Gibt es für das Werk Zukunftsperspektiven?
Interview: Luca von Ludwig
Erst 2023 hat der Fleischproduzent Tönnies die Eberswalder Wurstwerke gekauft, nach kaum drei Jahren wird der Betrieb Ende Februar dichtgemacht. Hat der Konzern genug versucht, um die Werke zu halten?
Nein. Bei der Übernahme wurden vollmundig Investitionen versprochen, zum Beispiel in die Kühlanlage. Von all dem haben wir nichts gesehen, es hat sich als völlige Luftnummer erwiesen.
Da liegt der Verdacht nahe, Tönnies hat den Betrieb damals überhaupt nur gekauft, um eine Konkurrenzmarke vom Markt zu nehmen. Wie sehen Sie das?
Wir können natürlich nicht genau beurteilen, wie unternehmerische Entscheidungen getroffen werden. Aber es ist durchaus ein Bild, was sich da aufdrängt. Es würde in die allgemeine Strategie des Aufkaufens von Betrieben für die Gewinnung von Marktanteilen mit bald folgender Schließung passen. Wir haben große Zweifel, dass das, was jetzt passiert – mehr als 500 Leute werden auf die Straße gesetzt – von Anfang an alternativlos war. Wir sehen auch in der ganzen Branche sehr starke Konsolidierungstendenzen, und die großen Player erhalten immer mehr Marktmacht, während die kleinen untergehen.
Wie ist Tönnies seit der Übernahme mit den Beschäftigten umgegangen?
Wir haben schnell erkennen müssen, dass die Zielsetzung war: Niedriglöhne um jeden Preis. Nach der Übernahme herrschte ja erst einmal tariffreier Zustand. Beim Versuch, neue Tarifverträge auszuhandeln, wollte man uns Niedriglöhne diktieren. Die unterste und am stärksten besetzte Lohngruppe hätte für Mindestlohn arbeiten sollen. Auf einen ersten Tarifvertrag konnten wir uns erst im vergangenen September einigen. Die Aufforderung an den Arbeitgeber zu Tarifverhandlungen erfolgte schon im Juli 2024, es zog sich also über ein Jahr hin, wobei auch klar wurde, dass der Arbeitgeber kein Interesse hat, die Löhne auch nur auf ein halbwegs branchenübliches Niveau zu heben. Das Ergebnis ist jetzt, dass die Leute dort zweieinhalb Jahre für sehr niedrige Löhne geschuftet haben und nun auf die Straße gesetzt werden.
Die Beschäftigten sollen jetzt, trotz jahrelanger Tätigkeit, nicht die vollen Abfindungssummen erhalten. Wie kann das sein?
Das liegt am Werksvertragssystem, das erst 2021 mit dem Arbeitsschutzkontrollgesetz Fleisch beendet wurde. Kurz gesagt werden dabei in den Betrieben Menschen beschäftigt, die aber nominell zu einer anderen Firma gehören. Ich habe mit einer Mitarbeiterin gesprochen, die über zehn Jahre lang im Werk gearbeitet hat, davon aber fünf bei einer »Fremdfirma«. Die werden nicht auf den Sozialplan angerechnet.
Was müsste sich aus Ihrer Sicht juristisch ändern?
Es braucht eine Neuordnung des Betriebsverfassungsgesetzes. Da ist bisher geregelt, dass Unternehmen in den ersten vier Jahren keinen Sozialplan aufstellen müssen. Das wird genutzt, um Sozialstandards zu unterlaufen, indem große Konzerne ›leere Hüllen gründen‹, die dann Betriebe aufkaufen. Die werden dann zwar tief in die Konzernstruktur integriert, aber eben ohne dass eine Sozialplanpflicht greifen würde.
Gibt es für das Werk in Eberswalde Zukunftsperspektiven? Könnte der Betrieb wieder eigenständig arbeiten?
Der Betrieb wurde von der Arbeitgeberseite, das muss man so klar sagen, so sehr vernachlässigt, dass völlig unklar wäre, woher die notwendigen Investitionen kommen sollten. Auch der Verkauf 2023 geschah ja nicht unter Jubelrufen der damaligen Eigentümerfamilie, sondern war aus der Not geboren.
Wäre es möglich, dass der Bund oder das Land hier zur Rettung einspringt?
Tönnies hat ja bisher nicht mal die bestehenden Möglichkeiten für Fördergelder genutzt, soweit wir davon Kenntnis haben. Das wäre beispielsweise für die versprochene Erneuerung der Kühlanlage möglich gewesen. Wir haben von Arbeitgeberseite kein Interesse am Erhalt des Werkes wahrgenommen. Der Konzern tut etwas, was in dieser Wirtschaftsordnung sein Recht ist. Er schließt den Betrieb. Das muss man sich zwar nicht immer gefallen lassen, aber hier ist es nun so, dass sich die Konsequenzen dieser langen Kette von Entscheidungen, die zu Lasten der Belegschaft getroffen wurden, wohl nicht mehr ausgleichen lassen.
Veit Groß ist Sekretär der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) für Betriebe der Fleisch- und Wurstwarenindustrie in Berlin und Brandenburg
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