Nach Golde drängt doch alles
Von Lucas Zeise
Der Goldpreis sprang am Tag vor Weihnachten auf den Rekordwert von 4.500 Dollar je Feinunze (= 31,1 g). Damit brachte das vergangene Jahr mit 71 Prozent den größten jährlichen Preisanstieg für Gold seit 1979. Er fällt in Euro etwas mäßiger aus (+54 Prozent) als in Dollar, weil der Euro im Vergleich zum Dollar um 12 bis 13 Prozent aufgewertet hatte. Der rasante Preisanstieg des Metalls fing aber nicht erst 2025 an, sondern dauert schon einige Jahre und hat sich zuletzt beschleunigt. Während der internationalen Finanzkrise stieg der Goldpreis 2008 zum ersten Mal über 1.000 Dollar, überwand 2022 die Marke von 2.000 Dollar und kletterte schließlich im vergangenen Jahr auf mehr als 4.000 Dollar.
Bei der Frage, warum der Goldpreis sich in den letzten vier Jahren mehr als verdoppelt hat, stößt man auf eine erstaunlich einhellige Meinung: Seit im Februar die Zentralbanken der westlichen Länder die vorwiegend auf Dollar und Euro lautenden Guthaben der russischen Zentralbank gesperrt hatten – immerhin Beträge von etwa 300 Milliarden Euro –, haben viele Zentralbanken der Welt die früher in diesen Währungen gehaltenen Reserven in Gold getauscht. Sie haben physisches Metall erworben, das nicht wie Konto- oder Depotguthaben bei einer Bank durch eine von einer fremden Regierung veranlasste Anweisung einfach gestrichen, zweckentfremdet oder wie im russischen Fall »eingefroren« werden kann.
Skeptisches Kapital
Anfang 2022, als der Raub der russischen Guthaben von den NATO-Ländern verfügt wurde, meldete sich die damalige stellvertretende Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Gita Gopinath, zu Wort. Sie wies darauf hin, dass die Aktion das Vertrauen in die beteiligten Währungen, besonders den Dollar, untergraben könne. »Vertrauen« ist Banker- und Politikerjargon. Gopinath, die als Absolventin der Eliteuni Princeton auf Vorschlag der US-Regierung in die Geschäftsführung des IWF entsandt worden war, drückte damals schon die Befürchtungen der weltweiten Banker- und Finanzelite aus. Dass nämlich die Investoren der Welt nicht mehr mit aller Selbstverständlichkeit überschüssige Barguthaben auf Dollar- (und Euro-)Konten halten, sondern nach Alternativen suchen würden.
Genau das ist eingetreten. Überschüssige Barguthaben werden in der kapitalistischen Welt von heute schnell und so weit wie möglich einer Verwertung, sprich Verzinsung, zugeführt. Das gilt in besonderem Maße für Banken, die Bargeld in möglichst geringem Maß halten, obwohl sie es auf ihren Konten bei der Zentralbank zum niedrigsten »Einlagenzins« (derzeit bei der Europäischen Zentralbank 2,0 Prozent) verzinst bekommen. Für Zentralbanken ist die Lage anders. Wenn sie Geld in eigener Währung erhalten, hört es auf zu existieren, ebenso wie es aus dem Nichts entsteht, wenn sie es als Kredit an die Banken vergeben. Erhält die Zentralbank ausländische Währung, sind es ganz selten noch papierne Geldscheine, sondern überwiegend Gutschriften in ausländischer Währung auf einem Konto bei einer ausländischen Bank. Weil Zentralbanken in der von ihnen ausgegebenen Währung nicht zahlungsunfähig, sprich pleite gehen können, halten Zentralbanken ihre Konten im Regelfall und überwiegend bei den jeweils anderen Zentralbanken. Sie erhalten auf diese Konten meist auch Zinsen, aber darauf kommt es bei ihnen weniger an. Es geht bei diesen »Devisenreserven«, Reserven in ausländischer Währung, vielmehr darum, dass sie absolut sicher und tatsächlich jederzeit verfügbar sind. Sie werden, wie der Name sagt, nicht fürs Tagesgeschäft gebraucht, sondern für Notfälle, vor allem, wenn es die eigene Währung auf den Finanzmärkten zu verteidigen gilt.
