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Aus: Ausgabe vom 14.08.2021, Seite 12 / Thema
Literatur und Mauerbau

Ein Stein, ein Kalk

Vor 60 Jahren wurde die Mauer gebaut – was viele DDR-Künstler begrüßten. Über Helmut Baierls vergessenes Stück »Geschichten vom Dreizehnten«
Von Ronald Weber
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Aus dem Beschluss des Ministerrates der DDR vom 12. August 1961: »Revanchepolitikern und Agenten des westdeutschen Militarismus ist das Betreten der Hauptstadt der DDR (Demokratisches Berlin) nicht erlaubt.« (Angehörige der Kampfgruppen auf der westlichen Seite des Brandenburger Tors am 14.8.1961)

Am 13. August 1961, einem Sonntag, kurz nach ein Uhr nachts erloschen am Brandenburger Tor die Lichter. Zuvor hatten die Lautsprecher an den S-Bahnsteigen verkündet, dass der Zugverkehr zwischen Ostberlin, dem sogenannten Demokratischen Sektor, und den drei Westsektoren auf unbestimmte Zeit eingestellt werde. Am Brandenburger Tor fuhren Panzer und Wasserwerfer auf, Polizisten und Angehörige der Betriebskampfgruppen verteilten sich entlang der Grenze. Bald ratterten die Presslufthämmer. Das Pflaster wurde aufgerissen, um die ersten Pfähle für den Stacheldrahtzaun in den Boden zu bringen. Die DDR-Regierung hatte beschlossen, die Grenze zu schließen.

Sicherung des Sozialismus

Das war ein drastischer Schritt, auf den die Führung der SED gegenüber der Sowjetunion seit langem gedrängt hatte. Die Abriegelung erschien ihr als einzig realistischer Weg, das Problem »Westberlin«, die Existenz eines vom Westen kontrollierten Gebietes mit offener Grenze zur Hauptstadt der DDR, aus dem Weg zu räumen. Schließlich waren die Flüchtlingszahlen, die Ende der 1950er Jahre im Kontext des 1958 beschlossenen Siebenjahresplans mit seinem Versprechen einer Angleichung des Lebensstandards an die Bundesrepublik kurzzeitig gesunken waren, 1960 wieder rasant angestiegen: 1960 verließen 202.711 Menschen die DDR, in der Zeit von Januar bis August 1961 waren es sogar 212.814. Die Folgen waren deutlich zu spüren. Einer Analyse vom 10. Januar 1961 konnte der Erste Sekretär des ZK der SED, Walter Ulbricht, entnehmen, dass in Ostberlin und den angrenzenden Randbezirken der DDR ein »spürbarer Mangel« an Arbeitskräften herrschte.¹ Daran hatte weder die Mobilisierung von Frauen als Arbeitskräfte, flankiert vom Ausbau der Krippen- und Kitaplätze und Schulhorte, noch die Anwerbung von Arbeitskräften aus anderen sozialistischen Staaten etwas ändern können. Es ist daher kaum übertrieben, wenn man sagt, dass die DDR Gefahr lief auszubluten.

Aus Sicht der Regierung bestand also erhöhter Handlungsbedarf, zumal alle anderen Versuche der UdSSR, den Viermächtestatus Berlins aufzuheben, also die zwischen den Alliierten vereinbarte Aufteilung der Stadt in vier Zonen unter der jeweiligen Kontrolle eines Alliierten, gescheitert waren. Das Berlin-Ultimatum des Generalsekretärs der KPdSU, Nikita Chruschtschow, vom November 1958, das die Umwandlung Berlins in eine »Freie Stadt« forderte und einen Friedensvertrag mit beiden deutschen Staaten in Aussicht stellte, hatte zwar Bewegung in die Diskussion gebracht, die USA hatten jedoch immer wieder unmissverständlich erklärt, dass die Kontrolle Westberlins mit den entsprechenden Zufahrtswegen nicht verhandelbar sei. Da US-Präsident John F. Kennedy bei einem Treffen in Wien Anfang Juni 1961 aber zu verstehen gegeben hatte, dass man sich nicht in Entscheidungen einmischen werde, die die Sowjetunion in ihrer Interessensphäre treffe, schwenkte Chruschtschow im Interesse der Sicherung des produktivsten Industrielandes des sozialistischen Blocks schließlich auf den Kurs der SED ein und stimmte dem Bau der Mauer zu.

