Viele erleuchtete Taxifahrer
Von Arnold Schölzel
Vor dem Jahreswechsel war die Zukunft der deutschen Wirtschaft Thema in einigen Medien. Sie schwankten zwischen Größenwahn und Untergang. Angriffslustig äußerte sich zum Beispiel Steven Geyer, stellvertretender Chef des Hauptstadtbüros des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND), am Sonntag in einem Kommentar zum Treffen von Donald Trump und Wolodimir Selenskij. »Die Europäer« hätten »im Vorfeld hypernervös und machtlos« gewirkt. Geyer: »Doch das ist falsch. Europa hat Hebel gegenüber Trump – nur liegen die weniger in moralischen Appellen als in Machtpolitik. So könnte die EU mit Sanktionen gegen US-Staatsanleihen drohen. Das wäre heikel für ein so hochverschuldetes Land wie die USA: Dürften europäische Fonds oder Banken keine amerikanischen Staatsanleihen mehr kaufen, würden dort die Zinsen durch die Decke schnellen. Nichts muss Trump innen- und wirtschaftspolitisch mehr fürchten.« Merkwürdig: Ursula von der Leyen fiel das nicht ein, als sie beim US-Präsidenten untertänig wegen ein wenig Zollsenkung vorstellig wurde. Geyer wirkt wie »der Hase im Rausch«, der im Gedicht Sergej Michalkows jedem an den Kragen will: »Dem Hasen schwoll der Kamm, er brüllt in seinem Tran: / ›Was kann der Löwe mir? Bin ich sein Untertan?‹« Beim Fabeltier war Alkohol im Spiel, beim RND-Redakteur reicht Gebrüll fürs Besoffensein.
Andere blasen schon Trübsal, zum Beispiel der Freiburger Wirtschaftswissenschaftler Lars Feld am Dienstag im Handelsblatt. Er zählt zwar zunächst »etwas Positives« auf: »Die Substanz der deutschen Wirtschaft ist intakt. Trotz zunehmender Insolvenzzahlen ist die Eigenkapitalbasis der Unternehmen hierzulande solide. (…) Die Verschuldung der privaten Haushalte ist ebenfalls auf einem gesamtwirtschaftlich erträglichen Niveau. (…) Kein anderes Land der G7 ist so niedrig verschuldet.« Dennoch will Feld aber nicht losschlagen wie Geyer, weil es Negatives gibt: fehlende außenwirtschaftliche Impulse, zu hohe Arbeits- und Energiekosten, eine »enorm hohe Regulierungsintensität« und hohe Steuern. Die schuldenfinanzierten Mehrausgaben des Staates drohen nach seiner Auffassung, »zu versickern«. Für 2026 sagt Feld daher voraus: »Keine Dynamik der privaten Investitionen«, die »schwierige Wirtschaftslage« komme am Arbeitsmarkt an. Fazit: »Mittel- und langfristig muss von einem geringeren Wirtschaftswachstum ausgegangen werden.«
Schärfer, aber ähnlich, formulierte das der Wirtschaftsjournalist Gabor Steingart, der zusammen mit Springer in Berlin das Unternehmen Media Pioneer Publishing AG betreibt. Er sagte am Dienstag im Deutschlandfunk: »Deutschland steigt ab, sehr langsam, sehr kontinuierlich und immer relativ zu den anderen. Das ist ein Unterschied, ob ein Land im freien Fall ist. Das hatten wir in Argentinien, das hatten wir in Großbritannien, bevor Maggie Thatcher drankam, das war Griechenland.« Wachstum komme spätestens seit der Merz-Regierung nicht mehr aus der Wirtschaft, sondern aus dem schuldenfinanzierten »Staatsverbrauch«. Steingart lenkt den Blick aufs Bildungswesen: »Unser Bildungsideal ist super, das war Teil der Aufklärung, Humboldt, jeder soll studieren, sich erleuchten. Aber wir haben keine Kenntnis, wo es eigentlich fehlt. Deswegen haben wir viele erleuchtete Taxifahrer, viele Geisteswissenschaftler. Wir haben keinen Plan für Maschinenbau, für Chemie, für die ganzen Fächer. Wir klagen Jahr für Jahr über das, was fehlt. China fehlt nix, die haben einen Plan.«
Sein matter Therapievorschlag: die Vermögenswerte des Staates »versilbern, und sei es nur, um Zeit zu kaufen«. Die Hoffnung aufs deutsche Kapital strebt bei einigen von dessen Sprachrohren gegen Null.
Gabor Steingart: »Wir klagen Jahr für Jahr über das, was fehlt. China fehlt nix, die haben einen Plan.«
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