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Aus: Ausgabe vom 26.01.2026, Seite 4 / Inland
Club Voltaire bedroht

Retter gesucht

Frankfurt am Main: Dem Club Voltaire droht das Aus. Die Aktiven wollen das nicht hinnehmen
Von Gert Hautsch,
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Hier werden auch schon mal die sowjetischen Befreier gefeiert – das passt manchen nicht (Frankfurt am Main, 8.5.2025)

Die Option »das war’s dann eben« stand nicht zur Debatte. Am Wochenende hatte der legendäre Club Voltaire in Frankfurt am Main zur außerordentlichen Mitgliederversammlung eingeladen. Der Anlass war dramatisch, denn das Haus, in dem der Club seit 1962 »residiert«, soll verkauft werden. Ein Geschwisterpaar hat geerbt und will nun Geld sehen, der Mietvertrag wird nicht verlängert, Ende 2026 soll Schluss sein. Oder doch nicht? Die Aktiven des Clubs wollen sich damit nicht abfinden. Aber welche Chancen sehen sie?

Der Club Voltaire hat an seiner Verortung im linken politischen Spektrum nie einen Zweifel gelassen. Er versteht sich als Veranstaltungsort, Vernetzungsbüro, Kulturhaus und Kneipe in einem. Im Erdgeschoss finden politische Vorträge, Streitgespräche und Podiumsrunden statt, ebenso Musik aller Art – von Jazz übers »Wirtshaussingen« und Liederabende bis zur Latin-Disko, daneben Kleinkunst und Ausstellungen. Ansonsten herrscht normaler Kneipenbetrieb mit Flammkuchen, Handkäs und Äppelwoi. Die oberen Stockwerke werden für wenig Geld an Gruppen und Initiativen vermietet. Und das alles mitten in der Innenstadt, nahe der »Alten Oper« und der Schickimicki-Meile »Fressgass’«. In Deutschland gibt es das nicht noch einmal. Daran knüpfen sich die Hoffnungen der Aktiven. Maxim Graubner, Vorsitzender des Trägervereins: »Wir erwarten, dass uns die Stadt unterstützt.«

Das dürfte nicht einfach werden, trotz der Kommunalwahlen im kommenden März. Der Club hat nicht nur Freunde in der Stadt. Politische Angriffe von rechts gehören zu seiner Geschichte, sie haben schon mehrfach die Existenz bedroht. Meist wird mit Verleumdungen gearbeitet (gerne »Antisemitismus«) – oder mit Versuchen zum finanziellen Ruin. Einen der gefährlichsten gab es 2019 (jW berichtete). Damals forderte die CDU im Stadtparlament, dem Club Voltaire die Fördermittel zu streichen. Das hätte das Ende bedeutet, denn aus Spenden allein wäre die Miete für das Gebäude nicht zu bezahlen. Eine breite und machtvolle Solidaritätsbewegung sorgte dafür, dass der Angriff ins Leere lief.

Bei der Mitgliederversammlung am Wochenende wurde die Initiative »Rettet den Club!« ins Leben gerufen. Sie richtet sich an die zahlreichen Menschen, die im Lauf der Jahre dem Club nahe waren und ihm gewogen geblieben sind. Ebenso an die progressive Stadtgesellschaft und natürlich an das aktuelle Publikum, Alt und Jung, divers, politisch. Gefragt sind auch die politischen Entscheidungsträger. Immerhin sind der Oberbürgermeister und die Kulturdezernentin Mitglieder der SPD. Für die CDU ist der Club allerdings ein rotes Tuch, sie findet schon den Gedanken, das Haus zu kaufen, »absurd«.

Für den Trägerverein gilt eine klare Ansage: Der Club Voltaire muss in seinem jetzigen Domizil bleiben. Nur hier kann das Ensemble von Veranstaltungsraum, Musikschuppen und populärer Kneipe bewahrt werden. Option eins ist das, was in der Finanzwelt »weißer Ritter« genannt wird: eine oder mehrere betuchte Personen oder Institutionen, die das Gebäude kaufen und dem Club vermieten. Option zwei wäre, dass die Stadt Frankfurt diese Rolle übernimmt. Allerdings müsste das Stadtparlament dem Erwerb zustimmen, was fraglich ist. Lothar Reininger, Initiator der Initiative »Rettet den Club!« und Organisator genossenschaftlicher Wohnprojekte, gibt sich dennoch optimistisch: »Der Club Voltaire darf nicht sterben, er ist vielen Frankfurtern und Linken eine Herzensangelegenheit.«

Option drei wäre der Umzug an eine neue Adresse in der Stadt. Ob es danach gelingen könnte, den Club Voltaire und seinen ganz speziellen Charakter zu erhalten, bliebe abzuwarten. Es wäre eine Notlösung. Option vier, die Schließung nach 64 Jahren, stand – wie gesagt – nicht ernsthaft zur Debatte.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralph D. aus Gotha (25. Januar 2026 um 19:53 Uhr)
    Der Frankfurter Club Voltaire muss erhalten bleiben. Er kann auf eine lange und ebenso interessante Tradition zurückblicken. Im tiefsten Kalten Krieg fand hier deutsch-deutsche Annäherung auf Augenhöhe statt durch das Auftreten zahlreicher DDR-Schriftsteller und Gelehrter. Ralph Dobrawa, Gotha

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