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Aus: Ausgabe vom 22.01.2026, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Das gute Monster

Zeitreise mit Familie: Vinciane Millereaus Geschlechterrollenkomödie »Die progressiven Nostalgiker«
Von Ronald Kohl
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Noch kein Schoßhündchen: Michel Dupuis (Didier Bourdon) und Ehefrau Helene (Elsa Zylberstein)

Der Bankangestellte Michel Dupuis (Didier Bourdon) hat im Sommer 1958 keinen sehr festen Schlaf; er leitet in seiner Filiale die Kreditabteilung für Firmenkunden, und die Zahlen im letzten Quartal waren eine kleine Katastrophe. Und das aus nur einem einzigen Grund: Michel hasst technischen Fortschritt, um ehrlich zu sein: Fortschritt überhaupt.

Als er in dieser Nacht durch ein fremdartiges, bedrohliches Rumpeln geweckt wird, tastet er sich in den Keller hinab. Seine Frau Helene (Elsa Zylber­stein) erschrickt, als hätte er sie bei einem Seitensprung ertappt. Schützend stellt sie sich vor das weiße Monstrum, das die Quelle des Krachs ist und das sie im Preisausschreiben eines Waschmittelproduzenten gewonnen hat. Michel, der immer im Interesse der gesamten Familie denkt, macht den Vorschlag, das Ding zu verkaufen und von dem Geld etwas anzuschaffen, von dem alle etwas haben (die Nachbarn besitzen neuerdings einen Fernseher). Bei dem kleinen Gerangel, das sich aus der anschließenden Diskussion ergibt, löst sich erst der Wasserschlauch der Maschine und dann der Stecker. Es knallt und blitzt. Michel und Helene kriegen eine gewischt, und als sie morgens wieder zu sich kommen, befinden sie sich in einer anderen Zeit.

Bei der Deutschland-Premiere von »Die progressiven Nostalgiker«, die am Montag im Cinema Paris stattfand, waren Hauptdarsteller Bourdon, Drehbuchautor Julien Lambroschini und die Regisseurin und Koautorin Vinciane Millereau anwesend. Auf die Frage, woher die Idee für diese Art Zeitmaschine stamme, antwortete sie: »Ich habe meine Großmutter einmal gefragt, was ihr Leben am meisten veränderte. Sie hat mir gesagt, ihre größte Befreiung war die Waschmaschine.«

Im Jahr 2025, wohin es Helene und Michel nun mitsamt ihres beruflichen und privaten Umfelds verschlagen hat, ist es mit der Freiheit so eine Sache. Denn Helene ist nun nicht mehr die Hausfrau. Sie, die in der schlechten alten Zeit nicht einmal einen Führerschein besaß, fährt jetzt jeden Morgen mit dem Auto zur Arbeit (einem selbsteinparkenden Modell). Während Michel zu Hause in der Küche steht, leitet Helene auf einmal die komplette Bankfiliale, nicht nur eine einzelne Abteilung. Das erforderliche Wissen erwirbt sie recht schnell. Beim Blick auf eine Zahlenkolonne fragt sie: »Sind das alte oder neue Franc?« – »Das sind Euro.« – »Ah, ja.«

Der Rollentausch der Geschlechter ist jedoch eher als Gaglieferant von Bedeutung, neben dem technischen Firlefanz, der auch viel zur Erheiterung beiträgt. Als das Ehepaar das erste Mal über das Smartphone miteinander spricht, sagt Helene: »Michel, du musst dir das Ding vor das Gesicht halten, sonst sehe ich nur die Haare in deinen Nasenlöchern.« (Die hochkarätigen Pointen gebe ich nicht zum Besten.)

Das im deutschen Titel angekündigte Progressive bezieht sich auf die Veränderungen im Miteinander innerhalb der Familie. Selbstverständlichkeiten aus den 1950er Jahren lassen 2025 heftige Konflikte entstehen. Damals hatten die beiden heranwachsenden Kinder ein Problem mit ihren Eltern, besonders mit dem Vater, dem Familienoberhaupt, und in der Jetztzeit haben die Eltern ein Problem mit ihren Kindern, erwartungsgemäß besonders der Vater. Es ist nicht einmal so sehr relevant, dass die Frau nun die Kohle heranholt; ihr gefällt ihre Position zwar, doch sie nutzt sie nicht aus.

Interessant wird es, als Michel begreift, dass ihm wegen seiner veralteten Ansichten seine Familie zu entgleiten droht. Und es ist von einem Mann aus dem vorigen Jahrhundert reichlich viel verlangt, dass er nun wie ein Löwe um sein Glück kämpft, obwohl er sich, seit sie in der neuen Zeit angekommen sind, nur noch wie ein Schoßhund fühlt. Einmal ist seine Verzweiflung übermächtig, und Michel fummelt allein an der alten Waschmaschine herum. Die Reise endet zum Glück nicht im Jenseits.

Ich habe Drehbuchautor Julien Lambroschini nach der Vorführung gefragt, ob er sich sofort für die Idee einer Waschmaschine als Zeitmaschine begeistern konnte.

Er muss nicht lange überlegen: »Ja, denn damals war die Waschmaschine wirklich ein Symbol der Befreiung. Jetzt, wo noch immer ein Großteil der Hausarbeit von Frauen verrichtet wird, jedenfalls in Frankreich, ist sie wieder ein Symbol der Unfreiheit.« – »Wenn dann irgendwann nur noch die Männer die Wäsche waschen«, frage ich, »wird sie da wieder zu einem Symbol der Freiheit werden?« – Die Vorstellung scheint ihm zu gefallen: »Oh, ja. Ganz bestimmt.«

Für mich als hauptamtlichen Filmkritiker ist übrigens eine Ehefrau, die sich nicht die Bohne dafür interessiert, wie das Ding auch nur geöffnet wird, schon längst keine Zukunftsmusik mehr. (Von wegen: Freiheit, Gleichheit usw. Einer ist immer für die Socken zuständig.)

»Die progressiven Nostalgiker«, Regie: Vinciane Millereau, Frankreich/Belgien 2025, 103 Min., Kinostart: heute

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