Das »Einfrieren« der russischen Guthaben bei den Zentralbanken des Westens anno 2022 war also nicht nur ein Tabubruch, sondern vielmehr die Aufkündigung der Sitten und Gebräuche im internationalen Zahlungs- und Finanzsystem. Es entsprach damit einer direkten Aufforderung an all jene Zentralbanken des Globus, deren Regierungen sich nicht dauerhaft der Gunst der altkapitalistischen Länder sicher sein konnten, sich nach anderen Mitteln der Reservehaltung umzusehen. Da dafür Guthaben in Währungen nicht feindlicher Länder lediglich begrenzt in Frage kommen, bleibt nur das altvertraute, aber altertümliche Gold. Die Notenbanker kauften Gold. Natürlich zuerst diejenigen, die einerseits genug Fremdwährungseinnahmen haben und andererseits nicht zu der Staatengruppe zählen, die den Raubzug veranstaltet und gerechtfertigt hatte, also Russland selber und China. Aber 2024 und 2025 zählte auch die Zentralbank Polens zu den Goldkäufern, immerhin ein NATO- und EU-Land. Aber eines, das nicht an der europäischen Währungsunion des Euro teilnimmt und deshalb eine eigene Währung zu schützen hat. Netto kauften die Zentralbanken der Welt in den Jahren 2023 bis 2025 pro Jahr mehr als 1.000 Tonnen Gold.
Kleiner Markt von Hortern
Der Goldmarkt ist lächerlich klein. Physisch wurden 2024 etwa 3.600 Tonnen Gold gefördert. Dazu kamen etwa 1.200 Tonnen aus dem Recycling. Die abgesetzte Jahresproduktion von insgesamt 4.800 Tonnen entspricht bei dem 2024 geltenden Durchschnittspreis von 2.386 Dollar/Unze einem Gesamtwert von etwa 387 Milliarden Dollar. Das wiegt im Vergleich nicht einmal einen einzigen der größten Börsenwerte der Welt wie den von Apple oder Nvidia auf, die jeweils mehrere Billionen Dollar auf die Waage bringen.
Besonders am Goldmarkt ist auch, dass das geförderte Gold nur zu geringen Anteilen verbraucht und zu hohen Anteilen gehortet wird. Selbst der sogenannte Schmuckverbrauch dient in hohem Maße der Hortung. In diesem Fall taucht Gold in veränderter Form und umgeschmolzen als rezykliertes Metall wieder auf dem Markt auf. Die Weltmeister der Hortung von Gold sind die Zentralbanken. Von geschätzt 210.000 Tonnen Gold, die überhaupt je produziert wurden, befinden sich heute etwa 37.700 Tonnen, also 18 Prozent, in den Kellern der Zentralbanken.
Diese verhalten sich auch wie der klassische Horter. Sie halten still und greifen selten durch Kauf oder Verkauf auf dem Markt ein. Wenn sie es aber tun, vor allem wenn sie es in dieselbe Richtung tun, erzeugt das auf dem Markt erhebliche Wirkung. Wenn die Zentralbanken wie in den letzten Jahren stark zukaufen, folgen ihnen Spekulanten und Investoren. Die Preiswirkung wird damit verstärkt. Die Schmucknachfrage verhält sich dagegen umgekehrt. Bei steigenden Goldpreisen werden alte Schmuckstücke und vielerlei Gedenkmünzen wieder zu Papiergeld oder Bankguthaben gemacht.
Die größten Goldreserven verwaltet die Zentralbank der USA, die Federal Reserve Bank. Es sind 8.133 Tonnen. Mit großem Abstand folgen die Deutsche Bundesbank (3.352 Tonnen), Italien (2.452), Frankreich (2.437), Russland (2.333) und China (2.280). Die Europäische Zentralbank hält über die Beträge der am Euro beteiligten nationalen Zentralbanken hinaus weitere eigene 506 Tonnen Gold. Der IWF verfügt über 2.814 Tonnen.
