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Aus: Ausgabe vom 03.01.2026, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage
DDR-Literatur

»Weißt du was Bessres?«

Vor 30 Jahren starb der DDR-Schriftsteller Heiner Müller. Er rieb sich an der DDR und besang das Drama des Sozialismus
Von Ronald Weber
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»Zwei Beine hat mein Vater / Das eine ist aus Holz. / Er hats vom Krieg. Nun ratet: / Auf welches ist er stolz?« Ob Müller in Zeiten der Militarisierung noch als Werbetexter nutzbar wäre? (Berlin, 28.2.1992)

Nacht Berliner Mauer Thälmann und Ulbricht auf Posten

Thälmann: Das Mausoleum des deutschen Sozialismus. Hier liegt es begraben. Die Kränze sind aus Stacheldraht, der Salut wird auf die Hinterbliebenen abgefeuert. Mit Hunden gegen die eigene Bevölkerung. Das ist die rote Jagd. So haben wir uns das vorgestellt in Buchenwald und in Spanien.

Ulbricht: Weißt du was Bessres.

Thälmann: Nein.

(aus: »Germania 3. Gespenster am toten Mann«)

Als Heiner Müller vor 30 Jahren starb, kam die Beerdigung einem Staatsbegräbnis gleich. Der vormalige Bundespräsident in der ersten Reihe neben dem Berliner Regierenden Bürgermeister und dem Vorsitzenden der SPD. Dazu die Crème de la Crème des Kulturbetriebs sowie dessen zweite, dritte, vierte und fünfte Reihe. Und jede Menge Groupies. An die 3.000 Menschen waren an jenem Vormittag des 16. Januar zum Dorotheenstädtischen Friedhof gekommen, um ihren Meister zu Grabe zu tragen. Sibyllinisch wie stets hatte der seinen Anhängern hinterlassen: »Das letzte Abenteuer ist der Tod.« Oder zumindest die Beerdigung. Nur mit Mühe konnte das eigens angeheuerte Sicherheitspersonal die Unberechtigten vom Zugang zum Prominentenfriedhof abhalten. Einlass nur mit Einladung. Das Fernsehen übertrug live.

»Provozieren – das macht mir sicher Spaß.« (Interview, 1991)

Es ist schon erstaunlich, wie ungebrochen sich Heiner Müllers Aufstieg nach dem Ende der DDR fortsetzte. 1990 wurde er zum Präsidenten der Akademie der Künste der DDR gewählt, die er, nunmehr unter dem Namen Akademie der Künste zu Berlin bis 1993 leitete und schließlich in eine neue gesamtdeutsche Akademie unter der Leitung von Walter Jens überführte. 1992 übernahm er gemeinsam mit Peter Zadek, Matthias Langhoff, Peter Palitzsch und Fritz Marquardt die Leitung des Berliner Ensembles; noch in seinem Todesjahr stand er der Bühne nach einigen medial breit ausgewalzten Streitigkeiten für kurze Zeit allein vor. Bis heute hält sich dort Müllers legendäre Inszenierung von Brechts Faschismusparabel »Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui« mit Martin Wuttke in der Hauptrolle.

Will man Müllers Bekanntheitsgrad nach 1990 ermessen, muss man aber nicht so sehr dessen Dramen und Inszenierungen sowie seine Auszeichnungen, sondern vor allem Müllers mediale Präsenz in den Blick rücken. Als beliebter Gesprächspartner der Feuilletons, der sich für keinen Quatsch zu schade schien – 1990 ließ es sich von einem Fotografen aus einem Gullischacht kletternd ablichten –, war der Künstler bereits in den 1980er Jahren zu einer Art Popstar geworden. Dazu passend die spezifischen Müller-Accessoires: schwarze Brille, Whiskyglas und Zigarre. Als Talkshowgast und durch die Gespräche mit Alexander Kluge im Privatfernsehen war der Dramatiker omnipräsent, eine »Projektions-, Plauder- und Räsoniermaschine«, die viele in ihren Bann zog.¹

Müller, so scheint es, verzieh man alles. Eisig mag die Stille gewesen sein, als er 1985 anlässlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises in Darmstadt den Namen Ulrike Meinhof erwähnte. Aber man ging darüber ebenso hinweg wie über seine wiederholte Betonung, die Bundesrepublik sei ein Staat, der »Witwen von Arbeitermördern« und anderen Nazis üppige Renten auszahle. Selbst der Stasi-Vorwurf prallte an ihm ab. Als die Pressemeute, vom Pfarrer Gauck stets gut mit Informationen bestückt, Anfang 1993 versuchte, ihn ob seiner Gespräche mit dem Ministerium für Staatssicherheit als »IM« zu outen, ging Müller als Sieger aus dieser Auseinandersetzung hervor. Der Vorwurf der Zeit, er sei ein »Sascha Anderson im Großformat« gewesen, verfing nicht.

