Wie Shakespeare zu seinem Hamlet kam
Von Marc Hairapetian
Wer kennt es nicht? Sein oder Nichtsein, das ist hier … ja, ja, »Hamlet« ist eines der berühmtesten der alle nicht eben unbekannten Shakespeare-Dramen. Der schrieb sein Stück 1601, gedruckt wurde es 1604. Seitdem hat eine Vielzahl von Premiummimen den zaudernden Dänenprinzen gegeben, der den Tod seines Vaters rächen will. In moderner Zeit interpretierten ihn in England Laurence Olivier und Peter O’Toole kongenial, im deutschsprachigen Raum ließen Oskar Werner und Maximilian Schell nicht abreißen. Zu Beginn von Chloé Zhaos Film »Hamnet« wird erst mal wie im gleichnamigen Roman von Maggie O’Farrell erläutert, dass die Namen Hamnet und Hamlet im England des späten 16. Jahrhunderts austauschbar waren. Statt des gewohnten »l« ein neckisches »n« – why not? An seinem Ende tritt trotzdem der uns geläufige Hamlet auf die Bretter des Globe Theatre, in Gestalt des erst 20jährigen Schauspielers Noah Jupe (»Franklin«, 2024). Nun gut, ein Richard Burton oder John Gielgud ist er wahrlich nicht.
Macht nichts, schließlich ist manchmal auch der Weg das Ziel, besonders im Film. So wird hier über 125 Minuten gezeigt, was den englischen Dichter, Impresario und Darsteller zu seinem berühmten Drama inspirierte. Bei O’Farrell und Zhao (»Nomadland«, 2021), die gemeinsam das Drehbuch verfassten, ist es der Sohn des Dichters. Wir schreiben die 1580er Jahre: Im kleinen Ort Stratford-upon-Avon beginnt Lateinlehrer William Shakespeare (Paul Mescal) eine Beziehung mit der mysteriösen Agnes (Jessie Buckley). Gerüchte machen die Runde, sie sei eine Hexe. Das hält Will nicht davon ab, gleich drei Kinder mit ihr zu zeugen: zuerst Susanna (Bodhi Rae Breathnach), gefolgt von den Zwillingen Judith (Olivia Lynes) und Hamnet (Jacobi Jupe). Agnes ermutigt William, in London seinen Traum zu leben. Hamnet wünscht sich, eines Tages mit seinem Vater am Theater zu arbeiten. Doch die Pest wütet und kostet den Jungen 1596 mit nur elf Jahren das Leben. Will verarbeitet den Tod des Sohnes, indem er ein Stück schreibt.
Wir kennen das von »Biopics«, immer funkt das Private ins Berufliche, vor allem in die Kunst. Hier gelingt das über weite Strecken schlüssiger, als man es von den meisten Produktionen des neuen Jahrtausends gewohnt ist. Steven Spielberg ist der Koproduzent, da ist garantiert, dass die Zuschauer beherzt ins Taschentuch schluchzen dürfen. In Ridley Scotts »Gladiator II« (2024) überzeugte der Ire Paul Mescal mit seiner Physis. Dass er auch feiner kann, zeigt er bei Zhao als Shakespeare, ist schwärmerischer Künstler und besorgter Vater zugleich. Etwas blass bleibt dagegen seine Frau Jessie Buckley als verdächtige Heilerin. Auch den Rest des Darstellerensembles hätte man sich bei der Shakespeare-Variation charismatischer erhofft.
»Hamnet«, Regie: Chloé Zhao, GB/USA 2025, 125 Min., Kinostart: heute
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