Die Fassade austauschen
Von Marc Püschel
Die Neue Rechte habe »Antonio Gramsci in den letzten Jahren besser verstanden als wir«, behauptete die Linkspartei-Vorsitzende Ines Schwerdtner im Mai 2025 in einem Interview mit der Welt – sehr zur Freude von Benedikt Kaiser, der sich mit diesem »Lob« sichtlich schmückt. Die ihm zuletzt medial zugeschriebene Rolle als führender Intellektueller der sogenannten Neuen Rechten will Kaiser mit seinem Buch »Der Hegemonie entgegen« untermauern.
In dem im Jungeuropa-Verlag erschienenen Buch geht Kaiser wie in rechten Debatten üblich von einer Hegemonie des Linksliberalismus in Deutschland aus. Dieser seien zwar alle großen Parteien außer der AfD zuzuordnen, in ihrem Kern stünden jedoch die Grünen. Diese »beherrschen das Land und seine ›Diskurse‹ selbst dort, wo sie nicht regieren« und üben dementsprechend »eine relative (!) kulturelle, politische und mediale Hegemonie aus«.
Nun nähern sich die großen Parteien vor allem außenpolitisch – darüber vermittelt aber auch innenpolitisch – inhaltlich in der Tat immer weiter an. Der aktuelle »Zeitenwende«-Mainstream umfasst CDU, FDP, SPD, Grüne und zunehmend auch die Linkspartei, deren Hegemonie»strategie« darin zu bestehen scheint, sich schrittweise in diesen Block zu integrieren. Das mag man als linksliberale Hegemonie bezeichnen (oder vielleicht besser nicht, denn auch die AfD hat ihre Anschlussfähigkeit an Essentials der »Zeitenwende«-Politik bereits hinlänglich unter Beweis gestellt), mit Gramsci haben solche Einsichten jedenfalls nur bedingt zu tun.
Vor allem analytisch bleibt Kaisers Buch schwach. Von der grünen Hegemonie erfährt man im wesentlichen nur, dass es einflussreiche grüne Thinktanks wie Agora Energiewende und personelle Kontinuitäten grüner Lobbyisten über unterschiedliche Regierungskonstellationen hinweg gibt. An keiner Stelle wägt Kaiser ab, ob die Übernahme ökologischer Positionen bei allen Parteien etwas mit objektiven Gründen – etwa der fortschreitenden Naturzerstörung durch den globalen Kapitalismus oder Katastrophen wie Fukushima – zu tun haben könnte.
Kaiser bemängelt, dass Gramsci in der Neuen Rechten bislang eher »verschlagwortet« als »integral rezipiert« wurde. Er betreibt einerseits die Rezeption so ausführlich wie kein anderer Rechter und scheint ein nicht nur geschauspielertes Interesse an dem italienischen Marxisten zu haben, dessen Leben er auf knapp 20 Seiten vorstellt, bevor er zentrale Begriffe seiner Theorie erläutert. Andererseits beschränkt er sich selbst darauf, »Metapolitik insbesondere in ihrer weltanschaulichen sowie kulturkämpferischen Auslegung im Rahmen der Hegemoniefrage« zu behandeln, während die wesentliche »politisch-ökonomische Konnotation« dann »an anderer Stelle durch andere Autoren erfolgen« soll.
Kaiser blendet damit bei seiner Lektüre Gramscis alle ökonomischen Aspekte aus. Damit fallen aber nicht nur zahlreiche Einzelanalysen einfach weg. Das Erringen der Hegemonie hatte beim Kommunisten Gramsci auch eine klare Zielbestimmung: das Brechen der bürgerlichen Klassenherrschaft. Streicht man das weg, ändert sich auch der Charakter des Kampfes um Hegemonie. Sie reduziert sich dann im wesentlichen auf eine Art Meinungsführerschaft im öffentlichen Raum und eine relative Dominanz in der Politik, die mal von den einen, mal von den anderen ausgeübt wird, oder in Kaisers Worten: »alles bleibt offen, der Kampf um Herrschaft und Hegemonie endet nie.«
Damit lässt sich natürlich kein stringenter Hegemoniebegriff durchhalten. In bezug auf die Grünen wird für hegemonial erklärt, dass ihre Standpunkte von anderen Parteien übernommen werden. Dann wäre aber auch die AfD, die seit einigen Jahren die anderen Parteien in der Migrationsfrage vor sich hertreibt, partiell hegemonial. Andererseits schreibt Kaiser, parteipolitische Hegemonie müsse abgesichert werden durch »kulturelle Hegemonie, also durch die Meinungsführerschaft im Alltag der Menschen, in den Vereinen und Bildungseinrichtungen, in den Kirchengemeinden und an den Stammtischen«. Das trifft aber, nimmt man einmal Berlin als Beispiel, außerhalb des Prenzlauer Bergs eher nicht auf die Grünen zu. Nimmt man diese breite Verankerung als Kriterium ernst, böte sich die CSU in Bayern als Fallbeispiel an, was sich dann aber schlecht als linksliberale Hegemonie verkaufen lässt.
