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Aus: Ausgabe vom 06.01.2026, Seite 9 / Schwerpunkt
Genozid in Gaza

Neue Weltordnung der Rechtlosigkeit

Die Hind Rajab Foundation über den Charakter israelischer Kriegsverbrechen, den Kreislauf der Straffreiheit und die Diplomatie der Gewalt. Ein Gespräch mit Jake Romm
Von Susann Witt-Stahl
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Kleidung von Palästinensern, die von der israelischen Armee verschleppt und gezwungen wurden, sich auszuziehen (Bei Lahia, Gaza, 23.1.2025)

Jake Romm lebt und arbeitet als Menschenrechtsanwalt, Autor und Mitherausgeber des Protean Magazine in New York City. Er ist offizieller Vertreter der Hind Rajab Foundation in den USA und wird am 10. Januar auf der 31. Rosa-Luxemburg-Konferenz Talkgast des M&R-Kulturpodiums sein.

In den vergangenen zwei Jahren waren in Gaza zahlreiche israelische Kriegsverbrechen zu beobachten. Was ist neu?

Alles, was die Israelis in dieser Zeit getan haben, gab es in der einen oder anderen Form schon einmal. Israel ist seit langem eines der führenden Folterländer, Israel hat regelmäßig verbotene Waffen wie weißen Phosphor und Streubomben eingesetzt. Die Liste ließe sich fortsetzen. Darüber hinaus sind Völkermord und »ethnische Säuberungen« untrennbar mit der Struktur des Siedlerkolonialismus verbunden. Seit seiner Gründung betreibt Israel das, was viele als Völkermord in Zeitlupe bezeichnen. Was neu ist und besonders auffällt, sind die Brutalität, die Geschwindigkeit und das Ausmaß des Angriffs. Jeder Aspekt der kriminellen Machenschaften Israels wurde auf ein bisher ungekanntes Niveau gesteigert. Die totale Zerstörung des Gazastreifens ist beispiellos, ebenso die Zahl der Toten.

Was haben die Ereignisse des 7. Oktobers bei der israelischen Gesellschaft und dem zionistischen Staat bewirkt?

Mir scheint, dass die Israelis im 7. Oktober den Opferstatus sahen, nach dem sie sich sehnen, seit sie sich endgültig als führende Militärmacht in der Region etabliert haben – ein Opferdasein, das ihnen die Lizenz und moralische Rechtfertigung geben würde, das mit der Nakba begonnene Völkermordprojekt endlich zu vollenden. Das ist ein einleuchtender Grund für das Ausmaß der Verbrechen – die Zeit war einfach politisch reif dafür –, aber es gibt auch einen psychologischen Aspekt, nämlich dass sie einen Moment der Niederlage erlebt haben und daher das Bedürfnis verspüren, die koloniale Hierarchie noch stärker zu behaupten als zuvor. Dies hilft auch, eine weitere neue Entwicklung zu erklären, nämlich die Reifung Israels zu einem führenden faschistischen Staat. Alberto Toscanos Buch »Spätfaschismus« ist hier aufschlussreich. In einem Interview sagte Toscano, dass wir derzeit rechte »Bewegungen, Diskurse und Persönlichkeiten erleben, die genau die Strukturen, die Liberale oder Konservative sowohl praktizieren als auch ablehnen, vehement bejahen, feiern und weiter vorantreiben wollen«. Die USA sind ein sehr treffendes Beispiel für diese Dynamik, aber Israel steht an vorderster Front. Das heißt, während Israel schon immer Greueltaten gegen das palästinensische Volk begangen hat, sind das unverhohlene Bekenntnis dazu, das Bedürfnis, sie zu feiern, sowie das dreiste Streben nach immer größerer Gewalt und territorialer Expansion in allen Schichten der Gesellschaft etwas Neues und ein Vorbote dessen, was noch kommen wird.

Die Hind Rajab Foundation spricht von einem »Kreislauf der israelischen Straffreiheit«. Was genau ist damit gemeint?

Trotz der Dokumentationen der israelischen Verbrechen mit erdrückender Beweislast haben die Israelis seit jeher nie wirklich Konsequenzen zu tragen gehabt. Je länger man mit einem Verbrechen davonkommt, desto mehr hat man das Gefühl, dass es vielleicht gar keines ist. Tatsächlich argumentieren israelische Anwälte, die Handlungen ihres Staates seien legal, und einige US-amerikanische und europäische Juristen und westliche Regierungen unterstützen sie dabei – auf diese Weise kann ein Verbrechen mit der Zeit tatsächlich zum Gesetz werden. Hinzu kommen die Rückendeckung durch das US-Militär, die Komplizenschaft beziehungsweise Niederlage fast aller anderen konventionellen Streitkräfte in der Region und das extreme Ungleichgewicht der Waffen und Fähigkeiten der israelischen Armee und des palästinensischen Widerstands, wodurch sich zu dem Gefühl der Unschuld noch ein Gefühl der Unbesiegbarkeit gesellt. Letztere durchdringen eine Gesellschaft, die auf der Auslöschung des palästinensischen Kollektivs basiert, dessen bloße Existenz ständige Gewalt gegen interne und externe Andere erfordert, um die ethnische Vorherrschaft zu sichern. Da die Dynamik des Siedlerkolonialismus unaufhaltsam zu Gewalt führt, legt jedes ungestrafte Verbrechen den Grundstein für das nächste, das noch drastischer ausfällt.

