Blues des Tages: Berliner Tauwetter
Von Felix Bartels
Zum Winter sollte man schon aus politischen Gründen ein gutes Verhältnis haben. Calvin Grad, Celsius Grad, Stalin Grad. Wenn Nazis die Finger abfrieren, kann das so falsch nicht sein. Fräulein Smilla versichert, die Inuit kennen 3.756 Wörter für Schnee. Eine Urban legend wohl, nur in unurban. Grönland jedenfalls muss sich warm anziehen, weil der im Sonnenstaat ansässige POTUS nach dem Halbkontinent greift. Dass die US-Armee bei der dummfrech in den Raum gestellten Invasion ihr Stalingrad erleben wird, unwahrscheinlich, es braucht ja doch noch eine nennenswerte Verteidigungsmacht auf der anderen Seite.
Im pittoresken Berlin zieht der Winter sich derzeit zurück, nach etwas mehr als einer Woche. In rauhe Berge, die es hier gar nicht gibt. Man muss fünfzehn Jahre zurückschauen, da die Stadt das letzte Mal eine Schneewoche am Stück erlebt hat. In Berlin ist alles lau, alles Durchschnitt. Was hier als Schnee gilt, hieße woanders: Schneegen. Ror Wolf wusste, wie es um die Stadt steht: »Es schneit, dann fällt der Regen nieder, dann schneit es, regnet es und schneit, dann regnet es die ganze Zeit, es regnet, und dann schneit es wieder.« Der Rückzug des kalten Weiß, das sogenannte Tauwetter – und man muss hier Solschenizyn immer mitdenken –, mag woanders unerfreulich sein, wo die vorausgehende Kälte sich bereits wie ein vom Netz genommener Kühlschrank angefühlt hat, lässt es die Betroffenen kalt.
Nur der gefühlte Ausnahmezustand, der klappt in der Metropole der German Angst immer. Die Hauptstraßen dürftig gestreut, die Radwege schon kaum noch, die Nebenstraßen gar nicht. Öffentliche Verkehrsmittel benötigen gar keinen Schnee auszufallen, und der letzte Woche panikartig prophezeite Blizzard entpuppte sich als Windstille bei genau null Gramm Neuschnee. Wofür bezahlt man eigentlich seine Steuern?
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Lothar Zieske aus Hamburg (14. Januar 2026 um 23:48 Uhr)So wenig wie Hamburg und Berlin miteinander vergleichbar sein mögen, so offensichtlich sind diese beiden Großstädte es doch wohl in puncto »Tauwetter«, soweit es aus Felx Bartels’ Glosse hervorgeht: Dieselbe moralisch-ethische Verkommenheit von Eigentümern und Besitzern von Immobilien grassierte in Hamburg wie in Berlin. Die staatlichen Behörden machen auch keinen besseren Eindruck, wird nicht das Streuen oder Räumen nicht allein der Straßen, sondern auch der Fußwege zum Maßstab genommen. Entsprechende Beobachtungen veranlassten mich zu Beginn der diesjährigen »Schneekatastrophe«, einen ganzen Tag lang die Wohnung nicht zu verlassen. »Vestigia terrent«(»Die Spuren schrecken [mich ab]«) - so ließe sich die bekannte Fabel über den Fuchs und den Löwen sinngemäß interpretieren. Es handelte sich bei diesem Tag allerdings nicht um die »Tag der Warnung«, an dem das Wetter dann doch keine Kapriolen schlug. Und an dieser Stelle kommt nun doch ein Unterschied zwischen Hamburg und Berlin ins Spiel: Hamburg hat Berlin den »Red Storm Bravo« voraus (»Red Storm Alpha« schlug noch keine großen Wellen). Mir kam die deplatzierte Warnung speziell an den zu Fuß gehenden Teil der Bevölkerung wie ein Remake der Zivilschutzkampagne zur Zeit des »Red Storm Bravo« vor. Lothar Zieske
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