»Klappe zu, Affe tot«

Die Schließung der Grenze brachte die DDR bei nicht wenigen in Misskredit, zumal der weitere Ausbau der Mauer und deren militärische Sicherung nach innen in den folgenden Jahren immer wieder zu menschlichen Tragödien führte. »Die Mauer« wurde zum Symbol der Unterdrückung, mit tiefgreifenden Folgen bis in die Gegenwart, wird doch das landläufige Bild des Sozialismus durch den »Mauerstaat« und nicht durch die Aufhebung der Klassenherrschaft der Bourgeoisie und die vernünftige und gemeinschaftliche Handhabung der Produktivkräfte zum Wohl aller bestimmt.

Dass die Schließung der Grenze seinerzeit eine Ultima-Ratio-Entscheidung war, die das Überleben des Sozialismus zum Ziel hatte – der Historiker Dietrich Staritz spricht zu Recht vom 13. August 1961 als dem »heimlichen Gründungstag der DDR«² –, war zu Beginn der 1960er Jahre indes vielen DDR-Zeitgenossen bewusst. So mancher, von dem später ganze andere Töne zu hören waren, stimmte den Maßnahmen zu, wie beispielsweise der Liedermacher Wolf Biermann: »Ich begriff, dass die DDR zusammenbricht, wenn die Mauer nicht gebaut wird.« Überhaupt stellten sich nach dem 13. August zahlreiche Künstler an die Seite der Regierung. So gab etwa Bruno Apitz im Neuen Deutschland in Anspielung auf seinen Erfolgsroman bekannt, nunmehr sei die DDR »nicht mehr ›nackt unter Wölfen‹«. Aber nicht nur aus den Kreisen der Arrivierten, sondern auch von den jungen Künstlerinnen und Künstlern der 1920er und 1930er Jahrgänge, die mit der Kulturpolitik in der Vergangenheit nicht immer angenehme Erfahrungen gemacht hatten, kam Zustimmung. Sie hegten die Hoffnung, »dass der innere Mist jetzt ein Ende haben müsse«, wie der Dramatiker Peter Hacks an den Kollegen und Freund Heinar Kipphardt schrieb; oder in den etwas herberen Worten Heiner Müllers: »Wir dachten, jetzt haben wir die Mauer, jetzt können wir Otto Gotsche (dem Schriftsteller und Sekretär Walter Ulbrichts; R. W.) sagen, dass er ein Arschloch ist.«³

Neben explizit politischen Stellungnahmen erschienen in den Medien der DDR nach dem 13. August 1961 auch zahlreiche Gedichte und Lieder. Manche Autoren wie der Lyriker Karl Mickel gaben bereits Veröffentlichtes zum Wiederabdruck, andere wie Peter Hacks und Heinz Kahlau texteten neu. Hacks schrieb »Die roten Sterne glänzen«, ein Kampfgruppenlied, das, gesungen vom Erich-Weinert-Ensemble der Nationalen Volksarmee, Ende August im Rundfunk ausgestrahlt wurde. Kahlaus Lied »Im Sommer einundsechzig«, das bereits am 17. August im Radio zu hören war, erlangte sogar über den historischen Moment hinaus eine gewisse Popularität, wurde doch dessen Refrain »Klappe zu, Affe tot, endlich lacht das Morgenrot« zu einem auf den Mauerbau bezogenen geflügelten Wort. Ähnlich dichtete kurz darauf auch der Lustspielautor Rudi Strahl auf die Melodie des seinerzeit beliebten Schlagers »Da sprach der alte Häuptling der Indianer« von Gus Backus: »Willy Brandt, wohlbekannt, / wurde weiß wie die Wand. / Sonntag früh, Morgenrot. / Klappe zu, Affe tot.«

