Immer auf die Kranken
Von Ralf Wurzbacher
Warum geht es Deutschland so schlecht? Na klar: Weil die die Deutschen so viel krankfeiern. Im krampfhaften Bemühen, Schuldige für die anhaltende Wirtschaftsflaute zu finden, lassen Politik und Unternehmerlobby keine Plattheit aus. Die neueste Vorlage durch den Bundeskanzler begreift seine Parteifreundin und Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) prompt als Handlungsauftrag. Die Regierungsparteien hätten sich im Koalitionsvertrag darauf verständigt, Missbrauch beim Umgang mit telefonischen Krankschreibungen auszuschließen, verkündete sie am Dienstag via Tagesspiegel. »Genau das werden wir angehen und die aktuellen Regelungen auf den Prüfstand stellen.« Eine gleichentags durch die DAK-Gesundheit vorgelegte Analyse kommt da wie bestellt. Demnach blieb die Zahl der Bescheinigungen von Arbeitsunfähigkeit (AU) etwa so hoch wie 2024.
Zum Kahlschlag hatte am Montag abend auch der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Rainer Dulger, aufgerufen. Vor Pressevertretern verlangte er die seit gut zwei Jahren mögliche Krankschreibung per Telefonat kurzerhand abzuschaffen. Außerdem trommelte er für radikale Einschnitte bei der Lohnfortzahlung für Erkrankte. Der Anspruch solle übers gesamte Jahr hinweg nur mehr für sechs Wochen bestehen, nicht wie bisher für sechs Wochen pro Krankheit. Friedrich Merz steht Gewehr bei Fuß. Am Freitag der Vorwoche hatte der bei einem Wahlkampfauftritt in Bad Rappenau bei Heilbronn den hohen Krankenstand als Beleg für eine angeblich verbreitete Leistungsfeindlichkeit der Beschäftigten ins Feld geführt. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts konnten diese 2024 im Schnitt 14,8 Tage krankheitsbedingt nicht arbeiten. Dazu der Kanzler: »Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?«
Die Debatte wird wie gewohnt sinnfrei geführt und ohne Rücksicht auf Verluste. Die telefonische Feststellung der Arbeitsunfähigkeit wurde mit dem Ziel eingeführt, die Arztpraxen zu entlasten und die Infektionsrisiken zu reduzieren. Sie greift bei weniger schweren Symptomen, speziell im Zusammenhang mit Atemwegserkrankungen. Genau diese Leiden erleben seit Jahren eine davor so nicht nachgewiesene Verbreitung. So verzeichnete eine Ende 2024 vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung vorgelegte Studie eine deutlich gestiegene Inanspruchnahme von Ärzten »aufgrund akuter Atemwegsinfektionen, insbesondere bei Kindern im Grundschulalter und Erwachsenen bis 65 Jahre, mit einer Zunahme von fast 20 Prozent von 2019 auf 2023«. Über die Gründe lässt sich spekulieren.
So oder so erscheint die Unterstellung, die Menschen drückten sich verstärkt vor der Arbeit, unredlich. Einmal mehr würden »Einzelfälle wider besseres Wissen zum Generalverdacht aufgebauscht«, äußerte am Dienstag Julia-Christina Stange von der Fraktion Die Linke im Bundestag gegenüber jW. Dabei hätten neben den Hausärzten auch die Krankenkassen klargestellt, dass es mit der telefonischen AU keinen Anstieg bei den Krankmeldungen gab. »Erkrankte Beschäftigte, gerade in ländlichen Regionen mit wenigen Arztpraxen, oder diejenigen mit eingeschränkter Mobilität wieder in den Praxen vorsprechen zu lassen, verschärft bestehende Missstände und belastet die Hausarztpraxen – erst recht jetzt in der Erkältungszeit«, bemerkte Stange.
Nach besagter »Krankenstandsanalyse 2025« der DAK sind Atemwegskrankheiten die stärksten Treiber bei den Ausfallzeiten, gefolgt von psychischen Leiden mit einem Plus von knapp sieben Prozent gegenüber 2024 und Muskel-Skelett-Problemen. Alles in allem ergab die Auswertung der Daten von über zwei Millionen bei der DAK Versicherten 19,5 Fehltage pro Kopf. Die AOK hatte für ihre Mitglieder zuletzt sogar einen Schnitt von 23,9 AU-Tagen ermittelt. Für besorgniserregend hält die Kasse vor allem die anhaltende Zunahme bei den psychischen Beschwerden mit einer Erkrankungsdauer von im Mittel 28,5 Tagen. DAK-Vorstandschef Andreas Storm plädierte am Dienstag für die Ausrichtung eines politischen Gipfels zum Thema, forderte mehr Prävention und schlug eine »Teilkrankschreibung« zum Beispiel für »drei von acht Arbeitsstunden pro Tag« vor. Derlei Ideen finden Merz, Warken und Dulger bestimmt ansteckend.
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