Was fordern die Überlebenden des Brandanschlags?
Interview: Max Grigutsch
Zum Gedenken an den Brandanschlag von 1996 mobilisieren Sie am Sonnabend nach Lübeck. Warum gehen Sie noch immer davon aus, dass es sich um einen rassistischen Anschlag gehandelt hat?
Die Ermittlungen haben damals nicht dazu geführt, dass Täter verurteilt wurden. Es war der tödlichste Brandanschlag in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Vier Neonazis waren Teil des Tatgeschehens. Sie wurden nicht verurteilt, sind für uns aber ganz klar die Täter. Wir gehen davon aus, dass es ein rassistischer Brandanschlag war.
Warum wurde das nicht erkannt?
Die Ermittlungen sind konsequent nur in eine Richtung geführt worden, also gegen den Hausbewohner Safwan E., der selbst Opfer des Brandanschlags war. In Richtung der Neonazis wurde kaum ermittelt. Es sind Beweise verschwunden, Aussagen nicht aufgenommen worden und so weiter.
An dem Fall offenbaren sich altbekannte Muster der Ermittlungsarbeit, wenn es um rechte Gewalt geht. Warum dieser mangelnde Aufklärungswille der Staatsorgane?
Amadeu Antonio wurde 1990 ermordet. Von 1990 bis 1996 ist extrem viel passiert. Das Ansehen des deutschen Staates nach der Wiedervereinigung hätte wohl darunter gelitten, wenn noch ein Anschlag mit zehn Toten als rassistisch offenbart worden wäre. Wir fordern einen Untersuchungsausschuss in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, der unter anderem das Ziel verfolgen würde, die Ungereimtheiten und auch ein staatliches Einmischen aufzudecken.
Was fordern die Überlebenden und Angehörigen 30 Jahre nach dem Anschlag?
Einige leben noch in Lübeck, viele sind aber auch weggezogen, weil die Erinnerung weiterhin extrem schmerzhaft ist. Neben den Toten gab es ja auch 38 Verletzte. Viele der Bewohner sind körperlich eingeschränkt, werden also täglich daran erinnert und psychisch belastet. Die Forderung nach Aufklärung, nach einer juristischen Aufklärung vor allem, besteht weiterhin. Wenn der Brandanschlag als ein rassistischer verurteilt worden wäre, hätte es eine institutionelle Erinnerungskultur geben können und damit mehr Rückhalt für die Überlebenden. In Lübeck ist das Thema zum Beispiel nicht fest im Curriculum verankert. Viele, die nach Lübeck ziehen, wissen gar nichts davon. Es wird nie erwähnt bei den Erinnerungen an andere Anschläge. In Lübeck findet man nur einen kleinen Gedenkstein, gegenüber dem Ort, an dem das Haus damals stand. Es ist für die Betroffenen schmerzhaft, dass das Erinnern an ihnen selbst hängt. Wir wollen Gerechtigkeit, auch juristische Gerechtigkeit. Dann hätten wir mehr Möglichkeiten, die Erinnerung zu schaffen. Auch ein Untersuchungsausschuss ist weiterhin eine zentrale Forderung.
Sie nehmen die Aufklärung auch selbst in die Hand. Aktuell organisieren Sie unter dem Titel »Zeit zu reden« einen Zeugenaufruf.
Wir haben uns entschieden, noch mal in Lübeck und in Grevesmühlen große Plakatwände aufzustellen und Menschen zu suchen, die damals in Justiz, Staatsanwaltschaft, Polizei, Stadt, bei der Feuerwehr oder im Sanitätsdienst gearbeitet haben. Der Aufruf richtet sich auch an die Neonazis, die schon mehrmals gestanden haben, oder an ihre Helfer, um ihnen mitzuteilen, es gäbe noch die Option, ihr Gewissen zu bereinigen. Wir appellieren auch an den Staat und fordern Aufklärung, auch wenn wir wissen, dass das damals ultrarechte, rassistische Ermittlungen waren und wir immer noch in einer rassistischen Gesellschaft leben. Und wir hoffen, dass bei dem 30jährigen Gedenken auch mediale Aufmerksamkeit generiert wird und der Brandanschlag bundesweit präsenter wird. Wir wollen, dass die Erinnerung an Lübeck in die Liste Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen aufgenommen wird.
Amanda C. ist Sprecherin der Initiative »Hafenstraße ’96«
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