Wer über die Goldreserven im jeweiligen Land verfügt, ist umstritten. In Deutschland schlug Helmut Kohls Finanzminister Theo Waigel (CSU) 1997 vor, die Goldreserven ihrem satt gestiegenen Wert an den Märkten buchhalterisch anzupassen und den entsprechenden Buchgewinn in der Bilanz der Bundesbank in die Staatskasse auszukehren, um, wie man damals sagte, die »Kosten der deutschen Einheit« zu finanzieren. Die Bundesbank unter ihrem damaligen Präsidenten Hans Tietmeyer (CDU) organisierte schnell effektiven Widerstand der öffentlichen Meinung dagegen, so dass die Regierung von ihrem Vorhaben abließ. In den Haushaltsentwurf 2026 fügte die aus drei rechten Parteien bestehende italienische Regierung unter Giorgia Meloni einen Passus ein, in dem festgestellt wird, dass das von der Zentralbank Banca d’Italia gehaltene Gold »dem italienischen Volk gehört«. Die faktisch kaum bestreitbare, juristisch bedeutungslose, also typisch populistische Formulierung stieß schnell auf den Widerspruch der Europäischen Zentralbank (EZB). Die EZB protestierte öffentlich (auf ihrer Website) und forderte, den Satz zu streichen.
Wer verfügt über die Reserven
Die hohen Reserven der Deutschen Bundesbank an Gold stammen aus der Zeit des Bretton-Woods-Systems (1944–1973), als Staaten mit Leistungsbilanzdefiziten denjenigen mit Leistungsbilanzüberschüssen Gold und Ansprüche auf US-Dollar überschrieben. Die Bank deutscher Länder, die Vorgängerin der Bundesbank, besaß Ende 1951 nur 24,5 Tonnen Gold. Ende 1968 erreichte der Goldschatz im Eigentum der Bundesbank einen Höchststand von 4.034 Tonnen. Nach dem Ende des Bretton-Woods-Systems 1973 blieb der Bestand bis 1977 fast unverändert bei gut 3.600 Tonnen. 1999 wurden im Zuge der Währungsunion 6,5 Prozent der deutschen Goldreserven an die EZB übertragen. Sonderbarerweise gab die Zentralbank Westdeutschlands das viele Gold, das ihr in den 1950er und 1960er Jahren zuströmte, damals zu etwa gleichen Teilen in Verwahrung der Fed New York und der Bank von England in London. Ein kleiner Teil lag bei der Banque de France in Paris. Nur etwa drei Prozent wurden ins Hauptquartier der Bundesbank nach Frankfurt am Main geholt. Ab 2002 wurde der Ort der Lagerstätten zum politischen und öffentlich diskutierten Thema. Am 22. Oktober 2012 veröffentlichte der Bundesrechnungshof einen Bericht an den Haushaltsausschuss des Bundestags, in dem eine regelmäßige Inventur der im Ausland verwahrten deutschen Goldreserven gefordert wurde. Danach begann die Bundesbank unter weiterem öffentlichen Druck eine weitgehende Verlagerungsaktion. Seit 2017 lagern 50 Prozent der Goldreserven in Barrenform in Frankfurt, 37 Prozent liegen weiterhin bei der Fed New York und 13 Prozent in London bei der Bank of England. Das Golddepot in Paris wurde ganz aufgelöst.
Es wirkt ein wenig albern, sich mit der Frage zu befassen, wo das dem deutschen Staat gehörende Gold lagert. Der Wert des Metalls besteht aber gerade darin, dass es nicht davon abhängig ist, ob Gläubiger zahlungsfähig und gewillt sind, ihre Rechnung zu begleichen. Gold hat nicht Wert als Rechtsanspruch, sondern als Ware – vor allem in Notfällen. Der Eigentumstitel ist nicht das Entscheidende, sondern die tatsächliche Verfügungsgewalt. Nicht das von den Bankern so gern in den Mund genommene »Vertrauen« gilt, sondern der tatsächliche Besitz. Staatliches Eigentum an Gold, dessen Lieferung davon abhängt, ob eine ausländische Institution, in diesem Fall die New Yorker Filiale der Fed und die Bank von England, willig ist zu liefern, ist im Notfall nicht einmal die Hälfte wert. Nur zur Verdeutlichung: Im Juli 2020 hat ein britisches Gericht entschieden, dass Venezuelas Regierung ihre bei der Bank von England gelagerten 14 Tonnen Gold nicht mehr bekommt, weil die britische Regierung die Regierung Venezuelas nicht anerkannte. Da ist es nur konsequent, wie jetzt geschehen, die Regierung und die Ölreserven Venezuelas ganz dem Präsidenten der USA zu überlassen.
