Sind die Chinesen schuld an den Bedingungen?
Interview: Alieren Renkliöz
Die Mailänder Staatsanwaltschaft ermittelt gegen mehrere internationale Luxusunternehmen wegen des Verdachts auf Ausbeutung in ihren Lieferketten, darunter Gucci, Prada und Versace. Schon 2024 wurden Dior und Armani unter gerichtliche Verwaltung gestellt. Zeichnet sich hierin eine generelle Trendwende hin zu besseren Arbeitsbedingungen ab?
Zweifellos sind diese Ermittlungen aufgrund ihrer abschreckenden Funktion von grundlegender Bedeutung, aber es gibt in Italien viele Zentren der Modeindustrie, in denen bisher keine gerichtlichen Ermittlungen dieser Größenordnung stattgefunden haben. Die von der Mailänder Staatsanwaltschaft und auch von der »Clean Clothes Campaign«, CCC, seit Jahrzehnten angeprangerten Vorkommnisse haben systemischen Charakter. Es ist schwer vorstellbar, dass die Maßnahmen der Mailänder Staatsanwaltschaft in so kurzer Zeit zu einer grundsätzlichen Veränderung führen können.
In der Toskana steht die Stadt Prato, der größte Textilstandort der EU, für ihre ausbeuterischen Produktionsstätten in der Kritik. Warum funktioniert das System trotz der offensichtlichen Gesetzesverstöße der Subunternehmer?
Die Ursachen für Ausbeutung, Steuerhinterziehung, irreguläre Arbeit und Hungerlöhne sind unfaire Handelsbeziehungen und Machtverhältnisse zwischen Marken und Lieferanten. Die Marken schreiben restriktive Preise und Bedingungen vor, die die Lieferanten dazu zwingen, auf Subunternehmer zurückzugreifen, die die Arbeitssicherheit und den Sozialschutz der Arbeiter einschränken, um die Arbeitskosten zu senken. Legale und illegale Arbeitsbedingungen existieren dabei oft nebeneinander, entlang der gesamten Lieferkette und sogar innerhalb desselben Gebäudes. Da gibt es Fabrikgebäude, in denen zwei Subunternehmen unter derselben Leitung existieren, wobei für die Arbeiter des einen Subunternehmens national gültige Tarifverträge nicht eingehalten werden.
Viele Verantwortungsträger stellen es so dar, als sei die Ausbeutung in den vielen chinesisch geführten Produktionsstätten von Prato auf die grundlegend andere Art und Weise zurückzuführen, wie Chinesen Geschäfte machen. Ist das also nur eine andere Form der Arbeitskultur?
Ich bin ganz und gar nicht dieser Meinung. Es handelt sich nicht um ein kulturelles oder ethnisches Problem, wie manche uns glauben machen wollen. Die Ursachen sind wirtschaftlicher Natur und kommen von oben. Wenn auf Auftraggeberseite keine Maßnahmen ergriffen werden, sind es die kleinen Fische, die darunter leiden, ohne dass sich etwas ändert. Wenn ein Subunternehmer in die öffentliche Kritik gerät, dann streichen die Unternehmen Aufträge und verlagern ihren Standort woanders hin, anstatt Maßnahmen zu ergreifen, um Verstöße zu verhindern oder die negativen Auswirkungen ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit zu beheben und die Arbeitsbedingungen bei ihren Zulieferern zu verbessern. All das haben wir ja auch im Fall des Unternehmens Montblanc sehen können. Als die Gewerkschaft Sudd Cobas Ausbeutung bei dem Subunternehmer Z-Production aufdeckte, änderte Montblanc kurzerhand den Produktionsstandort. Die Schuld den Chinesen zu geben, ist bequem, weil es die Hauptverantwortlichen entlastet: die Luxusunternehmen.
Wie kann eine Lösung aussehen?
Firmen müssen dazu verpflichtet werden, angemessene Preise zu zahlen, damit Lieferanten existenzsichernde Löhne zahlen können. Doch das ist eine notwendige, keine ausreichende Bedingung, da die Lieferanten dann genau überwacht werden müssen, um sicherzustellen, dass sie ihre Arbeiter angemessen bezahlen. Dies kann durch eine wirksame Sorgfaltspflicht von oben geschehen. Doch der beste Garant für die Rechte und Löhne der Arbeiter ist die gewerkschaftliche Organisation in den Fabriken. Denn jede Fabrik, in der eine 40-Stunden-Woche eingeführt wird, in der eine Gewerkschaft für Arbeiterrechte einsteht, schafft für andere Arbeiter ein Beispiel: Es ist möglich, sich kollektiv zu organisieren und gemeinsam individuelle Schicksale zu verändern.
Deborah Lucchetti koordiniert die italienische Sektion der Nichtregierungsorganisation »Clean Clothes Campaign« (CCC). Diese setzt sich weltweit für faire und umweltverträgliche Bedingungen in den Lieferketten der Textil- und Kleidungsindustrie ein.
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