mai 2020 das Knie eines Polizisten neun Minuten und 29 Sekunden lang – »I can’t breathe!« – die Kehle zuschnürte, war nur einer von ihnen.
Friedenspreis-Farce
Mitunter regt sich auch im Sport Protest. Weite Kreise zog etwa die Aktion des Footballers Colin Kaepernick, der sich 2016 vor einem Spiel während der Nationalhymne nicht erhob: »Ich stehe nicht auf, um Stolz auf eine Flagge für ein Land zu zeigen, das Black People und People of Color unterdrückt«, so der Quarterback. Denn es lägen »Leichen in den Straßen«, und die Verantwortlichen kämen davon.
Verhältnisse, die sich Mitte der 2020er Jahre weiter verschärften – unter einer Regierung, die sich im eigenen Land auch auf rechtsextreme Exponenten stützt und international Parteien wie die AfD hoffähig macht. Und die etwa in Lateinamerika vorzugsweise auf marktradikale, rechtsaußen stehende Kräfte setzt wie etwa den argentinischen Präsidenten Javier Milei oder den brasilianischen Expräsidenten Jair Bolsonaro, der die einstige Militärdiktatur (1964–1985) verteidigte. Es sind diese Art von Kräften, denen die USA im globalen Süden jahrzehntelang in den Sattel halfen, während sie sich selbst auf »Freedom and Democracy« beriefen. Im Zeichen einer tiefgreifenden Krise bemächtigen sich die Geister, die man anderswo rief, des eigenen Landes.
Unter diesen Rahmenbedingungen war es FIFA-Präsident Gianni Infantino 2025 »eine große Freude«, mit Trump zusammengekommen zu sein und gemeinsam der »größten WM aller Zeiten« entgegenzublicken. Ob es auch ein »Fest der Kulturen« wird? Im Sommer 2025 lagen aus den USA gegen zwölf Länder Einreiseverbote vor, »darunter WM-Teilnehmer Iran. Sportler und Trainer sind von den Verboten zwar ausgeschlossen, Fans aber nicht« (ND, 16.7.2025). Für die Zeit der WM sieht es nicht nach Lockerungen aus. Eines der Indizien: Mit Blick auf Olympia 2028 hat Trump bereits »klargestellt, dass er für die LA-Spiele trans Athleten keine Visa ausstellen wird« (SZ, 27.9.2025). Ein weiteres Indiz: Im September 2025 zog Trump in Betracht, einzelnen Städten die WM zu entziehen: »Wenn ich denke, dass es nicht sicher ist, werden wir sie (die WM) aus dieser Stadt verlegen.« (zit. n. 11Freunde, 26.9.2025) Es war die Zeit, als er einer Reihe von demokratisch regierten Städten unter Verweis auf angebliche Sicherheitsbedenken androhte, die Nationalgarde zu schicken. Mancherorts blieb es nicht bei der Drohung.
Als sich das Jahr 2025 neigte, war es für die FIFA zudem an der Zeit, den neu ausgelobten Friedenspreis zu verleihen. Anlass dazu bot die Gruppenauslosung für die WM 2026. Erwartungsgemäß verkam die Veranstaltung im John F. Kennedy Center von Washington D. C. »zu einer bizarren Show für den US-Präsidenten« (SZ, 5.12.2025). Er habe »zig Millionen Leben« gerettet und sogar »Kriege gestoppt, kurz bevor sie losgingen«, bedankte sich der mit goldener Trophäe geehrte Trump, der gerade das Verteidigungsministerium in Kriegsministerium umbenannt hatte. Daran erinnerte die Frankfurter Allgemeine Zeitung, zumal die USA in den Wochen vor der Preisverleihung »vor der Küste von Venezuela, Tausende von Kilometern von den USA entfernt, ohne völkerrechtliche Basis Boote und deren Besatzung bombardiert(en), die angeblich illegale Drogen transportieren« (FAZ, 7.12.2025). Bereits am 3. Januar 2026 sollten die Vereinigten Staaten mit der Bombardierung von Caracas und der Entführung von Staatspräsident Nicolás Maduro zum militärischen Angriff übergehen. Am selben Tag verkündete FIFA-Friedenspreisträger Trump: US-amerikanische Ölkonzerne würden sich nun in großem Stil im Land engagieren.