Der Goldstandard
Gold genießt in der an Marx orientierten ökonomischen Wissenschaft hohes Prestige als Geldware. Aber das Metall hat historisch als Zahlungsmittel immer nur indirekt eine Rolle gespielt. Gold (und Silber) waren in den staatlich geprägten Münzen enthalten. Sie verliehen dem Geld dadurch Wert. Als Karl Marx den ersten Band seines Werkes »Das Kapital« schrieb, war Gold erst noch dabei, seine Rolle als Anker oder Verbindungsglied des von verschiedenen Notenbanken herausgegebenen Kreditgeldes zu finden. Die Bank von England (gegründet 1694, um die Kriege des Königs zu finanzieren) erhielt das Privileg, Papiergeld (Banknoten) auszugeben. Die Noten enthielten das Versprechen, den aufgedruckten Betrag in richtigem Geld, geprägtem Pfund Sterling mit richtigem Silber oder Gold, auszuzahlen. Ab 1844 verpflichtete das Parlament die Bank, genügend Gold (nicht unbedingt in Münzform) zur Auszahlung an die Banknotenbesitzer vorzuhalten. Die »goldgedeckte« Währung war geboren. Weil durch die wachsenden Kreditbeziehungen der Kapitalisten untereinander im damals noch blühenden Kapitalismus die Ansprüche auf Geld rasant wuchsen, kam es im Zuge mehrerer Kreditkrisen immer wieder zu einer Ausweitung der umlaufenden Banknoten – und zu ihrer Genehmigung durch das Parlament. Es reiche, wenn die Golddeckung nur proportional zum Banknotenumlauf erfolge, hieß die damalige Rechtfertigungstheorie. Denn schließlich würden ja nicht alle Banknotenbesitzer gleichzeitig ihr Papier in »richtiges« Geld umtauschen wollen. Aus der Golddeckung war die bloße Goldbindung geworden.
Im Konkurrenzkapitalismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts, der sich gerade zum Imperialismus entwickelte, blühte das Kreditgeschäft. Ab etwa 1870 wurden überall Banken gegründet. Die Währungen der verschiedenen Staaten wurden an das Gold gebunden. In Deutschland wurde durch das Gesetz vom 4. Dezember 1871 mit der »Reichsgoldmünze« der Goldgehalt der neuen gemeinsamen Währung »Mark« festgelegt. Der Goldstandard setzte sich durch und wurde ab 1880 das international anerkannte System. Alle beteiligten Währungen hatten einen festgelegten Preis, zu dem sie Gold auszahlten, und waren zu festgesetzten Kursen untereinander austauschbar. Der Vorteil: Handel und Industrie wissen, mit welchen Preisen sie im Ausland zu rechnen haben. Es sind die bekannten Vorteile eines einheitlichen Währungsraums. Ungleichgewichte in den Handels- und Zahlungsbilanzen werden gegengerechnet und die verbleibenden Salden in Gold bezahlt. Die beteiligten Zentralbanken konnten durch die Erhöhung ihrer Zinssätze ausländische Währung und Gold ins Land holen. Das betraf vorwiegend jene Staaten, die (noch) keine eigene Goldbindung ihrer Währung vorzuweisen hatten. Im Regelfall erhöhten sich damit allerdings die Ungleichgewichte. Denn der zusätzliche Kredit muss zurückgezahlt werden. Zusätzlich bremst die Zinserhöhung die wirtschaftliche Entwicklung. Die Probleme des heutigen Währungssystems ähneln stark jenen Jahren des Goldstandards vor dem Ersten Weltkrieg.