Erleben wir gerade die Entstehung einer neuen kolonialen Weltordnung?

Es entsteht zweifellos etwas Neues. Oder besser gesagt: Altes wird wieder neu. Eroberung, koloniale Massaker und Völkermord, Kanonenbootdiplomatie und so weiter – diese Realitäten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sollten durch die nach den Katastrophen des Zweiten Weltkriegs eingeführte internationale Rechts- und Politikordnung abgeschafft werden. Da diese Ordnung jedoch von den Kolonialmächten selbst geschaffen und durchgesetzt wurde, blieben diese Bestrebungen und ihr emanzipatorischer Gehalt uneingelöst und Gewalt an der Tagesordnung. Dennoch kam es in der Zeit nach 1945 zu einer Welle der Entkolonisierung und zum Aufstieg zuvor unterdrückter Völker auf die globale wirtschaftliche und politische Bühne. Es gab eine progressive Bewegung hin zu einer immer größeren Legitimität internationaler Institutionen. Nun haben die USA, die sich zuvor auf internationale Institutionen stützten, um ihre Hegemonie innerhalb des Weltordnungssystems zu festigen – auch wenn sie gleichzeitig gegen die Regeln und Verträge verstießen, aus denen diese Institutionen ihre Legitimität bezogen –, entschieden, dass die internationale Ordnung nach 1945 nicht mehr zweckmäßig ist. Sie ist zu einem Hindernis für die Machterhaltung der USA geworden, und so haben sie begonnen, diese Ordnung abzubauen und zu behaupten, dass das einzige Prinzip der Diplomatie Gewalt sei. Um es klar zu sagen: Die Nachkriegsordnung war monströs, aber es kann immer noch etwas Schlimmeres entstehen. Die Aggression der USA gegen Venezuela und der Völkermord in Palästina sind Ausdruck der Vision einer neuen Weltordnung. Der Prozess zur Lösung der Krise, in der wir uns befinden, wird langwierig und blutig sein, aber der Ausgang bleibt offen. Für die große Mehrheit der Welt ist es von existentieller Bedeutung, dass sich die Vision der USA und Israels nicht durchsetzt.

Welche Perspektive sehen Sie für die Arbeit der Hind Rajab Foundation vor dem Hintergrund zunehmender Rechtlosigkeit langfristig?

Unsere Arbeit ist ein iterativer Prozess. Jeder Antrag auf Strafverfolgung ist mehr als nur ein juristisches Dokument, er ist auch eine Möglichkeit, eine Aufzeichnung zu erstellen und eine Geschichte zu erzählen. Jede Anklage verknüpft den Täter mit seiner Tat in der historischen Aufzeichnung, und da der einzelne als Rädchen im Getriebe des israelischen Militärs fungiert, wird auch der Staat mit der Tat in Verbindung gebracht. Je mehr Strafanträge eingereicht werden, desto mehr entsteht aus den Beweisen gegen Einzelpersonen ein pointillistisches Gesamtbild der israelischen Verbrechen in Gaza. Die politischen Argumente gegen den Zionismus werden durch die Gerichtsverfahren gegen seine Vollstrecker gestützt und umgekehrt, wodurch sich die Erfolgsaussichten mit jeder Klage erhöhen. Im Laufe unserer Arbeit sind die Staaten daher zunehmend kooperativ geworden, und ich bin fest davon überzeugt, dass wir in diesem Jahr die ersten Gerichtsverfahren erleben werden.

Das Interview wurde stark gekürzt. Die lange Fassung findet sich auf www.jungewelt.de

Hintergrund: »Investigating War Crimes in Gaza«

Israelische Soldaten ritzen Gefangenen Davidsterne in die Haut. Sich häufende Morde an unbewaffneten Palästinensern sowie gezielte Schüsse in die Hoden von Jungen und Männern sind zwei von vielen Indizien für genozidale Absichten.