»Wendige Kampfformen«

Die Kooperation junger Künstler mit dem Rundfunk besaß 1961 bereits eine gewisse Tradition. Vier Jahre zuvor hatte sich beim Rundfunk der DDR eine Redaktion »Musik des revolutionären Arbeiterliedes« gegründet. Hier arbeitete u. a. Peter Hacks gemeinsam mit Komponisten wie André Asriel und Rolf Kuhl an aktuellen politischen Liedern. Die Wiederentdeckung des Agitpropkampfliedes fand in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre vor dem Hintergrund einer partiellen Öffnung der Kulturpolitik im Zusammenhang mit der sozialistischen Kulturrevolution statt, die 1959 schließlich in den sogenannten Bitterfelder Weg mündete. Die Formalismusdebatten Ende der 1940er und zu Beginn der 1950er Jahre hatten das künstlerische Experiment und die damit verbundenen Formen der Agitpropkunst ganz an den Rand des sozialistischen Kanons gestellt. Das änderte sich nun. Die proletarisch-revolutionäre Literatur erlebten eine kleine Renaissance. In der frisch gegründeten Zeitschrift Junge Kunst erschienen historische Agitpropstücke wie Gustav Wangenheims »Die Mausefalle« und Fotomontagen von John Heartfield. Letzterer wurde im August 1957 auch erstmals mit einer Ausstellung seines Werks gewürdigt.

Einen wichtigen Schritt bedeutete die kulturpolitische Öffnung auch für die Dramatik. Ende der 1950er Jahre zeichnete sich ab, dass die zuvor von dem Literaturwissenschaftler Hans Mayer beklagten »mageren Jahre« vorbei waren. Junge Dramatiker wie Helmut Baierl, Peter Hacks und Heiner Müller traten auf den Plan. Gemeinsam mit anderen wurden ihre Stücke in der Öffentlichkeit bald unter dem etwas polemischen Begriff des »Didaktischen Theaters« abgehandelt. Der eigentliche Spiritus Rector dieser Bewegung war Bertolt Brecht, der bereits anlässlich des IV. Schriftstellerkongresses der DDR im Januar 1956 gefordert hatte, die Dramatik offensiv »in den Kampf um den Sozialismus zu führen« und in diesem Zusammenhang an die »wendigen Kampfformen« der Agitpropbewegung erinnert hatte. Die von Brecht angestoßene und durch den günstigen Kontext der Kulturrevolution verstärkte Debatte über die Beschaffenheit des sozialistischen Dramas als »Umbildungstheater« (Brecht) führte in den folgenden Jahren nicht nur zu konkreten Vorschlägen zur Reform des Theatersystems. Sie brachte auch zahlreiche Stücke hervor, wie beispielsweise Heiner Müllers »Die Korrektur«, die sich in Orientierung an Brechts Lehrstücktheorie bemühten, den »Klassenkampf im Parkett« zu entfachen und dem »proletarisch umfunktionierten Hoftheater« den Garaus zu machen.⁴

Im Zusammenhang mit den Debatten rund um das »Didaktische Theater« sind auch die »Geschichten vom Dreizehnten« von Helmut Baierl aufzufassen. Sie stellen den einzigen dramatischen Beitrag zum Mauerbau dar, der unmittelbar nach den Augustereignissen entstand. Ähnlich wie die im Rundfunk ausgestrahlten Lieder sollte der für ein Arbeitertheater geschriebene Text, der verschiedene Ereignisse rund um 13. August 1961 schildert, zur politischen Bildung beitragen; in der späteren Veröffentlichung des Stücks ist denn im Untertitel auch explizit von »Agitationsszenen« die Rede.⁵

Der 1926 geborene Baierl war 1958 mit dem Lehrstück »Die Feststellung« hervorgetreten, das die Republikflucht am Beispiel eines zurückkehrenden Bauern thematisiert. Bekannt wurde er mit der Komödie »Frau Flinz«, einer Aktualisierung von Brechts »Mutter Courage«, die lange Zeit erfolgreich am Berliner Ensemble gespielt wurde. Dort war Baierl, den man ohne polemischen Unterton als Brecht-Epigonen bezeichnen kann – tatsächlich beruhen fast alle seine frühen Stücke auf Brechtschen Vorlagen – ab 1959 auch als Dramaturg tätig. Einer seiner Mitautoren, Herbert Fischer, arbeitete ebenfalls am Schiffbauerdamm als Regieassistent, der andere, Erwin Burkert, war Mitglied des Erich-Weinert-Ensembles.