Zunächst aber folgte die Periode zwischen den Weltkriegen. Der Goldstandard war durch den Weltkrieg obsolet geworden. Nach der galoppierenden Inflation und einer Währungsreform, die einen Teil der deutschen Staatsschulden auslöschte, profitierte Deutschland einige wenige Jahre lang vom lebhaften Kapitalexport der USA. Winston Churchill, der erzkonservative und arbeiterfeindliche Finanzminister des britischen Reiches, kettete 1925 die ehemalige Weltwährung Pfund Sterling wieder zur Vorkriegsparität an das Gold. Das Resultat war eine Vertiefung der Wirtschaftskrise, Deflation, hohe Arbeitslosigkeit und der Generalstreik von 1926. Aus Europa insgesamt floss laufend Geld in die USA, die nicht nur das wirtschaftlich stärkste Land des Globus geworden waren, sondern auch die überragende Gläubigerposition gegenüber den seit dem Weltkrieg hochverschuldeten Nationen innehatten. Im Börsenkrach 1929 brach der überschäumende Finanzboom in den USA zusammen und löste die weltweite Depression der frühen 1930er Jahre aus. Das Gleichgewichtsmodell des Goldstandards war gescheitert.
Dollar wird Weltwährung
Das im kleinen US-Örtchen Bretton Woods 1944 beschlossene Finanzsystem der kapitalistischen Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg sah feste Wechselkursrelationen aller Währungen zum US-Dollar vor. Der US-Dollar war damit, den ökonomischen Tatsachen entsprechend, zur anerkannten Weltwährung geworden. Gold spielte nur noch eine Nebenrolle. Die USA verpflichteten sich gegenüber den anderen Nationen, für je 35 Dollar eine Unze Gold herauszugeben. Auch das entsprach den tatsächlichen Kräfteverhältnissen. Die USA waren das einzige Land mit einem ausreichenden Goldschatz, um ein fortdauerndes Zahlungsbilanzdefizit durch Goldzahlungen zu begleichen. Das Versprechen in der alten goldbasierten Ordnung, auch den Bürgern für Papierwährung Gold zu einem festgesetzten Kurs auszuhändigen, wurde nicht erneuert. Das Abkommen von Bretton Woods sah auch vor, dass Zahlungsbilanzungleichgewichte durch Anpassung der Währungsrelationen abgebaut werden sollten. Dauernde Defizite eines Landes sollten durch Abwertung der entsprechenden Währung des Landes möglich und mit den Regierungen/Zentralbanken der wichtigsten Handelspartner ausgeglichen werden. Aus der währungspolitischen und geldpolitischen Kooperation wurde nichts. Die Konkurrenz der kapitalistischen Staaten untereinander wurde zwar gemildert, blieb aber erhalten.
Die Beschlüsse von Bretton Woods sind der erste und (bisher) letzte erfolgreiche Versuch, den Konkurrenzkampf der nationalen Finanzkapitalgruppen sowie die Freizügigkeit des Finanzkapitals etwas einzudämmen. Die kernimperialistischen Länder waren so in der Lage, im Innern eine Wirtschaftspolitik zu betreiben, die den niederen Klassen und Schichten einen relativ hohen Anteil am erwirtschafteten Produkt ließ. Das hatte zur Folge, dass die wirtschaftliche Wachstumsrate hoch und die Arbeitslosigkeit niedrig waren. Der marxistische Historiker Eric Hobsbawm nennt aus diesem Grund die Nachkriegszeit das goldene Zeitalter des Kapitalismus. Man könnte auch sagen: die kapitalismusuntypische Phase des Kapitalismus.
Dieses Finanz- und Handelssystem dauerte bis 1971. Angesichts des hoch bewerteten Dollars (vier D-Mark entsprachen von 1961 bis 1969 durchweg einem US-Dollar) verloren US-Industriewaren gegenüber Westeuropa und Japan Marktanteile auf dem Weltmarkt, und die Importe in die USA stiegen. Der früher enorm hohe Außenhandelsüberschuss der USA gegenüber dem Rest der Welt sank von Jahr zu Jahr und erreichte 1971 die Nullgrenze. Die europäischen Staaten verlangten Ende der 1960er Jahre zur Bezahlung ihrer Handelsüberschüsse statt des von Abwertung bedrohten Dollars vereinbarungsgemäß tatsächlich physisches Gold. Da die Goldreserven der USA zwar hoch, aber absehbar endlich waren, war es logisch, dass es im August 1971 zum »Nixon-Schock« kam. US-Präsident Richard Nixon und sein Finanzminister John Connally hoben die Einlösepflicht von 35 Dollar je Unze Gold gegenüber anderen Zentralbanken einseitig auf. Das Bretton-Woods-System war damit am Ende. 1973 wurden auch die fest vereinbarten Wechselkurse zwischen den kapitalistischen Ländern praktisch aufgegeben.