Der Grund dafür lag nicht in der Lächerlichkeit des Vorwurfs. Der Fall Christa Wolf, der etwas verniedlicht als »deutsch-deutscher Literaturstreit« um die Rolle der Künstler in der DDR in die Geschichte eingegangen ist, verdeutlicht es. Vielmehr scheint man Müller, den »Homo Mediarum« (Peter Hacks), vor allem als lustvollen Provokateur wahrgenommen zu haben, der morgens dies und abends das, und nicht selten das genaue Gegenteil des zuvor Gesagten, äußerte und dazu gleich die passenden, schlagzeilentauglichen Sätze formulierte: »Ich sage alles, nur nicht, was ich denke.«

Gewiss hat Müllers anhaltender Erfolg nach der »Wende« auch mit dessen Beliebtheit im Westen zu tun. Heiner Müller war der Dichter der 68er, die – durch Repression und politische Flausen mürbe gemacht – nach ihrem Marsch durch die Institutionen zu Beginn der 1990er Jahre in den Führungsetagen der ideologischen Apparate angekommen waren. Mit Geschichtsrevuen wie »Germania Tod in Berlin« und »Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei«, vor allem aber mit »Die Hamletmaschine« brachte er ihren geschichtsphilosophischen Kater auf den Punkt. Die Utopie war tot. Der Versuch, sie umzusetzen, kostete vor allem eines: Opfer. »Die Geschichte reitet auf toten Gäulen ins Ziel«, heißt es bei Müller aus dem Munde Lessings. Am Ende steht der Tod: »Die Welt hat keinen Ausgang als zum Schinder«, stößt der Macbeth der skandalumwitterten Shakespeare-Bearbeitung hervor. Kein Wunder, dass die Texte Müllers auch weit über literaturaffine Kreise hinaus Verbreitung fanden, brachte er doch die No-Future-Haltung der rebellierenden Jugend der 80er Jahre von Basel bis Hamburg auf den Punkt.

»Praxis, Esserin der Utopien« (aus: »Der Bau«)

Müllers Beliebtheit hat aber natürlich auch noch einen ganz einfachen Grund, der keineswegs quer zu dem, vielmehr neben dem bisher Gesagten steht: Heiner Müller war ein sehr guter Dichter mit einem ganz eigenen, suggestiven Sound, zudem ein Meister des Blankverses. In seiner »Philoktet«-Bearbeitung hat er ihn zur Perfektion getrieben, so dass selbst der in Sachen Jambus nicht minder bewanderte Peter Hacks neidlos eine »Qualität erlesener Reinheit« konstatierte. Und Müller verfügte, was man in seinen späteren Stücken nur noch an kräftig übermalten Spuren erkennen kann, durchaus über eine Ästhetik, die im Einklang mit der DDR-Dramatik der 1950er und 1960er Jahre stand, zumindest wenn man von Brecht ausgeht, dem erklärtermaßen großen Vorbild Müllers wie überhaupt eigentlich aller Dramatiker jener Zeit. Deren Zentralbegriff hieß: Dialektik.

In Anlehnung an Brecht strebte Müller nach einem Theater der Widersprüche, das den Aufbau des Sozialismus in der DDR im Gegeneinander widerstreitender, von unterschiedlichen Klassenpositionen wie historischen Erfahrungen (Faschismus und Krieg) geprägten Interessen schilderte. Das hieß: Zertrümmerung von Illusionen, Kritik der nachwirkenden deutschen Misere, aber eben auch dialektische Vermittlung – wobei sich Müller hier, mit Brecht, auf die Form als »Vorschein einer besseren Welt« zurückzog und die Aufhebung dem Publikum überließ, wie es im Vorspruch zum »Lohndrücker« heißt, jenem Stück, in dem ein Arbeiter, der auch während des Faschismus gut gearbeitet (und fleißig denunziert) hat, die sozialistische Norm übererfüllt, zum »Helden der Arbeit« wird und deshalb von seinen Kollegen als »Arbeiterverräter« verprügelt wird.