»Brüder, ich komme!«

Die zehn unabhängig voneinander spielbaren und beliebig miteinander kombinierbaren Szenen erinnern recht deutlich an ihr Vorbild, nämlich Brechts 1937/38 im Exil verfasste Szenenfolge »Furcht und Elend des Dritten Reichs«. Brecht bezweckte mit dem auf der Grundlage von Presse- und Augenzeugenberichten erstellten, mit typisierenden Figuren arbeitenden, episch ausgerichteten Stück seinerzeit eine Aufklärung über den Faschismus. Baierl und seine Mitstreiter orientierten sich an diesem Vorgehen. Ihre Szenen beruhen nach eigener Aussage auf realen Vorkommnissen. Der Realismus des Stücks sei, so Baierl, zudem dadurch gewährleistet, dass die Szenen für Schauspieler des Arbeitertheaters des VEB Elektro-Apparate-Werke Berlin-Treptow (EAW) geschrieben wurden, bei dessen Gründung das Berliner Ensemble 1960 Pate stand: »Die Arbeiterschauspieler sind sehr kritisch. Durch ihre Berufs- und Lebenserfahrung, durch ihr praktisches Wissen lassen sie keinerlei Ungenauigkeit zu.«⁶

Die zehn Szenen entwickeln ein soziales Panorama Berlins. Die meisten spielen im Osten der Stadt, vier direkt an der Grenze, eine im Westen. Verschiedenste Berufsgruppen treten auf: Arbeiter, Maurer, Handwerker, Ingenieure, Hausangestellte, Polizisten, Kampfgruppenangehörige, Soldaten, Westberliner Geschäftsleute und Angehörige des Senats. Meist enden die Szenen mit einer dialektischen Volte, einer witzigen Wendung oder einer enttäuschten Erwartung.

Etwa wenn in der Szene »Stupo« zwei Westberliner Polizisten, die am Morgen des 13. August vom Wedding aus das Geschehen jenseits der Grenze beobachten, mit einem betrunkenen Handwerker ins Gespräch kommen, der nach einer durchzechten Nacht bei der Westverwandtschaft zurück nach Ostberlin will. Die »Stumm-Polizisten« – benannt nach dem SPD-Polizeipräsidenten Berlins, Johannes Stumm, unter dessen Leitung im Sommer 1948 die Spaltung der Polizei vollzogen worden war – warnen den Passanten, er solle nicht zurück in den Osten gehen: »Mann, sehen Sie denn nicht: Kampfgruppen.« Der Mann: »Ich freue mich immer, wenn die Truppe übt, mein Meister ist nämlich auch drin, und das ist ein Segen, dann ist er Montag müde und guckt nicht hin.« Als ihm aber klar wird, dass die Grenze tatsächlich geschlossen wird, gerät der Betrunkene in Panik: »Um Gottes willen, was soll denn aus mir werden. Ich bin drüben zweiter Zuschneider im VEB Elegant. Abdichten tun sie. Das sind ja Verrückte. Ich kann nicht einmal das Deutschlandlied, wie ging das? Ich hab’s geahnt, und ausgerechnet heute muss ich vor meinem Schwager äußern, ich finde die Westbewohner in der Masse alle irgendwie doof.« Nach längerem Zureden erwarten die Polizisten, dass der Mann nun im Westen bleibt. Der aber schlägt die andere Richtung ein: »Ich gehe rüber. Ich habe mir nämlich was überlegt: Einmal Übergangsperiode im Leben, das reicht mir. Brüder, ich komme!«

