Gefährliches PR-Bombardement
Von Christian Selz, Kapstadt
Auch eine Woche nach den Raketenangriffen der USA im Nordwesten Nigerias am ersten Weihnachtstag gibt es keine verlässlichen Informationen über die Folgen. Den ursprünglichen Verlautbarungen von einer »mächtigen und tödlichen« Attacke (US-Präsident Donald Trump), bei der dem Kommandeur des US-Afrika-Kommandos, General Dagvin Anderson, zufolge »zahlreiche IS-Terroristen getötet« worden sein sollen, folgten bisher keinerlei offizielle Mitteilungen der nigerianischen Behörden über mögliche Opfer. Nicht einmal die Frage, ob die angeblich angegriffene, relativ junge und unbekannte Gruppe »Lakurawa« tatsächlich enge Kontakte zur Miliz »Islamischer Staat« (IS) unterhält, ist Beobachtern wie dem Rechtshistoriker Femi Owolade zufolge geklärt. Statt dessen ist eine Debatte über den Sinn und die möglichen Konsequenzen des Bombardements entbrannt.
Nigerias Regierung bemühte sich zwar, die Attacke rasch als gemeinsame Aktion mit den USA darzustellen. Das Informationsministerium versicherte, die Angriffe seien mit Zustimmung von Präsident Bola Tinubu erfolgt. Außenminister Yusuf Tuggar erklärte zudem, die Ziele der »gemeinsamen Operation« seien aufgrund nigerianischer Informationen bestimmt worden. Auch in den Medien des bevölkerungsreichsten afrikanischen Landes wurden die Attacken größtenteils gutgeheißen. Uneins sind sich Abuja und Washington aber in der Bewertung des zugrundeliegenden Konflikts. Nigerias Regierung weist immer wieder darauf hin, dass der Terror islamistischer Milizen im Norden des Landes, deren Opfer hauptsächlich muslimische Gemeinden sind, auf keinem Religionskonflikt beruht. Diese Sichtweise wird auch von nahezu allen mit dem westafrikanischen Land befassten Experten unterstützt, die vor allem Konflikte um Ressourcen, Armut sowie schwache und von Korruption durchsetzte staatliche Institutionen als Ursachen anführen.
Tuggar erklärte nach den Luftangriffen explizit, diese hätten »nichts mit irgendeiner Religion zu tun«, auch der Zeitpunkt an Weihnachten sei zufällig. Ganz anders der Machthaber in Washington: Trump behauptete noch am Tag der Angriffe auf »Truth Social«, diese hätten »IS-Terroristen-Abschaum« gegolten, der »überwiegend unschuldige Christen attackiert und brutal getötet« habe, »in einem Ausmaß, das man seit Jahren und sogar Jahrhunderten« nicht gesehen habe. Ähnliches hatte er seit Oktober wiederholt behauptet und Nigeria gar mit einseitigen Angriffen gedroht. Die umgehenden Partnerschaftserklärungen der nigerianischen Seite können daher auch als Versuch der Gesichtswahrung interpretiert werden. Zumal Trump mit keinem Wort von Kooperation spricht. Im Gegenteil: Gegenüber Politico prahlte er, dass die Angriffe ursprünglich schon vor den Feiertagen stattfinden sollten. »Aber ich habe gesagt: ›Nö, lasst uns ihnen ein Weihnachtsgeschenk machen.‹«
Mit seiner Rhetorik offenbart Trump zweierlei. Erstens: Seine Botschaft richtet sich vor allem an seine christlich-fundamentalistische, nationalistische Wählerbasis. Und zweitens: Dass er eine Eskalation der Spannungen zwischen dem christlich dominierten Süden Nigerias und Muslimen im ärmeren Norden heraufbeschwören könnte, ist ihm bestenfalls egal – oder kommt ihm schlimmstenfalls als Vorwand für weitere Bombardierungen entgegen. Kriegsminister Pete Hegseth hat derlei mit den Worten »Es wird noch mehr kommen« bereits angekündigt. Kommentatoren warnen, dass die größeren in Nigeria operierenden islamistischen Milizen wie der IS-Ableger ISWAP oder Boko Haram Trumps Darstellung des Konflikts aufgreifen könnten, um unter Hinweis auf einen angeblichen »Kreuzzug des Westens« stärkere Unterstützung einzuwerben.
Die Art und Weise des Vorgehens Washingtons bestätigt zudem die im November vorgestellte neue »Nationale Sicherheitsstrategie« der USA, derzufolge »jegliche langfristige Präsenz oder Verpflichtungen« in Afrika vermieden werden sollen. Allein mit sporadischen Bombardierungen wird sich das Sicherheitsproblem in Nordnigeria allerdings nicht lösen lassen, von den Ursachen wie verschärfter Armut, auch infolge der Klimakatastrophe, ganz zu schweigen. Doch darum scheint es Washington ohnehin nicht zu gehen.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Georges H. aus Schwerte (2. Januar 2026 um 21:23 Uhr)Die Drohung von Präsident Trump, in Nigeria zu intervenieren, haben einen realpolitischen Hintergrund: Zum einen dürfte die aktuelle Steuerpolitik von Präsident Bola Tinubu zur Verstimmung des US-amerikanischen Präsidenten beigetragen haben: Die im Juni 2025 beschlossenen Steuergesetze »Nigeria Tax Act« und das »Nigeria Tax Administration Act«, am 1. Januar in Kraft getreten und trifft vor allem die US-Multis wie Exxon und Chevron im dominierenden Öl- und Gassektor wie auch US-Multis im IT-Sektor: Erhöhung der Steuer auf Unternehmensgewinne von 10 % auf 30 %, die Einführung eines effektiven Mindeststeuersatzes von 15 % für große Unternehmen und multinationale Konzerne sowie einer neuen Entwicklungssteuer von 4 %, die mehrere sektorale Steuern ersetzen soll. Des weiteren ist es durchaus möglich, dass dem US-Präsidenten die 2021 geäußerte »Einladung« des 2022 abgewählten nigerianischen Präsidenten Muhammadu Buhari, »das Hauptquartier von Africom näher ans Einsatzgebiet« (gegen Boko Haram) zu legen, zupass kommt und mit seiner Drohung Nachdruck verleiht. So hätte Donald Trump neben Marokko als Standort ein zweites Ass in seinem Kartenspiel und könnte die Kelly Baracks in Stuttgart räumen und Europa verlassen. Georges Hallermayer, z.Zt. Sarreguemines
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