Kriegsbedingte Ausschlüsse
»All we are saying is give peace a chance«, erinnerten im März 2022 große Lettern in der Fankurve von Roter Stern Belgrad an ein John-Lennon-Lied. Über dem Banner erstreckten sich weitere Transparente, die US-geführte bzw. -gestützte Kriege und Staatsstreiche aus den vergangenen Jahrzehnten aufzählten. Viel Text, viele Stoffbahnen für folgende Auswahl: »Korea 1950, Guatemala 1954, Indonesia 1958, Cuba 1961, Vietnam 1961, Congo 1964, Laos 1964, Brasil 1964, Dominican Republic 1965, Greece 1967, Argentina 1976, Nicaragua 1981, Grenada 1984, Philippines 1989, Panama 1989, Iraq 1991, 2003, Republic of Sprska 1995, Sudan 1998, Yugoslavia 1999, Afghanistan 2001, Yemen 2002, Somalia 2006, Libya 2011, Syria 2011.«
Es brauchte nicht erst den Gazakrieg, um zu zeigen: Der Ausschluss Russlands aus Wettbewerben der UEFA wie der FIFA war ein Fall von zweierlei Maß. Er spiegelte die Politik westlicher Länder, denen ihrerseits nie ein Ausschluss gedroht hatte. Vietnamkrieg? Irak-Krieg? Jugoslawien-Krieg? Afghanistan-Krieg? Wäre eine WM bzw. eine Qualifikation ohne die USA vorstellbar gewesen? Oder ohne andere Länder, die sich an US-geführten Kriegen beteiligten? Eine WM ohne England, ohne Frankreich, ohne Deutschland? Auch wenn man dieselben Kriterien, die den Ausschluss »anderer« begründen, auf westliche Länder übertrüge, bliebe der Gedanke aus sportlicher Sicht abwegig – was die Doppelmoral um so mehr offenlegt.
Vor dem Hintergrund des Gazakriegs spitzte sich die Lage 2025 zu. Im September »drängte eine Gruppe von Experten der Vereinten Nationen den Fußball-Weltverband (FIFA) und Europas Fußball-Union (UEFA), Israel auszuschließen. Zwei Tage später erklärte US-Außenminister Marco Rubio als Vertreter des nächsten Gastgebers: ›Wir werden uns mit aller Kraft dafür einsetzen, alle Versuche, Israels Fußball-Nationalteam von der WM auszuschließen, vollständig zu unterbinden.‹« (SZ, 27.9.2025) Einige israelische Nationalspieler trugen nicht gerade zur Deeskalation bei. Shon Weissman etwa »teilte in sozialen Medien Inhalte, in denen die Zerstörung Gazas gefordert wurde. (…) Ein anderer Spieler, Menashe Zalka, zog als Soldat freiwillig in den Krieg und wurde später in den Stadien frenetisch gefeiert. Und der ehemalige Nationaltorhüter Dudu Aouate hat in sozialen Medien Menschen beleidigt, die sich für ein Ende des Krieges positioniert haben.« (SZ, 5.9.2025) Derweil erklärte ein Sprecher des israelischen Fußballverbandes gegenüber der Zeitung Globe, er sei »überrascht«, dass man »immer noch an internationalen Turnieren teilnehmen« dürfe. »In vielerlei Hinsicht« sei »das ein Wunder« (zit. n. SZ, 27.9.2025).
Lise Klaveness, Präsidentin des norwegischen Fußballverbands und Mitglied im UEFA-Exekutivkomitee, sprach sich »vor dem Hintergrund des militärischen Vorgehens (…) im Gazastreifen« für eine Suspendierung Israels durch den Europäischen Fußballverband aus (zit. n. ran.de, 14.10.2025). Sie sei der Meinung, »dass Israel ebenso wie Russland ausgeschlossen werden sollte« (zit. n. ntv.de, 30.9.2025). Vor dem WM-Qualifikationsspiel Norwegens gegen Israel im Oktober 2025 (5:0) erklärte sie: »Wir möchten die Gewinne (…) einer humanitären Organisation zukommen lassen, die in Gaza täglich Leben rettet und vor Ort aktiv Nothilfe leistet.« Denn dem »humanitären Leid und den unverhältnismäßigen Angriffen, denen die Zivilbevölkerung in Gaza seit langem ausgesetzt ist«, könne man nicht gleichgültig gegenüber sein (sportschau.de, 21.8.2025). Die Einnahmen sollten, so die Verbandspräsidentin, der Organisation Ärzte ohne Grenzen zugutekommen. Mit Blick auf die WM hatte sich die Frage der Suspendierung nach den Niederlagen Israels gegen Italien (4:5, 0:3) auf sportlichem Weg erledigt.
