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Aus: Ausgabe vom 12.06.2021, Seite 7 / Ausland
Multiple Krisen

Krieg der Dschihadisten

In Nigeria bekämpfen sich die Milizen »Islamischer Staat« und Boko Haram
Von Georges Hallermayer
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Auf der Flucht vor Boko Haram: Das Geflüchtetenlager Teachers Village in Maiduguri (3.2.2020)

Nigeria, die stärkste Wirtschaftsmacht Afrikas, bedrückt nicht nur die fünfte Rezession der vergangenen Dekade, sondern auch ein ungeklärter Zweifrontenkrieg im Niger-Delta. Im Februar kündigte die Regierung an, 36 Staatsunternehmen verkaufen zu müssen, um den diesjährigen Staatshaushalt ausgleichen zu können. Bei den 210 Millionen Einwohnern ist über die Hälfte der bis 24jährigen und ein Drittel der bis 35jährigen ohne Arbeit, die Inflation stieg von 12,82 Prozent im Juli 2020 auf 18,12 im April dieses Jahres.

Im christlichen Süden des Landes haben sich derweil gegen Ölmultis gerichtete nationalistische Oppositionsbewegungen zu organisierten kriminellen Banden entwickelt. Im muslimischen Nordosten kämpft zudem die dschihadistische ISWAP (»Islamischer Staat in Westafrika«) um die Kontrolle der Provinzen und verfolgt die zerstreuten Boko-Haram-Milizen. Seit dem Beginn ihres bewaffneten Kampfes gegen die nigerianische Regierung 2009 haben die Terroristen, die als sozialreligiöse Protestgruppierung begonnen hatten, über 40.000 Menschen umgebracht und fast zwei Millionen in die Flucht getrieben.

Am Sonntag verkündete ISWAP den Tod des Boko-Haram-Anführers Abubakar Shekau. Er hatte sich in die Luft gesprengt, um nicht in die Hände der rivalisierenden Dschihadisten zu geraten. Damit scheint das Ende der Miliz besiegelt. Ursprünglich bildeten Boko Haram und ISWAP eine Einheit. ISWAP unter Abu Musab Al-Barnawi, dem Sohn des Boko-Haram-Gründers Mohammed Yusuf, spaltete sich 2016 ab, als Shekau, der dem »Islamischen Staat« die Treue geschworen hatte, wegen »Extremismus« ausgeschlossen wurde.

Am 2. Juni lieferte sich ISWAP mit der nigerianischen Armee eine blutige Schlacht. Die Terroristen griffen in mehreren Wellen die Stadt Damboa im nördlichen Bundesstaat Borno an. Mit Unterstützung der Luftwaffe zerstörte die Armee Pick-ups mit Luftabwehrgeschützen, gepanzerte Lkw mit Explosionsstoffen und Motorräder. 50 Terroristen wurden getötet, wie der nigerianische Guardian berichtete. Seit Dezember 2020 hat die Zahl der Massenentführungen durch Terroristen und kriminelle Banden stark zugenommen, betroffen waren mehr als 1.000 Frauen und Männer.

Die jahrzehntelang im Südwesten friedlich zusammenlebenden Yoruba-Bauern und die nomadisierenden Fulani-Rinderzüchter sind im Konflikt um das durch den Klimawandel knapper werdende Land, der mehr Todesopfer kostete als die Angriffe Boko Harams, so eine Analyse der International Crisis Group. Die Yoruba fordern zum Teil sogar eine Abspaltung von Nigeria, andere setzen auf den Schutz durch Dorfmilizen. Im Februar waren etwa 4.000 Viehzüchter vom Süden in den Norden geflüchtet, wie auch Tausende in umgekehrter Richtung. Aber auch im Norden gibt es gleichgelagerte Konflikte. 88 Menschen wurden am 3. Juni von Viehdieben bei einem Überfall auf sechs Dörfer im Bundesstaat Kebbi getötet, im April neun Polizisten.

Präsident Muhammadu Buhari forderte derweil in einem virtuellen Treffen US-Außenminister Antony Blinken auf, das Africom-Hauptquartier von Stuttgart nach Afrika und damit »näher an die Kampfstätten« zu verlegen, wie der Thinktank »Council on Foreign Relations« Anfang Mai berichtete. Ob nach Nigeria, ließ er unausgesprochen. Buharis Vorstoß zog vielfältige Kritik nach sich: Der frühere nigerianische Senator Shahu Sani sprach von »einer offenen Einladung für die Rekolonisation Afrikas«, Vertreter des Panafrikanismus erklärten, »Afrika gehört den Afrikanern«, republikanische US-Senatoren in South Carolina wollen das Hauptquartier zurück in den USA, in Charleston, einrichten.

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