SS-Tattoo als Ausweis
Von Susann Witt-Stahl
Eine geheime Liste von mehr als 700 mutmaßlichen Nazitätern, die nach dem Zweiten Weltkrieg Unterschlupf in Kanada erhalten hatten, bleibt unter Verschluss. Das entschied die Informationsbeauftragte der kanadischen Regierung, Caroline Maynard, am vergangenen Freitag.
Die Liste, die vor rund 40 Jahren von einer Untersuchungskommission zu Kriegsverbrechern in Kanada unter der Leitung des pensionierten Richters Jules Deschênes aus Quebec erstellt worden war, befindet sich in der Library and Archives Canada (LAC), der Nationalbibliothek des Landes in Ottawa.
Bereits im Sommer 2024 hatten LAC-Beamte ausgewählte Einzelpersonen und Organisationen gefragt, ob die Liste veröffentlicht werden sollte – darunter Mitglieder der ukrainischen Gemeinschaft Kanadas, die historisch vorbelastet ist; nicht wenige ihrer Mitglieder sollen sich auf dieser Liste befinden. Die mit eindeutiger Symbolik gezierten Gräber und Monumente beispielsweise auf dem Ukrainischen Friedhof St. Volodymyr in Oakville, Ontario, bezeugen: Es dürfte sich dabei vor allem um ehemalige Angehörige der Waffen-SS-Division »Galizien« handeln, aber auch um andere Faschisten, die sich der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) angeschlossen hatten und mit Nazideutschland auch beim Holocaust kollaborierten. Nicht konsultiert von LAC wurden hingegen Vertreter des Opferkollektivs und Geschichtswissenschaftler. Entsprechend fiel das Beratungsergebnis und die Entscheidung aus: Die Freigabe der Liste wurde unter anderem mit der Begründung verweigert, dass die russische Regierung sie für ihre Kriegspropaganda gegen die Ukraine nutzen könnte.
Die Tageszeitung The Globe and Mail, die in Berufung auf das kanadische Informationsfreiheitsgesetz Zugang zu der Liste begehrt, hatte daraufhin eine Überprüfung beantragt und darauf hingewiesen, dass die meisten, möglicherweise sogar alle aufgeführten Personen ohnehin verstorben seien. LAC hielt dagegen mit der Warnung, eine Offenlegung würde »eine erhebliche Schwächung der Verteidigung eines mit Kanada verbündeten ausländischen Staates verursachen«. Caroline Maynard ließ zu ihrer erneuten Ablehnung verlautbaren, dass die Beziehungen Kanadas zu diesem Staat und dessen Verbündeten Schaden nehmen würden.
»Es ist längst an der Zeit, dass die Fakten über die Täter von Völkermord und Kriegsverbrechen der Nazis herauskommen, die der Gerechtigkeit entkommen und ein komfortables, geschütztes Leben in unserem Land führen durften«, kommentierte Jaime Kirzner Roberts vom Friends of Simon Wiesenthal Center, die das Verhalten der kanadischen Regierung schon früher als »beschämend« bezeichnet hatte. Wissenschaftler wie Per Rudling kritisieren deren auffallend restriktiven Umgang mit Archivmaterial.
Dieser dürfte sich durch das komplizenhafte Verhalten Kanadas erklären, das Nazis in der Nachkriegszeit auf Betreiben Großbritanniens einen »nahezu glückseligen Zufluchtsort« geboten habe, wie es in einem Artikel der Jewish Telegraphic Agency von 1997 heißt. Emigranten aus Europa hätten nur »SS-Tattoos zu zeigen« gebraucht, zitiert die Agentur den Historiker Irving Abella. »Das hat bewiesen, dass du ein Antikommunist bist.«
Heute bilden deren politische Nachkommen und ihre Lobbyorganisationen eine relevante Kraft in der Politik Kanadas, das damals wie heute von der Liberalen Partei regiert wird. Der Ukrainian Canadian Congress (UCC), der als offizieller Repräsentant der mit rund 1,3 Millionen Menschen größten ukrainischen Diaspora weltweit gilt, wird von Anhängern des radikalen Bandera-Flügels der OUN (OUN-B) dominiert. Nicht zuletzt der enorme Einfluss des UCC dürfte dafür gesorgt haben, dass etwa der Bau des »Roman Shukhevych Ukrainian Youth Unity Complex« in Edmonton, benannt nach dem Kommandeur des Wehrmachtsbataillons »Nachtigall« und der Ukrainischen Aufständischen Armee der OUN-B, mit öffentlichen Geldern gefördert wurde. In ukrainischen Kulturzentren und anderen Institutionen werden offen Vernichtungsantisemiten wie Jaroslaw Stezko, Banderas ehemalige rechte Hand und Nachfolger, verehrt.
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