Frauensolidarität bleibt ungebrochen
Von Elisabeth Olfermann
Die Schulen in der nordsyrischen Stadt Kamischli, direkt an der türkischen Grenze gelegen, sind überfüllt. An regulären Unterricht ist nicht zu denken. Denn statt Schülerinnen und Schülern sind in den Gebäuden derzeit Menschen untergebracht, die vor den aktuellen Kämpfen in Syrien aus anderen Teilen der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien, auch Rojava genannt, fliehen mussten.
Sultan Xusho, die in Kamischli die Vertriebenen unterstützt, berichtet: »Wir besuchen in Teams die geflüchteten Menschen, die meist in Schulen, Moscheen oder leerstehenden Gebäuden untergekommen sind. Wir sprechen mit ihnen über ihre Bedürfnisse. Wenn nötig, verteilen wir Lebensmittel und Kleidung und unterstützen bei der Suche nach einer längerfristigen Unterkunft.« Im Gespräch erzählt sie weiter, dass sie mit anderen Frauen zusammen kostenfreie medizinische Untersuchungen anbietet und bei Bedarf Medikamente verteilt. Auch werden die Geflüchteten – häufig traumatisiert – psychologisch betreut. Xusho ist die Vorsitzende der »Stiftung der freien Frau in Syrien« (WJAS). Die Frauenorganisation bietet eigentlich Ausbildungskurse im Näh- und Friseurhandwerk an, organisiert Sprachkurse und betreibt lokale Kliniken mit Angeboten zur Gesundheitsversorgung für Frauen. Angesichts der jüngsten militärischen Eskalation habe sich der Fokus der NGO-Arbeit jedoch grundlegend verändert, so Xusho.
Seit der zweiten Januarwoche greifen Truppen der syrischen »Übergangsregierung« unter dem selbsternannten Übergangspräsidenten Ahmed Al-Scharaa – einem ehemaligen Al-Qaida-Kämpfer – gemeinsam mit verbündeten islamistischen Milizen die Selbstverwaltung an, die bis dahin noch rund ein Drittel des syrischen Staatsgebiets umfasste. Inzwischen stehen die Milizen vor kurdisch dominierten Siedlungsgebieten, also jenen Regionen, in denen 2012 die sogenannte Rojava-Revolution begann.
Insbesondere die kurdische Bevölkerung in Nordsyrien befürchtet Massaker durch die neuen islamistischen Machthaber sowie einen neuen autoritär-islamistischen Zentralstaat, in dem ethnische und religiöse Minderheiten keinen Platz haben könnten. Xusho hat keine Illusionen über die neue Führung in Damaskus: »Die Milizen fördern eine neue Form des Islamismus. Gegenüber den USA und der EU geben sie sich freundlich, aber nach innen zeigen sie ihr wahres Gesicht.« Xusho erinnert an die Massaker an der drusischen und alawitischen Bevölkerung im vergangenen Jahr, bei denen über 3.000 Menschen zu Tode kamen und für die die Truppen der »Übergangsregierung« verantwortlich gemacht werden. Sie befürchtet, dass nun die Selbstverwaltung und insbesondere die kurdische Bevölkerung das nächste Opfer sein könnten. »Als unabhängige Organisation setzen wir uns für die Belange von Frauen und Kindern ein. Nun sehen wir, dass diese attackiert und ermordet werden. Die Welt muss doch sehen, was hier passiert.«
Neben der Region Dschasira um die Städte Kamischli, Amude, Derik und Hasaka kontrolliert die Selbstverwaltung aktuell nur noch Kobani – jene Stadt, in der der sogenannte Islamische Staat 2015 erstmals militärisch besiegt wurde, ist nun komplett umzingelt. Die Strom- und Wasserversorgung sind unterbrochen, auch der Güterverkehr ist gekappt. Und die winterlichen Temperaturen verschärfen die ohnehin dramatische Lage zusätzlich. Laut Angaben der Selbstverwaltung starben allein am vergangenen Sonnabend fünf Kinder an den Folgen der Kälte. Am Sonntag abend erreichte ein erster UN-Konvoi aus 24 Lkws mit Hilfsgütern die belagerte Stadt. Eine wirkliche Entlastung der Situation wäre hingegen ein humanitärer Korridor oder die Aufhebung der Blockade. Zu diesem Schritt zeigt sich die syrische »Übergangsregierung« jedoch nicht bereit. Auch die USA oder die EU äußern kaum Kritik am Vorgehen von Damaskus.
Für zivilgesellschaftliche Organisationen wird der Spielraum durch den islamistischen Vormarsch immer enger. Die »Stiftung der freien Frau in Syrien« musste ihre Arbeit in den Städten Aleppo, Rakka und Tabka einstellen, nachdem sie von den islamistischen Truppen erobert worden waren. Die dortigen Büros wurden, wie auch die von anderen Fraueneinrichtungen, geplündert, zahlreiche Mitarbeiterinnen mussten fliehen.
Al-Scharaa und seine Verbündeten sind erklärte Gegner basisdemokratischer Strukturen und von Geschlechtergerechtigkeit. Lokalen Berichten zufolge verteilten die unter Scharaa operierenden Truppen nach ihrem Einmarsch Korane und gaben Frauen schwarze Burkas aus – ein Vorgehen, das den Versuch unterstreicht, der Bevölkerung eine strikt islamistische Gesellschaftsordnung aufzuzwingen.
Inmitten von Gewalt, Repression und Unsicherheit sind es Frauenorganisationen wie WJAS, die weiterhin Verantwortung übernehmen – für andere Frauen, für Gemeinschaften und für das Fortbestehen zivilgesellschaftlicher Strukturen.
Elisabeth Olfermann ist aktiv bei der »Stiftung der freien Frau in Syrien«
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