Gemeinsam mit seiner Ehefrau Inge Müller wurde Heiner Müller 1959 für die Produktionsstücke »Der Lohndrücker« und »Die Korrektur« der Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste der DDR verliehen. Man lobte Müllers innovativen Ansatz. Zuvor hatte sogar Walter Ulbricht in einer Rede beim V. Parteitag der SED Müller positiv hervorgehoben. Aber das war ein Missverständnis. Die SED-Kulturpolitik wollte Agitation, künstlerisch verziert. Widersprüche? Gerne, aber bitte mit abschließender Harmonisierung. Das war mit Müller nicht zu machen.

Schon das nächste Stück, »Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande«, das die DDR-Geschichte von der Bodenreform bis zur Kollektivierung abschreitet, geriet zum Riesenskandal. Kurz nach dem Mauerbau flog Müller im hohen Bogen aus dem Schriftstellerverband. Im Stück beschäftigt den Parteisekretär Flint die Frage, ob der Einsatz für den Sozialismus sich für ihn eigentlich gelohnt habe: »Ich bin trainiert drauf / An Fleischtöpfen gradaus vorbeizugehn / Und keinen Daumen breit ab von der Linie / Fürs bessre Leben, das vielleicht zu spät kommt«. Der Zweifel, ob die spezifische Art des sozialistischen Aufbaus in der DDR nicht einen zu hohen Preis fordere, breitete sich in den Texten Müllers ab den 1960er Jahren immer mehr aus. Die Hoffnung schwand. »Der Bau«, eine Bearbeitung von Erik Neutschs Erfolgsroman »Spur der Steine«, behandelt zwar noch eine positive industrielle Aufbaugeschichte, am Ende aber steht eine zerbrochene Liebe und eine einsame Frau mit einem Kind, das ohne Vater aufwächst.

Im »Bau« zeigen sich auch erstmals formale Brüche. Mit dem Auftritt des Ingenieurs Hasselbein, einem »Hamlet in Leuna«, springt der dramatische Text immer wieder aus der Form, dringt Mythologisches vor, so dass man sich fragt, ob Hasselbein überhaupt noch innerhalb des Kommunikationssystems des Dramas agiert. Das sind frühe Spuren der späteren radikalen Kritik herkömmlicher Dramatik. Auch erste Ansätze für Müllers unzuverlässige Metaphern finden sich in dem Stück. Der »Bau«, so mag der Zuschauer im Laufe der Handlung ahnen, das ist nicht nur der Aufbau des Sozialismus, das ist auch ein Prozess des Zumauerns und Einbauens.

Ab den 1960er Jahren bediente sich Müller wie viele andere DDR-Autoren auch mehr und mehr mythologischer Themen, die ihm als Spiegel dienten. So in den Lehrstücken »Philoktet« und »Der Horatier«. Aber waren Brechts Lehrstücke Übungen zur Vermittlung von Dialektik, die von einem mehr oder weniger festen, an die Kategorien des Marxismus gebundenen Wissen ausgingen, das im Prozess des als kollektive Verständigung aufgefassten Theaterspiels vermittelt und überprüft werden sollte, so laufen Müllers Lehrstücke über die »unreine Wahrheit« bestenfalls noch auf Übungen in negativer Dialektik hinaus.

Wo aber nur noch Widersprüche sind und Vermittlung ausbleibt, da hängt man im Nichts. Fast schon manisch begab sich Müller in den 1970er Jahren auf die Suche nach den Ursprüngen der deutschen Misere, in der Absicht, »den Leuten so viel aufzupacken, dass sie nicht wissen, was sie zuerst tragen sollen«. ›Geschichte‹ war jetzt nur noch Durchsetzung subjektfeindlicher Rationalität, negative Triebgeschichte im Sinne eines katastrophischen Ausagierens des Verdrängten. Müllers Texte hielten diesem Antifortschritt fortan den Widerstand der ›Natur‹ entgegen: den Tod als das andere des Lebens, den Körper als das Widerstrebende einer rationalen, alles Chaotische ausschließenden Gesellschaft und das weibliche Geschlecht als das andere der männlichen Zivilisation. Damit ging auch ein Wechsel der künstlerischen Gewährsleute Müllers einher – sie hießen fortan: Artaud, Beckett und Lautréamont – sowie ein Bruch mit der dramatischen Tradition. Die Literaturwissenschaft hat dafür die Bezeichnung »Postdramatik« gefunden.