Um eine etwas andere Form der enttäuschten Erwartung geht es in der Szene »Fachleute«. Ein Unteroffizier und zwei Soldaten sind an der Kopenhagener Straße im Prenzlauer Berg zum Mauern eingeteilt. Der Unteroffizier, von Beruf ursprünglich Maurer, hält auf Ordnung: »Wenn ich mir als alter Maurer vorstelle, was auf den 67 Kilometern Grenze in Berlin so gepfuscht werden wird beim Mauern, bei mir nicht.« Er freut sich daher besonders, dass ihm zusätzlich zu den beiden Soldaten, die vom Mauern keine Ahnung haben, auch noch drei Genossen von den Kampfgruppen zugeteilt worden sind. »Jetzt könnt ihr was erleben: ein Kalk, ein Stein, ein …« Als er aber die Gespräche wahrnimmt, die die drei führen – es geht um Dialektik, Kybernetik und die technische Revolution – kommen ihm Zweifel. Verdutzt lässt er sich die Ausweise zeigen und muss enttäuscht feststellten, dass es sich um Angehörige der Kampfgruppe der Akademie der Wissenschaften handelt: »Und Sie … wollen also mal … probieren, wie das so geht, mauern?« Nun aber zeigt sich: Die Wissenschaftler wissen sehr wohl, wie man mauert, denn zwei von ihnen sind gelernte Maurer.

Eins zu vier

Verdeutlichen die beiden die Grenze zum Kabarett streifenden Szenen die soziale Mobilität der DDR-Gesellschaft und die Chancen, die der Sozialismus den Gutwilligen bietet, so gehen andere stärker auf die Hintergründe des Mauerbaus und die Debatten um Schwarzmarkthändler, Flüchtlinge, Grenzgänger, den Arbeitskräftemangel und den für die DDR-Wirtschaft äußerst schädlichen Wechselkurs von 1:4 ein. Besonders eindrücklich erscheint in dieser Hinsicht die Szene »Der Grenzgänger«.

»Schlimme Zeiten seit dem Dreizehnten«, raunt ein junger Arbeiter. Er will in der Nachbarwohnung Wäsche für seine Mutter abholen und kommt mit dem Nachbarn, Herrn Schulz, ins Gespräch. Da sich der hinter der angelehnten Tür umzieht, können die beiden einander nicht sehen, eine klassische Theatersituation. Herr Schulze ist Meister im VEB EAW, einem der größten elektronischen Gerätehersteller der DDR, wo auch der junge Arbeiter als Bote gearbeitet hat, bis er sich entschied, »drüben« zu arbeiten: »Ich bin ja nun auch Grenzgänger. Ich habe mir gesagt, jetzt machst du eins zu vier und sorgst für anständige Garderobe.« »Da haben Sie aber Pech gehabt!«, antwortet Schulze. »Pech ist gar kein Ausdruck. Ich war gerade in Görlitz bei meiner Kleinen, als es losging den bewussten Sonntag. Ich wollte sofort ab nach Berlin, aber die Kleine, die beruhigt mich ja immer, und nun sitze ich eben hier, und meine Arbeitsklamotten hängen drüben bei Siemens.« Da Schulze interessiert nachfragt, kommt der junge Arbeiter ins Reden. Er berichtet von seiner Anstellung als unqualifizierter Schweißer bei Siemens, mit der er auf der Grundlage des illegalen Wechselkurses auf einen monatlichen Nettolohn von 1.300 Mark gekommen sei – mehr als das Doppelte des DDR-Bruttodurchschnittseinkommens, das im Jahr 1960 nach Zahlen des Statistischen Amtes der DDR bei 555 Mark lag. Auch mit der Volkspolizei sei seit der Grenzschließung nicht mehr zu spaßen, ständig werde man auseinandergetrieben, von den Betriebskampfgruppen gar nicht zu reden: »Diktatur! So was bieten sie uns Arbeitern an.« Warum er denn nicht wie so viele andere auch abgehauen sei, fragt Schulze und bekommt eine plebejisch-schwejkische Antwort: »Bin ich Moses, ess’ ich Fisch? Flüchtling sind Sie einen Tag, dann sind Sie der Dumme. Im Angebot kriegen Sie Superlohn, in Westdeutschland dürfen Sie dann unter Tarif arbeiten. Eins zu vier konnte mir keiner an den Wagen fahren, stimmt’s, Herr Schulze?« »Eins zu vier kann man aber auch keinen Staat aufbauen«, mischt sich Frau Schulze ein.

