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Aus: Ausgabe vom 02.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Eine Welt im Gähnen

Die Langeweile ist ein heikles Monstrum: »Secret Love«, das neue Album von Dry Cleaning aus London
Von René Hamann
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Lakonisch kritisch singen: Florence Shaw von Dry Cleaning

Wie lange hält man Langeweile aus? Und wie lange hält man es aus, einer Musikerin zuzuhören, die sehr gelangweilt klingt? Wir Ältere erinnern uns wahrscheinlich noch gut an »Sleeper in Metropolis« (1983) von Anne Clark, aber hat man jemals ein ganzes Album von ihr durchgehört? War vermutlich schwierig. Und wer kennt noch die bezaubernde Langeweile von Algebra Suicide?

Wovon reden wir eigentlich? Weiblicher Sprechgesang über gemäßigt flotte, irgendwie new-wavige Stücke, das ist das, was auch Dry Cleaning aus London machen. Dieser Tage kam mit »Secret Love« ihr neues Werk heraus, und das Rezept gegen Langeweile lautet auch diesmal: Muss man aushalten. Für den Rest gibt es ein bisschen mehr Gesang als sonst, und die Gitarrensounds und Tracks sind insgesamt dichter und abwechslungsreicher. Cate Le Bon hat produziert.

Heißt, die Gitarre von Thomas Dowse klingt nicht immer nur nach Joy Division, und Florence Shaws Stimme, immer sehr dicht am Mikro aufgenommen, unternimmt erste Ausflüge ins Melodische. Es bleibt ein bisschen der Eindruck, dass man ein Vögelchen nicht flügge werfen kann, wie es Rocko Schamoni einmal formulierte, aber dennoch und trotzdem und erstaunlicherweise ist »Secret Love« ein gutes Album. Variationen der gepflegten Langeweile, so etwas geht.

Und da wären auch die Texte von Shaw, um die sich das Ganze fast logischerweise dreht. Wie schon auf den Vorgängern geht es mitunter düster zu, aber immer mit hintergründigem Humor. Ständige Überforderung, Welt als Zumutung, der man textlich nur mit Lakonie begegnen kann. Schon mal irgendwo ein Lied gehört, das von Kreuzfahrten handelt, genauer gesagt, von einem Kreuzfahrtschiffsarchitekten? »I make sure there are hidden messages in my work«, heißt es am Schluss des Songs, insofern wäre Taylor Swift auch eine Art Kreuzfahrtschiffsdesignerin.

Die Single »Hit My Head All Day« – die Videos sind angemessen krank, Konzeptkunst, bei der Vereinzelte beim Einzeltanz zu beobachten sind. In »Blood« ist eine kleine Palästina-Fahne im Hintergrund zu sehen, die Antisemitismusvorwürfe in Deutschland werden vermutlich nicht lange auf sich warten lassen – es ist die Art von Selbstgespräch, die fast schon nicht mehr lustig ist, sondern von einem sinistren Zeitgeist (»Geist« im Sinne von »Gespenst«) getrieben. Man könnte an dieser Stelle auf den Poptheoretiker Marc Fisher verweisen: Es ist ein Zeichen dieser Zeit, dass Jugend und Adoleszenz sich ihre musikalischen Leitfäden im Setzkasten von New Wave und Wave suchen und nicht beispielsweise im Rock ’n’ Roll oder der Psychedelica der ausgehenden 60er Jahre. Alles etwas krank da draußen, Musik und Texte spiegeln das wider.

Von Anne Clark hat man indes lange nichts mehr gehört. Recherchen ergaben, dass ihr letztes Album (2022) »Borderland (Found Music for a Lost World)« heißt. Bezeichnend.

Dry Cleaning: »Secret Love« (4AD)

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