Müllers Rausch der Gewalt endete 1987 mit dem fünften Teil der »Wolokolamsker Chaussee«: »Der Findling«, benannt nach Kleists Novelle. Wie in dieser wendet sich am Schluss der Vater, ein Funktionär im »Würgegriff mit Schlips und Kragen«, gegen den aufbegehrenden Sohn, der in den Westen will: »Erschießen solln sie dich du Nazibastard«. Zum Schluss war bei Müller wohl mehr Verachtung als Enttäuschung: »Was geht mich euer Sozialismus an / Bald schon ersäuft er ganz in Coca Cola«, schreit der Sohn heraus.

»Zerstoben ist die Macht an der mein Vers / sich brach wie Brandung regenbogenfarb« (»Vampir«)

Dann kam lange nichts mehr. Müller hatte stets betont, er brauche die DDR als »Material«, nicht als »Rauschmittel«. Ohne den »Erfahrungsdruck« des schiefgegangenen Sozialismus konnte er nicht schreiben. Das war natürlich übertrieben. Müller hatte seine Auseinandersetzung mit der Russischen Revolution und ihren Folgen einfach bis zu einem Punkt geführt, an dem es nach »Der Findling« nicht mehr weiterging.

Und auch das stimmt nicht ganz. Denn es ging ja weiter, nur eben in einem anderen Genre. In einigen bemerkenswerten Gedichten wie »Senecas Tod« und »Mommsens Block« reflektierte Müller die neue Situation nach der »Wende« und seine dramatische Schreibblockade – tief pessimistisch (»DER GROSSE OKTOBER DER ARBEITERKLASSE (…) war ein Sommergewitter im Schatten der Weltbank«) und wie stets der Opfer gedenkend, nunmehr ohne die noch von Brecht erbetene Nachsicht: »WIR DIE DEN BODEN BEREITEN WOLLTEN / FÜR FREUNDLICHKEIT / Wieviel Erde werden wir fressen müssen / Mit dem Blutgeschmack unserer Opfer / Auf dem Weg in die bessere Zukunft / Oder in keine wenn wir sie ausspeien«.

Müller gehört zu den Schriftstellern, die nicht nur andere Literatur, sondern auch Aufgeschnapptes in ihre Texte montieren. Sein Werk ist voll von Sentenzen, die er sich in Arbeiterkneipen abgelauscht hat. Nichts zeigt wohl besser den Wandel der Zeiten wie auch Müllers neue Position nach dem Ende der DDR an als der Verweis auf ein »Nobelrestaurant« in »Mommsens Block«. Neben Müller am Nachbartisch zwei »Lemuren des Kapitals«. Das Fazit des Dichters: »Tierlaute Wer wollte das aufschreiben«.

Jörg Sundermeier merkte vor zwanzig Jahren anlässlich des zehnten Todestages in der Taz an, Müller habe die Bundesrepublik »weniger leidenschaftlich« gehasst als die DDR. Mir scheint, es ist genau umgekehrt. Und womöglich ist Hass bezüglich der DDR auch schlicht das falsche Wort. Müller, der von sich selbst sagte, er habe auf den Untergang der DDR gewartet, »ihn aber nicht befördert«, hat sich lange als Teil des ostdeutschen Sozialismus verortet, dem er in »kritischer Solidarität« verbunden war wie viele andere. Es war eine »Diktatur gegen die Leute, die meine Kindheit beschädigt«, die seinen Vater ins KZ verschleppt hatten: »Das eine war für mich das alte Deutschland, und das andere war das wenn auch schlechte neue. Die Brecht-Formel: ›Ich bestehe darauf, dass dies eine neue Zeit ist, auch wenn sie aussieht, wie eine blutverschmierte alte Vettel.‹ Das war die Position, das schlechte Neue gegen das vielleicht bequeme Alte.« Für Müller war die DDR das bessere Deutschland, die Zukunft, die sich als Vergangenheit präsentierte: kein Konsumismus, Langsamkeit der öffentlichen Vorgänge, Langeweile im Sinne schöpferischer Qualität.

Müller mag die DDR am Ende als nicht mehr reformierbar, den Sozialismus nur noch als »Phantom« angesehen haben. Das bei ihm durch den Untergang der DDR freigesetzte Gefühl war gleichwohl nicht Freude, sondern Trauer. Wiederholt sprach er von der »Tragödie des Jahrhunderts«. Und es ist ja auffällig, dass sich Müllers Texte nach 1990, sofern sie sich nicht mit dem absehbaren eigenen Tod infolge seiner Krebserkrankung beschäftigen, vor allem um die DDR drehen. Noch sein letztes Stück »Germania 3 Gespenster am toten Mann« ist ein Gespenstertheater des deutschen Sozialismus.

