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Aus: Ausgabe vom 29.01.2026, Seite 7 / Ausland
Vereinigte Staaten

Terrormaschinerie

ICE-Gewalt und -Willkür in den US-Metropolen als Symptom der Faschisierung und Militarisierung des westlichen Imperiums im Niedergang
Von Susann Witt-Stahl
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Protest gegen die menschenverachtenden Razzien der ICE-Faschisten wird brutal geahndet (Minneapolis, 13.1.2026)

Die Bilder der überfallartigen Einsätze der Einwanderungsbehörde ICE haben sich bereits in das kollektive Gedächtnis der US-Amerikaner eingebrannt. Das gilt auch für die Selbstinszenierung ihres mittlerweile von Washington auf öffentlichen Druck hin abberufenen Chefs Gregory Bovino mit Undercutfrisur und Militärmantel im Stil der deutschen Wehrmacht, der Kritikern offen mit »Konsequenzen« drohte. Wie die tödlichen Schüsse auf Alex Pretti am Sonnabend bewiesen haben, agiert seine stets gewaltbereite Truppe in den Straßen von Minneapolis und anderen US-Metropolen wie Freikorps und schreckt selbst vor willkürlichen Hinrichtungen nicht zurück. Die im Oktober 2025 geäußerte Befürchtung des Gouverneurs von Illinois, J. B. Pritzker, hat sich längst realisiert. »Sie wollen ein Kriegsgebiet schaffen, damit sie noch mehr Truppen schicken können.«

Für solche »Drecksarbeit« bedarf es militanter Outlaws mit paranoiden Weltbildern, kurzer Lunte und ausgeprägtem Menschenjagdtrieb – Typen wie die Kapitol-Stürmer vom 6. Januar 2021. Kürzlich warb das Heimatschutzministerium (DHS) auf X ICE-Rekruten mit dem Slogan »We Will Have Our Home Again«, dem Titel der unter Neofaschisten und Rassisten populären Hymne der rechten Folkpunkband Pine Tree Riot. Schon im August 2025 hatte das DHS ein »Join ICE Now!«-Meme, auf dem unter anderem vor einer »Invasion« gewarnt wird, mit den Worten »Which way, American man?« kommentiert – in Anlehnung an das antisemitische Traktat »Which Way Western Man?« aus dem Jahr 1978 von dem Naziautor William Gayley Simpson. Im Oktober postete das Ministerium ein Video von einem »USA! USA! USA!« krakeelenden Mob mit dem Zusatz »America for the Americans« – einer Parole des »Ku-Klux-Klan« – »We are asleep no longer«, eine unmissverständliche Warnung an Migranten und die gesellschaftliche Linke. Einen Monat später sandte das DHS einen dramatischen Aufruf: »Verteidigt das Heimatland! Deportiert alle fremden Eindringlinge!«

Am Wochenende veröffentlichte Recherchen des kanadischen Senders CBC News belegen: Diese Botschaften sind angekommen und werden von rechten Schlägerbanden wie den »Proud Boys« unter ihren Anhängern weiterverbreitet. Viele Bewerber bei ICE sollen sich explizit positiv darauf bezogen haben und wurden offenbar eingestellt – wie SS-Runen- und Wotansknoten-Tattoos auf Armen und Nacken von ICE-Beamten bezeugen. Immer häufiger treten neofaschistische Gruppen wie »Patriot Front« und »Aryan Freedom Network« auch als Hilfstruppen gegen Bürgerrechtler auf, die gegen die Übergriffe der ICE-Einheiten demonstrieren.

Heidi Beirich vom Global Project Against Hate and Extremism in Palm Springs bezeichnet das Vorgehen der US-Behörden gegenüber CBC News als »präzedenzlos«. Sie spricht von einer »sehr toxischen und gefährlichen Situation«. Besonders die »Normalisierung« von White-Supremacy- und Naziideologien durch »die mächtigste Regierung der Welt« gebe Anlass, »extrem besorgt zu sein«. Tatsächlich ragt das Problem über DHS und ICE hinaus: »Eine Heimat, ein Volk, ein Erbe – vergiss nicht, wer du bist, Amerikaner!« appellierte Trumps Arbeitsministerium am 11. Januar auf X an völkische Instinkte.

Der Publizist Chris Hedges betrachtet die Faschisierung und Militarisierung der US-Gesellschaft sowie die Ausweitung rechtsfreier Räume und die Kultur der Straflosigkeit als Auswirkung der tektonischen Verschiebung der vom Westen diktierten Weltordnung: »Was wir alle jetzt erleben, ist das, was Aimé Césaire als imperialen Bumerang bezeichnet hatte«, so der ehemalige New York Times-Korrespondent am Montag auf Substack. »Imperien im Zerfall« wendeten die brutalen Formen der Kontrolle, die sie gewöhnlich an der Peripherie einsetzen, irgendwann auch im Innern an. Hedges erinnert daran, dass diese Unterdrückungsmethoden für die Iraker in Falludscha, die Afghanen in der Provinz Helmand und Menschen in anderen von den US-Truppen besetzten Regionen ganz normaler Alltag sind und von der Mehrheit der US-Amerikaner nicht nur toleriert, sondern häufig auch bejubelt werden. »Wir haben den Wind gesät, nun werden wir den Sturm ernten. Die Terrormaschinerie, perfektioniert an denen, die wir im Stich gelassen und verraten haben, darunter die Palästinenser im Gazastreifen, ist bereit für uns.«

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