Russland also verbannen und andere nicht? Beim Internationalen Olympischen Komitee zeichnete sich 2025 eine Debatte darüber ab, wie mit Kriegen jenseits der Ukraine umzugehen ist. »Ich würde gerne eine Taskforce einrichten, die versucht, eine Politik und einen Leitrahmen festzulegen, damit wir als Bewegung Entscheidungen treffen können, wenn wir in Konflikte verwickelt werden«, so Kirsty Coventry im März 2025 (zit. n. FR, 23.3.2025). Die frisch gewählte IOC-Präsidentin zeigte sich vor dem Hintergrund zahlreicher anderer bewaffneter Auseinandersetzungen offen für eine Rückkehr Russlands zu den Olympischen Spielen. Ende September 2025 hob das Internationale Paralympische Komitee die Sanktionen gegen Russland und Belarus auf.
Wie eine Zitrone auspressen
104 Spiele statt nur 64: Eine WM mit 48 Teams verspricht mehr Einnahmen, gewiss ein Hauptmotiv für die Erhöhung der Anzahl. Und schon ist die Rede von einer künftigen WM mit 64 Ländern. Angesichts der Klimakatastrophe stehen zunehmend auch die Flugmeilen, die Millionen Tonnen an CO2-Äquivalenten, in der Diskussion. Andererseits: Aufstockungen gab es immer mal wieder, zuletzt lange Zeit nicht mehr. 1998 spielte man erstmals mit 32 statt mit 24 Teams. Mit nur 16 Mannschaften wurde 1978 letztmals um die Krone gespielt. Ein Mehr an Teams kam, bei aller anhaltenden Dominanz Europas, in aller Regel dem Süden zugute – 2026 in besonderem Maße. Lässt sich das auch als Verschiebung von (fußball-)politischen Kräfteverhältnissen verstehen?
Gewarnt wurde immer wieder vor einer sportlichen Verflachung bei einer Vergrößerung des Turniers. Doch ist das haltbar? Lassen wir eine Partie wie Brasilien–Deutschland (1:7, 2014) kurz außen vor: Im 21. Jahrhundert stechen nur drei sehr hohe Siege gegen Underdogs hervor, ein 8:0 (Deutschland gegen Saudi-Arabien 2002) und zweimal ein 7:0 (Portugal gegen Nordkorea 2010, Spanien gegen Costa Rica 2022). Ansonsten haben die »Kleinen« eher aufgeschlossen anstatt, wie El Salvador 1982 beim 1:10 gegen Ungarn, als Punchingball zu dienen.
»Es wird versucht, immer mehr aus der Zitrone zu pressen – beispielsweise mit der WM-Endrunde mit 48 Teams«, so Sepp Blatter Ende 2022 (Die Zeit, 53/2022). Der einstige FIFA-Präsident hatte die Kommerzialisierung selbst maßgeblich mit vorangetrieben, gab sich nun aber reumütig: Wenn er dem Fußball »damit geschadet« habe, dann tue es ihm »leid«. Er hatte den Kurs seines Vorgängers João Havelange fortgesetzt und beschleunigt, und eines Tages habe ihm der Brasilianer gesagt: »Sepp, du hast ein Monster geschaffen.« (zit. n. FR, 23.12.2022) Ein »Monster, das fast nicht mehr kontrollierbar« sei (zit. n. tagesanzeiger.ch, 20.11.2021).
Zweifellos folgt auch die Aufstockung auf 48 Teams der Logik einer Kommerzialisierung, die 2024 die Neue Zürcher Zeitung titeln ließ: »FIFA: Der Verband riskiert die Zerstörung des Fussballs« (NZZ, 30.11.2024) Die Diskussion ist hinlänglich bekannt, die »Fernseh- und Marketingrechte, die Kommerzialisierung und die beispiellose weltweite Fußballleidenschaft haben die FIFA zur Multimilliardenindustrie gemacht – mit gut sieben Milliarden Euro Einnahmen allein von 2019–2022« (Bundeszentrale für politische Bildung, 21.5.2024). Nach dem Vorbild »Super Bowl« steht für das WM-Finale 2026 – bei Ticketpreisen bis zu 6.730 Euro – eine Halbzeitshow samt möglicher Pausenverlängerung auf dem Programm. »Das wird ein historischer Moment für die WM – und eine Show, die der größten Sportveranstaltung der Welt würdig ist«, verhieß Infantino auf Instagram.
Zur anderen Seite des Profits gehörte: 2025 verwehrte das »Monster« Gewerkschaften, die die Arbeitsbedingungen überprüfen wollten, den Zugang zum Aztekenstadion.
Abbild einer multipolaren Welt?