Was die Rechten »besser« machen, ist vor allem ihr immer schon pragmatischerer, machtorientierter Zugriff auf Theorie. Auch bei Kaiser werden Gramscis Begrifflichkeiten nicht für sich betrachtet, sondern in lange Kommentare zur Lage der AfD und der rechten Bewegung eingebettet. Das Buch zielt letztlich erkennbar darauf ab, ein rechtes Publikum auf das richtige Verhältnis von Partei und Vorfeld sowie auf das Führen kultureller und weltanschaulicher Kämpfe einzuschwören. Doch die vom Autor geforderte »integrale Strategie, die zudem auf der Analyse materieller Interessen und Ressourcen fußen muss, anstatt diese – rein kulturkämpferisch und geistespolitisch ausgerichtet – auszublenden«, liefert Kaiser gerade nicht. Weder kommen materielle Interessen zur Sprache noch geht der rechte Politikwissenschaftler darauf ein, worin denn eigentlich der reale Ertrag der linksliberal-grünen Hegemonie besteht. Die Frage ist von Belang, denn offensichtlich manifestiert sich die »grüne Hegemonie« vor allem in faulen Kompromissen und lächerlicher Symbolpolitik (Stichwort Plastikstrohhalme).
Gramsci unterschied, wie sein Rededuell mit Mussolini im italienischen Parlament zeigt, in erster Linie kapitalistische von nichtkapitalistischen Kräften, nicht verschiedene Parteien, die nichts anderes wollen, als innerhalb der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft um Einfluss zu konkurrieren. Wer das Ökonomische so konsequent ausblendet wie Kaiser, kann (und will) lediglich die Fassade kapitalistischer Hegemonie austauschen. Das Antikapitalistische, mit dem man bei Jungeuropa mitunter kokettiert – das Cover des handwerklich gut produzierten Buches ziert ein sowjetisches Mosaik –, ist dann nur Feigenblatt einer im Kern neoliberalen AfD.
Benedikt Kaiser: Der Hegemonie entgegen. Gramsci, Metapolitik und Neue Rechte. Jungeuropa, Dresden 2025, 276 Seiten, 24 Euro
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Leserbrief von Peter Nowak aus Berlin (19. Januar 2026 um 14:57 Uhr)»Nun nähern sich die großen Parteien vor allem außenpolitisch – darüber vermittelt aber auch innenpolitisch – inhaltlich in der Tat immer weiter an.« Diesen Befund traf schon Johannes Agnoli Ende der 1960er Jahre in seiner Schrift »Transformation der Demokratie«, die er gemeinsam mit Peter Brückner herausgab. Dort bezeichnete er SPD, FDP und CDU/CSU als kapitalistische Einheitspartei. In einer Neuauflage Ende der 1980er Jahre beschrieb Agnoli wie auch die Grünen Teil dieser neuen Einheitspartei wurden. Weitere Parteien können folgen. Wer mehr über die bürgerliche Demokratie erfahren will, sollte zu Agnolis Schriften greifen und Benedikt Kaisers Bücher rechts liegen lassen.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz Schoierer (20. Januar 2026 um 11:36 Uhr)Dass Agnoli SPD, FDP, CDU/CSU und Grüne als »kapitalistische Einheitspartei« bezeichnet, muss nicht unbedingt ein positives Zeichen sein. Bei »Einheitspartei« kann auch ein antikommunistischer Reflex dahinter stecken. In einem Artikel (»Theoretiker der Subversion«) schreibt der Autor, dass Agnoli »zeitlebens keinerlei Sympathien für den ›autoritären Staatssozialismus‹ osteuropäischer Prägung hegte«. Tatsächlich findet man bei Agnoli eher antiautoritäre bzw. anarchistische Ansichten. Jeglicher Staat sei abzulehnen, also auch der sozialistische. Solche Schriften eignen sich einzig fürs Bücherregal. Agnolis Vergangenheit ist auch kein Ruhmesblatt: Provinzialführer der faschistischen Jugendorganisation Gioventù italiana del littorio. 1943 meldete er sich zur Waffen-SS und wurde bei der Bekämpfung der jugoslawischen Partisanen eingesetzt. Jugendsünde? Weit gefehlt: Noch 1948, also immerhin schon im Alter von 23 Jahren, formulierte er in britischer Kriegsgefangenschaft seine Bewunderung für die Deutschen: »Ich trage nämlich darnach Verlangen, dass der deutsche Wind wieder weht, dass das deutsche Volk wieder die Möglichkeit der Durchdringung und Eindringung gewinnt.«
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