Um die 60.000 Menschen aus Ostberlin und den angrenzenden brandenburgischen Gemeinden arbeiteten bis zum 13. August 1961 in Westberlin. Hinzu kamen nicht registrierte Angestellte im Reinigungs- und Gaststättengewerbe, deren Zahl je nach Schätzung zwischen 8.000 und 20.000 lag, unter ihnen zahlreiche Rentnerinnen und Rentner. Während die DDR-Wirtschaft mit Reparationen an die UdSSR zu kämpfen hatte und nur in geringem Maße Investitionen tätigen konnte, profitierte die westdeutsche Wirtschaft ab Ende der 1940er Jahre von der finanziellen Unterstützung durch die USA im Zuge des Marshallplans, vor allem aber von der rasant ansteigenden Nachfrage nach Rüstungsgütern mit Beginn des Koreakriegs im Juni 1950, dem eigentlichen Beginn des Aufstiegs der Bundesrepublik zur industriellen »Exportnation«. Mit dem Korea-Boom stieg auch der Bedarf an Arbeitskräften. Flüchtlinge aus der DDR wurden für die westdeutsche Industrie zu einem nicht unbedeutenden Faktor, bis die Bonner Regierung schließlich auf Arbeitsmigranten aus Italien, Spanien, Griechenland, der Türkei und anderen Ländern setzte. Im Vergleich zum übrigen Westdeutschland existierte mit der offenen Grenze zwischen dem imperialistischen und dem sozialistischen Machtblock in Berlin eine Sondersituation: Die Westberliner Industrie, die mit hohen Stundenlöhnen und einem Westgeldanteil von 40 Prozent sowie Zulagen wie Weihnachtsgeld in Höhe von 150 Westmark lockte, konnte mehr oder weniger direkt auf Arbeitskräfte aus dem Ostteil der Stadt zugreifen. Die Grenzgänger verdienten wesentlich mehr als im Osten, zahlten in der DDR aber keine Lohnsteuer und kamen zudem noch in den Genuss vergünstigter Mieten, kostenfreier Gesundheitsversorgung und niedriger Lebensmittelpreise.⁷

Dass sich mit »eins zu vier« kein Staat aufbauen lässt, hatte aber noch einen anderen Grund, denn 60.000 Menschen fielen bei den etwas mehr als einer Million Einwohnerinnen und Einwohner Ostberlins im Jahr 1960 letztlich nicht wirklich ins Gewicht. Aufgrund der offenen Grenze konnten alle Westberliner Bürgerinnen und Bürger günstig im Osten einkaufen, was die Versorgungslage in der Hauptstadt der DDR durchaus beeinflusste. In den Worten von Frau Schulz: »Ich jubele nicht. Aber soll ich vielleicht Tränen vergießen, wenn ich endlich wieder Rindfleisch einkaufen kann zum Sonnabend oder Schweinsfilet? Das haben doch alles die Westberliner weggefressen. Ich sage nichts gegen Verwandte, die sich nicht mehr besuchen können. Aber beim Frisör brauche ich mich jedenfalls nicht mehr vierzehn Tage vorher anzumelden.«

Der junge Arbeiter stört sich im weiteren Verlauf des Gesprächs vor allem daran, dass ihm nach Schließung der Grenze in Ostberlin eine Arbeit zugewiesen wurde, auf die er keine Lust hat. Als er erklärt, dass er weder für den Westen noch für den Osten sei und es unter Hitler »gar nicht so schlecht« gewesen sei, erscheint Herr Schulze, nunmehr fertig umgezogen, in der Tür – er trägt die Uniform der Kampfgruppen. Schulze verpasst dem Jungen eine »gewaltige Ohrfeige«. Der junge Arbeiter fürchtet nun festgenommen zu werden. Aber Schulze will keine Repression, er will den Jungen zurückgewinnen. Und so nimmt er ihn anschließend mit ins Werk, damit er an seinen alten Arbeitsplatz zurückkehren kann.