Blättert man in Müllers Gedichten, stolpert man über einen kurzen Text, der ganz leise und fast zart daherkommt. Es handelt sich um die Übersetzung eines Gedichts von Ezra Pound, das dieser wiederum aus dem Chinesischen übertragen hatte. Der aus dem 8. Jahrhundert stammende Text spricht einer Führungsperson Mut zu angesichts eines schweren Weges:

»Leichter Regen auf leichtem Staub / Die Weiden im Gasthof / Werden grün werden und grün / Aber du Herr solltest Wein trinken vor deinem Abschied / Denn du wirst keine Freunde haben / Wenn du kommst an die Tore von Go.«

Müller hatte die Übertragung bereits 1989/90 angefertigt, dem Gedicht bei der Veröffentlichung 1992 aber einen entscheidenden Nachsatz beigegeben: »für Erich Honecker«.

»Der Kaiser braucht Soldaten, Vater.«

Wer also liegt da nun bei Bahro und Brecht unterm Märkischen Sand begraben? Die Zuschreibungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie reichen von Konterrevolutionär bis hin zu DDR-Nostalgiker. Wer sich an Müllers Begeisterung für T. S. Eliot, Ernst Jünger oder Ezra Pound stört, hält ihn für einen Antihumanisten oder gleich einen halben Faschisten. Wem Müllers mangelnde Begeisterung für Freedom and Democracy aufstößt, erkennt in ihm einen verkappten Stalinisten (von dem es im übrigen, wie von so vielen frühen DDR-Autoren, auch Stalin-Hymnen gibt; Müller schrieb sie zu Beginn der 1950er Jahre, die Bezahlung im Blick wie »am Fließband«: »300 bis 350 Mark pro Hymne«).

Es fällt schwer, Heiner Müller politisch festzulegen. Er war gewiss kein Marxist, aber er akzeptierte die marxistischen soziologischen Kategorien. Politik ließ sich mit ihm kaum machen (sieht man von den paar, durchaus noch lesenswerten sozialistischen Lobgesängen der frühen 1960er Jahre im Brecht-Ton wie »Winterschlacht 1963« oder »Fragen für Lehrer« ab). Seine Selbstreflexion, etwa in dem späten Gedicht »Müller im Hessischen Hof« – schon wieder ein Luxushotel – beschreibt seine gesellschaftliche Position aber doch recht genau und schonungslos:

»Mein Traum / Die faltige Kehle der Witwe vom Nebentisch / Aufzuschneiden mit dem Messer des Kellners / Der ihr den Lammrücken vorschneidet Ich / Werde auch diese Kehle nicht aufschneiden / Mein Leben lang werde ich nichts dergleichen tun / Ich bin nicht Jesus Der das Schwert bringt Ich / Träume von Schwertern Wissend länger als ich / Wird die Ausbeutung andauern an der ich teilhabe / Länger als ich der Hunger der mich ernährt / Der Schrecken der Gewalt ist ihre Blindheit / Und die Dichter ich weiß es lügen zu viel«.

Was Müller nur noch in den Anfängen miterlebt hat, ist der moralische Imperialismus. Joschka Fischers Auschwitz-Relativierung hätte er gewiss widersprochen. Wie auch der aktuellen Verteufelung der Russen. Ob er in die heutigen Talkshows noch eingeladen werden würde, mag man angesichts seiner Einschätzung der Situation nach 1990 (»Unterwerfung«, »Eroberung«, »Kolonisierung«) bezweifeln.

Die Literaturwissenschaft hat sich angewöhnt, in den frühen Texten des Montagedichters Müller nach Spuren und Verbindungen zu späteren Texten suchen. Viele der frühen Gedichte blieben dabei unberücksichtigt, darunter auch Müllers wohl zur Zeit aktuellstes:

»Der Kaiser braucht Soldaten, Vater. / Verstopf deine Ohren, Sohn / Damit du die Trommel nicht hören kannst / Und deck dich mit Mist bis über die Augen zu / Damit du nicht geblendet wirst vom Glanz der Waffen.«

Anmerkungen:

1 Frauke Meyer-Gosau: Monument Müller. Ein Bild und seine Spiegelungen, in: Heinz Ludwig Arnold (Hg.): Heiner Müller. 2. Aufl. München 1997, S. 8. Die gesammelten Gespräche mit Alexander Kluge sind verfügbar unter: Siehe https://kluge.library.cornell.edu/de/conversations/mueller

Ronald Weber leitet das Thema-Ressort dieser Zeitung.

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