»Das Völkerrecht wird durch das Vorgehen der israelischen Armee mit Füßen getreten«, erklärte Bill Van Esveld, stellvertretender Direktor von MENA Human Rights Watch, in dem 2024 veröffentlichten Dokumentarfilm »Investigating War Crimes in Gaza«. Dafür hatten Regisseur Richard Sanders und die I-Unit (Investigativteam) von Al-Dschasira riesige Mengen von Material, vorwiegend Primärquellen, ausgewertet. Viele israelische Täter verbreiten Videos von ihren Kriegsverbrechen, etwa Sprengungen von zivilen Einrichtungen, darunter Schulen, Bibliotheken etc., und blindwütiger Zerstörung palästinensischen Eigentums. »Uns wurde schnell klar, dass die Rettung der Geiseln und die Niederlage der Hamas für die Israelis zweitrangige Ziele waren«, so Sanders gegenüber dem Kulturmagazin M&R. »Das Hauptziel ihrer Aktivitäten bestand darin, den Gazastreifen für Palästinenser unbewohnbar zu machen.«

In Europa bleiben allen voran die Behörden des Komplizen Deutschland stets untätig, wenn es um Ermittlungsverfahren gegen israelische Kriegsverbrecher geht. Um so wichtiger, die Bevölkerung darüber zu informieren, dass die Mörder, Folterer und Vergewaltiger »Name, Anschrift und Gesicht« haben, wie es in Brechts »Kriegsfibel« heißt. Daher leisten Richard Sanders und seine I-Unit unermesslich wertvolle Arbeit, wenn sie die Identitäten der Täter ans Tageslicht bringen und auch die Befehlsketten nachverfolgen. »Wir haben Soldaten identifiziert, die bei Misshandlungen gefilmt wurden, weil wir es für wichtig hielten, Israels Schutzschild der Straffreiheit zu durchbrechen«, erklärt der Regisseur und Produzent. »Sie begehen Verbrechen vor allem aus einem Grund: weil sie es können und wissen, dass sie damit durchkommen.«

Für Sanders stellt Gaza einen »Wendepunkt« dar. Die westlichen Mächte hätten zwar häufig eine zynische Politik betrieben, aber sie hätten zumindest vorgegeben, sich für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit einzusetzen. »Jetzt haben sie jede Fassade abgelegt.« Die palästinensisch-US-amerikanische Schriftstellerin Susan Abulhawa, die im Film zu Wort kommt, spricht sogar von einer »neuen Ordnung« des Westens: »Das ist der Dschungel« – wo nur das Recht des Stärkeren zählt. Die M&R-Redaktion wird auf der 31. Rosa-Luxemburg-Konferenz mit ihrem Kulturpodiumsgast Jake Romm von der Hind Rajab Foundation Ausschnitte aus dem Film »Investigating War Crimes in Gaza« analysieren. (sws)

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (6. Januar 2026 um 00:29 Uhr)
    Was mich verwirrt, Herr Romm, ist zuerst die Suche nach dem konkreten Anlass für den Hamas-Angriff am 7.10.2023. Da die Zahl der Angreifenden zwischen 1000 und 2000 Personen angegeben wurde, die nicht nur bewaffnet und ausgerüstet, allesamt auf Fahrzeugen an 24 (?) Positionen die Grenze zu Israel ohne uns heute bekannte Verluste durchbrochen haben sollen, stellt sich die Frage, wie sicher diese Grenze denn war? Oder fuhren alle diese Palästinensischen in den vermeintlichen Tod und fanden die Fahrzeuge auf ihrem Weg vor? Zwei Erklärungen zur Überwindung dieses Schutzstreifens zu Israel sind mir bekannt: Zuerst wurde eine Übermittlungspanne der Aufklärung zur Ursache erklärt. Die Information lief vier Stunden lang ins Leere, weil ein Update der Software lief. Vier Stunden lang. Üblicherweise werden auch nie andere Wege aktiviert, wenn keine E-Mail als empfangen bestätigt wird. Obwohl sich da das halbe Heer der Hamas im Anmarsch befindet. Die neuere Darstellung lautete: Die Rechtsberater der israelischen Armee (IDF) hätten vom Angriff abgeraten. Von welchem Minister stammt doch gleich diese. Stundenlang sammelt sich eine unbehelligte schwer bewaffnete motorisierte Hamas-Truppe. IDF hält still, die Todesschüsse auf Kinder ansonsten nicht scheut. Die Grenze steht offensichtlich offen, Luftüberwachung/Drohneneinsätze stundenlang gleich null!? Nach zwei Jahren und drei Monaten werden die Ereignisse untersucht werden? Ohne dass weltweit bekannte AnalystInnen sofort mit am Start sind und für Öffentlichkeit sorgen, wird alles im Verborgenen ablaufen. Greta Thunberg für globale Solidarität, Julian Assange für weltweite Öffentlichkeit und Edward Snowden für alle Themen der Recherche – so werden die Tatsachenaussagen zum 7.10.2023 ans Licht kommen. Denn die israelischen Soldatinnen und Soldaten können ihr erzwungenes Schweigen endlich brechen.

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