Im Vorfeld der WM 2026 jährte sich der Streik des Afrikanischen Fußballverbandes zum 60. Mal. Damals stritten die Länder des Kontinents, mit dem Rückenwind der antikolonialen Befreiung, für die Garantie, wenigstens einen festen WM-Platz zu bekommen. Vor dem Turnier blieb der Weltverband noch unnachgiebig. Mit »Mexiko 1970« trug man den globalen Verhältnissen ein wenig mehr Rechnung, auch wenn Europa weiterhin den Ton setzte. Das Ringen um die Startplätze blieb der FIFA erhalten, und es sollte weitere 40 Jahre dauern, bis eine WM in Afrika ausgetragen wurde. Die Jahre neigten sich also, in denen bis auf Brasilien, Argentinien und Uruguay der globale Süden lange Zeit keine größere Rolle im Weltfußball spielte – bis auf Akteure, die für eines der europäischen »Mutterländer« spielten.
Nun also 48 Teams. Kommt darin nicht, sowohl im Fußball als auch globalpolitisch, der Aufstieg des Südens zum Ausdruck? Dessen Bedeutungsgewinn – und spiegelbildlich: der Abstieg des Westens – lässt sich etwa an den BRICS-Ländern ablesen. In dem Staatenbündnis lebte 2025, nach dessen Erweiterung, »etwas mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung«, also wesentlich mehr als »in den G7-Staaten mit ihren 10 Prozent. Bei einigen Wirtschaftsindikatoren (…) wurden die G7 bereits 2020 überholt, und BRICS liegen 2025 mit 36 Prozent deutlich vor den 29 Prozent des BIP der G7.«¹ Schließlich, hielt ein Autorenteam Mitte der 2020er Jahre fest, befindet sich die Welt »in einem Umbruch von enormer historischer Tragweite. 500 Jahre nach Kolumbus, nach Jahrhunderten der Versklavung und Ausbeutung Afrikas, Asiens und Lateinamerikas durch Kolonialismus, Imperialismus und Neokolonialismus endet die globale Dominanz der nordatlantischen Welt des weißen Mannes. Es entsteht eine multipolare Weltordnung, die in vielerlei Hinsicht mit einer Entwestlichung einhergeht.«²
Bei der WM spiegelt sich diese Entwicklung in der Anzahl von zusätzlichen Startplätzen. Die UEFA, mit 55 Mitgliedern nominell der größte Verband, bekam bei nunmehr 16 Plätzen drei weitere hinzu – verhältnismäßig weniger als bei vorangegangenen Vergrößerungen des Turniers. Die sonstige Verteilung: Afrika 9 (+4), Asien 8 (+3,5), Südamerika 6 (+1,5), Nord-/Mittelamerika/Karibik 6 (+2,5), Ozeanien 1 (+0,5). Zudem werden zwei weitere Startplätze in einem kleinen interkontinentalen Playoff-Turnier mit sechs Teams ausgespielt, an dem sich Vertreter aller Konföderationen außer Europa beteiligen. Das Abbild einer Weltordnung im Umbruch?
Doch paradoxerweise bedeutet das Turnier zugleich eine »soziale Spaltung auf globaler Bühne«, so Thomas Schröter in dem Band »WM 2026 – Bühne der Macht«. Denn in einer »hierarchisierten Fußballwelt« handle es sich um »ein Elitenprojekt«: Fans »aus dem globalen Süden, aus bildungsfernen Schichten oder mit unsicherem Rechtsstatus« wären »mit Barrieren konfrontiert, die sie vom Spiel ausschließen« – anders als »wohlhabende Fans aus Europa, Japan, Australien oder den USA selbst«.³
Anmerkungen
1 Peter Wahl, Erhard Crome, Frank Deppe und Michael Brie: Weltordnung im Umbruch. Krieg und Frieden in einer multipolaren Welt. Köln 2025, S. 41
2 Ebd., S. 10
3 Thomas Schröter: WM 2026 – Bühne der Macht. Wie Fußball, Politik und Profit kollidieren. Hamburg 2025, S. 50 f.
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Leserbrief von Emmo Frey (11. Februar 2026 um 11:27 Uhr)Bei allem Sanktionismus, den der Wertewesten beim angeblich so unpolitischen Sport gegen Russland auffährt, wundere ich mich immer wieder, wie eine Fußballweltmeisterschaft in diesem Jahr oder die Olympischen Sommerspiele 2028 in den USA überhaupt noch geplant und durchgeführt werden können. Der letzte Ignorant müsste doch merken, dass alles nur noch Heuchelei mit zweierlei Maß ist. Trump als moralisierender Weltpolizist mischt die Welt rücksichtslos auf und die Welt macht mit, quatscht von Völkerverständigung mittels Sport. Geht’s noch?
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