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Aus: Ausgabe vom 02.02.2026, Seite 11 / Feuilleton
Comic

Zertrümmerte Knie

Kontrolle als Illusion: Ed Brubakers und Sean Phillips’ meisterhafte Noir-Comic-Serie »Criminal« als Sammelbände
Von Marc Hieronimus
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Das Leben ist hart – und dann stirbt man

Irgendwo in einer dunklen Ecke von Center City ist das Undertow, auf Deutsch »Sog, Unterströmung«. Anfangs hieß Gnarlys Kneipe schlicht Undertown, Unterstadt, aber das N ist schon in den Fünfzigern kaputtgegangen, wie so manches im Leben all der Klein- und Großkriminellen, die in der Spelunke verkehren.

So ist das in der Halbwelt: Man schwimmt eine Weile oben, lässt sich treiben, aber wenn man keine strikten Regeln hat, zieht es einen irgendwann nach unten. Alle Figuren der Noir-Comic-Serie »Criminal« kommen oder kamen früher einmal hierher, auch schon als Gnarly noch boxte, bevor man ihm die Knie zertrümmerte, weil er seinen früheren Freund und quasi Bruder, den Sohn des Mafiapaten, gedemütigt hatte, weil der ihre gemeinsame Freundin schlecht behandelt hatte, weil … alles zusammenhängt.

So fügen sich die über 1.000 jetzt bei Schreiber & Leser in drei Luxusbänden zusammengefassten Seiten der Kultserie zu einem meisterhaft konzipierten Schlechte-Gesellschafts-Roman. Kein Wunder, Szenarist Ed Brubaker hat fünfmal den Eisner und Harvey Award als bester Autor abgeräumt und auch schon für Streamingserien geschrieben, da stimmen Timing, Dialog und nicht zuletzt die Perspektive: Mal steckt die Leserin im Kopf des Protagonisten, mal weiß sie mehr, mal weniger als er. Grafisch ist die Reihe nah an der Wirklichkeit.

Sean Phillips erklärt im Anhang von Band 1 ausführlich, wie er von einfachen Skizzen in mehreren Arbeitsgängen mit Fotos und Scans zu den getuschten Endzeichnungen kommt, die dann vom Koloristen Val Staples noch einmal auf eine andere düstere Ebene gehoben werden. Phillips’ Verbildlichung ist geniale Reduktion: keine Schraffur, keine Bewegungslinien, kaum Lautmalerei, Blut spritzt reichlich, aber ohne Übertreibung. Bunter und suggestiver sind dagegen die vielen ebenfalls angehängten Cover, die er im Stil alter Filmplakate und Plakatmalereien gestaltet hat. Ursprünglich erschien die Serie nämlich in Heften, die selbst einen Anhang hatten, in dem es um filmische und literarische Vorbilder ging und wo manche Fanpost wiedergegeben wurde.

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Das Leben ist hart – und dann stirbt man

»Criminal« war von Beginn an ein Projekt mit enger Leserbindung. Vielleicht, weil die Fans sich in den Figuren wiedererkennen konnten oder wollten. Jede hat ihre Geschichte. Tracy ist zurück, um den Mord an seinem jüngeren Bruder zu rächen. Ihr Vater war eine widerliche, aber wie sich später zeigt, auch eine arme Sau. Vietnam hat ihn zu dem Ekel gemacht, dem Tracy nach Jugoslawien und Irak immer ähnlicher wird. Jetzt tötet er Menschen, die es vielleicht verdient, aber den Tod seines Bruders nicht verantwortet haben. Ist er also ein Guter?

Die Polizisten sind größtenteils korrupt und skrupellos, aber darf man sie deshalb umlegen, wenn sie beim großen Coup im Weg stehen? Leo aus der ersten Geschichte namens »Feigling« würde nein sagen. Er ist bestimmt kein Angsthase, aber er hat Regeln, und »keine Waffen« gehört dazu. Er kann sowieso nicht schießen. Er kümmert sich um Ivan, einen drogensüchtigen und langsam dementer werdenden Exkollegen seines Vaters, der auch schon Krimineller war und durch einen Regelbruch ins Kittchen gewandert ist. Eigentlich macht Leo keine großen Sachen mehr, aber weil ein korrupter – oder erpresster? – Bulle einem aufstrebenden Gangsterboss einen Gefallen tun und einen Koffer beschlagnahmtes Heroin zurückbringen will, muss er noch einmal ran. Er ahnt schon, dass er verarscht werden wird, aber er irrt sich beim Wann und Wie. Also laufen die Dinge aus dem Ruder, er schießt natürlich doch, und sein lange erfolgreich navigiertes Schiff geht unter.

Das ist allen miteinander verwobenen Geschichten gemein: Kontrolle ist eine Illusion. Es gibt ein paar Leute, auf die man sich verlassen kann, aber sobald sie ein (zu) krummes Ding drehen oder in eins verwickelt werden, erwischt es sie. Und das schlägt Wellen. Leos Fehlkalkulation führt zum Tod von Donnie, die er doch beschützen wollte. Die Bullen schnappen sich Donnies Tochter, die doch gar nichts mit dem Scheiß zu tun hat. Und so geht das immer weiter.

Ed Brubaker (Text), Sean Phillips (Zeichnungen): Criminal (Band 1 und 2). Aus dem Englischen von Bernd Kronsbein und Resel Rebiersch. Verlag Schreiber & Leser, Hamburg 2025, je 432 Seiten, je 49,80 Euro; Band 3 in Vorbereitung

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