In der Folge verlor der Dollar im Verlauf der 1970er Jahre gegenüber den anderen Währungen etwa ein Drittel seines Wertes. Offiziell hatte er den Status als Weltwährung verloren, weil es die Goldbindung nicht mehr gab. Aber im Rückblick wurde der Dollar als weltweit wichtigste Währung im »System« frei schwankender Devisenkurse durch die Abwertung sogar wichtiger. Gold dagegen verlor an Bedeutung. Seine Preisentwicklung spiegelt das wider. Nach einem rasanten Anstieg ab 1971, als die Goldbindung zum Dollar aufgelöst worden war, fiel in den 1980er und 1990er Jahren der Preis. Die Zentralbanken der Welt legten wie selbstverständlich hereinströmendes Geld in erster Linie in US-Währung an. Die Währungsreserven der Zentralbank (»Volksbank«) Chinas erreichten vor der Finanzkrise 2007/08 sagenhafte sechs Billionen Dollar. Es waren tatsächlich ganz überwiegend auf US-Dollar lautende Staatsanleihen. Denn die chinesische Währung Renminbi wird von der Volksbank an der Weltwährung US-Dollar gemessen und im täglichen Handel im Verhältnis zum Dollar gesteuert.
Keine Alternative
Die Anforderungen an eine Weltwährung haben sich in den mehr als 110 Jahren seit dem effektiven Ende des Goldstandards bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges geändert. Eine Weltwährung muss heute nicht nur die Warenströme zwischen den imperialistischen Staaten vermitteln, sondern vor allem auch den internationalen Kapital- und Kreditverkehr. Der Finanzsektor hat sich seit dem Ende des Bretton-Woods-Systems im Vergleich zur realen Mehrwertproduktion stark ausgeweitet. Das bedeutet erstens tendenziell höhere Preise von Waren und Eigentumstiteln. Es bedeutet zweitens eine höhere und wachsende Verschuldung nicht nur der Kapitalisten, sondern auch des Staates, der arbeitenden Bevölkerung und der Konsumenten. Banken, Versicherungen, Börsen, Fonds wachsen stärker als Industrie und Handel und zweigen höhere Anteile am Gesamtprofit ab. In den kapitalistischen Unternehmen nehmen Marketing, Einkauf und Verkauf, Verteilung, Verwaltung und Werbung im Vergleich zur eigentlichen Produktion an Bedeutung zu. Der Zahlungsverkehr zwischen den Nationen dient nicht mehr in erster Linie dem Ausgleich des Warenverkehrs. Entsprechend sind die Umsätze im Devisenhandel nur noch zum geringeren Teil davon motiviert, sondern davon, ob kurz- oder langfristige Profitvorteile winken. Aus dem bedeutender werdenden Kapitalexport zu Lenins Zeiten ist der internationale Kapitalverkehr geworden, dessen Freiheit wiederum das primäre und weitgehend durchgesetzte Ziel des Neoliberalismus ist.
Die Ware Gold, das »barbarische Relikt« (J. M. Keynes), erfüllt diese Anforderungen nicht. Es ist in der Warenzirkulation als Zahlungsmittel ungeeignet. Es ist fast völlig unbrauchbar, sollen Kreditformen getauscht, Währungen gestützt, Spekulationen losgetreten oder gestoppt werden. Gold mag als Sicherheit für Großinvestitionen mobilisiert werden. Aber auch das ist umständlich. Natürlich hätten die Banker, Kapitalisten und Zentralbanker gern eine Weltwährung, die besser geführt wird als der US-Dollar zur Zeit. Die erratischen Goldkäufe der Zentralbanken entspringen einer Notlage. Der Dollar hat kein Vertrauen verdient. Die Zentralbanken der Welt suchen nach einer Alternative zu diesem Weltgeld. Das Gold jedenfalls ist es nicht. Der sensationelle Preisanstieg des Goldes in den letzten drei Jahren ist ein Indiz für die Unzufriedenheit mit dem derzeitigen Weltfinanzsystem.