Fast ungespielt

Die »Geschichten vom Dreizehnten« hätten durchaus das Potential gehabt, dem Mauerbau gegenüber kritisch Eingestellte zumindest in eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen Beweggründen der SED zu ziehen. So wäre vorstellbar gewesen, die Szenen mit einer mobilen Schauspieltruppe an wechselnden Orten zu spielen, wie man es 1958 in Thüringen mit Baierls Stück »Die Feststellung« praktiziert hatte. Warum das Stück nach allen vorliegenden Informationen lediglich Pfingsten 1962 in einer Inszenierung des Arbeitertheaters des EAW Treptow im Rahmen der IV. Arbeiterfestspiele in Erfurt gezeigt wurde und eine Übernahme durch das Berliner Ensemble ebenso ausblieb wie eine offenbar für 1969 angekündigte Uraufführung in Leipzig, ist unbekannt. Gut möglich, dass die teilweise recht offenherzigen Szenen den kulturpolitischen Stellen schon bald nicht mehr ins Konzept passten. Schließlich ist bei Baierl allenthalben von der »Mauer« die Rede, die es im offiziellen Sprachgebrauch ab 1962 nicht mehr geben sollte; man sprach fortan lieber vom »antifaschistischen Schutzwall«.

Das Deutsche Theater zu Berlin hat in der Vergangenheit immer einmal wieder alte DDR-Stücke in szenischen Lesungen und Inszenierungen präsentiert, darunter Klassiker des DDR-Theaters wie »Die Sorgen und die Macht« von Peter Hacks und »Die Umsiedlerin« von Heiner Müller. Auch Baierls zehn kleine »Geschichten vom Dreizehnten« wären es wert, sechzig Jahre nach dem Mauerbau und dreißig Jahre nach dem Ende des Sozialismus noch einmal dem Publikum vorgeführt zu werden. Die Reaktionen wären sicherlich heftig. Klassenkampf im Parkett eben.

Anmerkungen

1 Die Zahlen nach: Henrik Bispinck: »Republikflucht«. Flucht und Ausreise als Problem für die DDR-Führung. In: Dierk Hoffmann u. a. (Hg.): Vor dem Mauerbau. Politik und Gesellschaft in der DDR der fünfziger Jahre, München 2003, S. 309. Die zitierte Analyse nach: Stefan Wolle: Aufbruch nach Utopia. Alltag und Herrschaft in der DDR 1961–1971, Berlin 2011, S. 49

2 Dietrich Staritz: Geschichte der DDR, erw. Neuausg., Frankfurt a. M. 1996, S. 196

3 Wolf Biermann: https://www.zeitzeugen-portal.de/zeitraeume/jahrzehnte/1960/der-bau-der-mauer/K0ER_YdphyU; Bruno Apitz, ND, 16.8.1961, S. 4; Du tust mir wirklich fehlen. Der Briefwechsel zwischen Peter Hacks und Heinar Kipphardt, hg. v. Uwe Neumann, Berlin 2004, S. 44 u. Heiner Müller: Gespräche 3 (Werke; Bd. 12), Frankfurt a. M. 2008, S. 386

4 Bertolt Brecht: Ausführungen vor der Sektion Dramatik zum IV. Deutschen Schriftstellerkongress. In: ders.: Werke, Bd. 23, Berlin/Weimar/Frankfurt a. M. 1993, S. 368, 372 u. 370; Hagen Müller-Stahl: Klassenkampf im Parkett, Sonntag, 20.4.1958, S. 6 u. Peter Hacks: Das Theater der Gegenwart. In: ndl (1957), H. 4, S. 128

5 Im Folgenden alle Zitate aus: Helmut Baierl: Stücke, Berlin 1969, S. 121–159

6 M. C.: Bilder aus unseren Tagen. B. Z. sprach mit Helmut Baierl, Berliner Zeitung, 23.5.1962, S. 1

7 Vgl. Frank Roggenbuch: Das Berliner Grenzgängerproblem. ­Verflechtung und Systemkonkurrenz vor dem Mauerbau, Berlin/New York 2008

Ronald Weber schrieb an dieser Stelle zuletzt am 30. November 2018 über Wieland Herzfelde

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