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Aus: Ausgabe vom 10.01.2026, Seite 3 / Inland
Hinter Gittern in Glückstadt

Was hat man Ihnen im Abschiebeknast angetan?

Gefängnisse für abgelehnte Asylsuchende wie das in Glückstadt gehören geschlossen, fordert Sami A.
Interview: Gitta Düperthal
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Abschiebegefängnis in Glückstadt (23.7.2024)

Bei der Silvesterdemo von »Kein Abschiebegefängnis in Glückstadt und anderswo!« hielten Sie vor dem Knast in Schleswig-Holstein eine Rede. Sie waren am 6. Oktober 2022 nach Glückstadt deportiert und dort fünf Tage lang gefangen gehalten worden. Wie kam es dazu?

Damals, im Oktober 2022, lebte ich in einer Asylunterkunft in Neubrandenburg. Dort in der Nähe ging ich spazieren, als mich plötzlich die Polizei festnahm und mir unmittelbar mit Abschiebung drohte. Ich hatte damals einen unsicheren Aufenthaltsstatus, eine Duldung, die ja nur als »vorübergehende Aussetzung der Abschiebung« gilt. Als ich vor sieben Jahren aus dem Iran geflüchtet war, herrschte noch das iranische Terrorregime, das vom Präsidenten Ebrahim Raisi angeführt wurde. 2024 kam er bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.

Er wurde der Todesrichter genannt. Ihm wurden Massenhinrichtungen von linken Oppositionellen im Jahr 1988 zur Last gelegt, Kommunisten und Marxisten. Zur Zeit meiner Inhaftierung 2022 fanden im Iran die »Frau, Leben, Freiheit«-Proteste statt. Infolge der Tötung von Jina Mahsa Amini kam es erneut zu Hinrichtungen und Menschenrechtsverletzungen. Als Islamkritiker und Homosexueller hätte eine Abschiebung meinen Tod bedeuten können.

Dennoch sagten Sie, in der Abschiebehaft seien es »die fünf schlimmsten Tage« Ihres Lebens gewesen. Was haben Sie dort erlebt?

Die Haft war für mich traumatisierend. Wie ein Krimineller wurde ich in eine Polizeiwache verschleppt und dort an allen Körperstellen durchsucht, auch im Intimbereich. Im Abschiebeknast in Glückstadt sperrte man mich in eine enge, dunkle, mit einer Toilette ausgestattete Zelle. Die vergitterten Fenster dort waren nicht zu öffnen. Man nahm mir meine Kleidung ab, ich musste Uniform tragen. Durch ein kleines Fenster zum Flur erfolgten ab morgens um sieben Kontrollen: »Hallo, wie geht es Ihnen?«, wurde ich gefragt. Wie soll es einem schon gehen, wenn man in ein Land abgeschoben werden soll, wo ein Terrorregime einen mit dem Tod bedroht? Und wenn man zuvor schon in Deutschland wie ein Verbrecher behandelt wird, obgleich man unschuldig ist. Ich hatte jede Hoffnung verloren.

Die geplante Abschiebung fand aber schließlich nicht statt. Wie war das möglich?

Glücklicherweise hatte ich Freunde und einen Anwalt, die sich für mich einsetzten. Am 10. Oktober kam er und teilte mir mit, dass ich frei bin. Bis Sommer 2025 besaß ich aber weiterhin nur eine Duldung. In der Flüchtlingsunterkunft in Neubrandenburg, wo ich lebte, kam öfter die Polizei, um Menschen abzuholen und sie abzuschieben, auch mitten in der Nacht gegen drei Uhr. Was mich erneut in Angst versetzte. Da ich traumatisiert war, konnte ich nachts sowieso ohne Medikamente nicht schlafen.

Wie ist Ihre heutige Lebenssituation?

Seit letztem Sommer habe ich Asyl bewilligt bekommen, somit einen gesicherten Aufenthaltsstatus. Allerdings habe ich keinen Reisepass, da ich mich nicht in die iranische Botschaft traue. Im Iran lebt mein elfjähriger Sohn bei seiner Großmutter. Ich kann ihn nicht besuchen. Bei den aktuellen Protesten dort werden Menschen von Polizeikräften getötet, verletzt oder in Gefängnisse eingesperrt. Es ist dort sehr gefährlich.

US-Präsident Donald Trump verlautbarte, Demonstranten im Iran mit militärischen Angriffen »helfen« zu wollen. Wie verstehen Sie die Äußerung?

Von wegen »helfen«: Für die Oppositionellen in unserem Land und ihre Freiheit interessiert sich Trump nicht. Er hat kapitalistische Interessen und seinen eigenen Vorteil im Kopf, will Öl und Gas. Das ist alles.

Was wollten Sie mit der Demo an Silvester bewirken?

Wir fordern, Abschiebeknäste abzuschaffen. Die Bundesregierung sollte überhaupt nicht mit Diktatoren autoritärer und islamistischer Regime verhandeln. Wir appellieren an sie, ihre migrationsfeindliche Politik zu beenden. Wir wenden uns an die Öffentlichkeit, dies nicht mehr hinzunehmen. Vor allem aber wollten wir den unschuldig Inhaftierten unsere Solidarität erweisen. In ihren Zellen hören sie, wenn draußen für sie demonstriert wird.

Sami A. flüchtete vor sieben Jahren aus dem Iran nach Deutschland und sollte im Oktober 2022 dorthin zurück abgeschoben werden. Seit Juli 2025 erhielt er nun Asyl in Deutschland

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