Lucas Zeise schrieb an dieser Stelle zuletzt am 9. Mai 2025 über Donald Trumps Zollpolitik: »Der Neoliberalismus wird abgewickelt
«links & bündig gegen rechte Bünde
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Leserbrief von Guenther Sandleben (29. Januar 2026 um 10:34 Uhr)In dem Beitrag von Lucas Zeise findet man wichtige Hinweise zum Weltmarkt, zur Rolle des Dollars und auch etwas zur Bedeutung des Goldes als Währungsreserve. Doch hier schleichen sich Fehler ein, die mich zu folgenden Fragen veranlassen: Kennt Zeise die Funktion des Geldes als Maß der Werte? Oder als Weltgeld? Zeise sucht die Geldfunktion des Goldes dort, wo es gerade durch Banknoten ersetzt wird, in der Zirkulation von Waren. Klar, »barbarisches Relikt«, wenn Goldbindungen die Falschgeldproduktion einschränken würde. In Kriegszeiten darf das »barbarische Relikt« die Barbarei des Krieges nicht aufhalten – hat schon der Kriegskeynesianismus gefordert.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (17. Januar 2026 um 14:05 Uhr)Man kommt dem »Rätsel« des Goldpreises wohl näher, wenn man die Frage vom Kopf auf die Füße stellt. Gold und Geld sind lediglich Repräsentanten von Werten. Ihr Verhältnis ist simpel: Gold misst sich am Geld und Geld sich am Gold. Hat sich (wie fast sicher anzunehmen ist) der Wertgehalt des Goldes in den letzten Jahren nicht erhöht, dann ist eine Veränderung des Verhältnisses zwischen beiden lediglich eines: Der Ausdruck dessen, dass die Papiergeldform des Wertes an Substanz verloren hat. Dann ist der Goldpreis von 2008 zu heute nicht auf 470 Prozent gestiegen. Sondern umgekehrt wird ein Schuh daraus: Der Wert, den die entsprechenden Geldbündel repräsentieren, ist um 79 Prozent gefallen. Angesichts der Tatsache, dass heute sogar Schulden als Geld gehandelt werden, ist das nicht ganz unverständlich. Sind doch Schulden lediglich das Versprechen, später eventuell einmal Werte zu schaffen. Dass man auf solch unsicheren Versprechungen keine solide Welt aufbauen kann, ist offensichtlich. Der Wertverfall des Geldes (den wir als Wertsteigerung des Goldes präsentiert bekommen) zeigt in beeindruckender Klarheit, in welch atemberaubender Weise die »Werte« der bürgerlichen Gesellschaft sogar in ihrem zentralsten Bereich erodieren.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (16. Januar 2026 um 22:22 Uhr)Den status quo des Dollars als Reservewährung und die Entwicklung dahin beschreibt der Artikel recht gut. Am Schluss wird, für den Leser etwas unbefriedigend, die Unzufriedenheit mit dem derzeitigen Weltfinanzsystem festgestellt. Wie müsste ein Weltgeld konstituiert sein? Da der Dollar kein Vertrauen verdient (er ist ja der Willkür seiner »Schöpfer« und Verwalter von Zahlungssystemen unterworfen), müsste ein Weltgeld der Willkür eines einzelnen Staates/einer einzelnen Institution (SWIFT) entzogen sein. Es müsste an jedem Ort der Welt zu jedem beliebigen Zeitpunkt in jeder beliebigen Menge verfügbar sein. Weiters müsste es seinen Wert im Verlauf der Zeit behalten, also als Wertaufbewahrungsmittel über längere Zeiträume dienen können. Es müsste also gelingen, die Geldmenge proportional zur Warenmenge zu vermehren, damit der Wert einer Geldeinheit immer und überall dem Wert einer Wareneinheit entspricht. Es lohnt sich, über diese Anforderungen, nachzudenken. Da stellt sich recht schnell heraus, dass daraus gesellschaftliche Anforderungen resultieren, die mit Kapitalismus nicht vereinbar sind. Beispiel: Müsste man nicht »längere Zeiträume« genauer definieren? Z. B. so, dass nach einer gewissen Zeit das Geld wieder im Kreislauf landen muss, Geld horten also verboten wird? Kommt man womöglich darauf, dass eine Geldeinheit eine Stunde notwendiger Arbeit misst, Werttheorie als Wertpraxis?
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