Gegründet 1947 Sa. / So., 03. / 4. Januar 2026, Nr. 2
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 03.01.2026, Seite 2 / Ausland
Ultrarechter Wahlsieg in Chile

Was sind die Gründe für diese Niederlage?

Die chilenische Linke hat es nicht mehr geschafft, breite Bevölkerungsschichten zu erreichen, kritisiert Daniel Jadue
Interview: Thorben Austen
2025-12-15T013721Z_660331937_RC2PGIAAYCT8_RTRMADP_3_CHILE-ELECTI
In Überzahl: Beamte der chilenischen Carabineros nehmen eine Demonstrantin am Rande von Protesten gegen Kast in Gewahrsam (Santiago, 14.12.2025)

Der ultrarechte Kandidat José Antonio Kast hat die Präsidentschaftswahlen in Chile gewonnen. Wer ist Kast und was erwarten Sie für die nächsten vier Jahre?

Kast kommt aus einer deutschstämmigen Familie mit engen Kontakten zur Militärdiktatur in Chile. Er war Aktivist in der Unión Demócrata Independiente, der Partei, die Augusto Pinochet am nächsten stand. Nach der Trennung von der Partei orientierte sich Kast aber noch weiter nach rechts, weil er der Meinung ist, die Ultrarechte habe seine Prinzipien verraten. Was von ihm genau zu erwarten ist, ist unklar. Er hat im Wahlkampf überwiegend in Phrasen gesprochen. Er sagt selbst, sein genaues Programm wird erst am 12. März 2026, einen Tag nach seiner Amtseinführung, bekannt gegeben. Was aber klar ist: Es wird eine Politik für das Großkapital sein.

Jeannette Jara, Mitglied der Kommunistischen Partei Chiles, kam für das Bündnis Unidad por Chile in der Stichwahl nur auf knapp 42 Prozent. Welche sind die Gründe dieser Niederlage?

Es sind im Kern drei Gründe. Der Linken ist es nicht gelungen, ihre Wählerschichten zu vergrößern. Im Gegensatz zu den Wahlen 2021 herrschte dieses Mal Wahlpflicht, das heißt, es gingen sehr viel mehr Menschen zur Wahl. Mit breiten Bevölkerungsschichten hat die Linke nicht mehr gesprochen und sie auch nicht erreicht. Der Neoliberalismus erreicht die Köpfe aber immer und überall, im Fernsehen, im Internet, im Kino, in den sozialen Netzwerken. Wählen für den Neoliberalismus bedeutet daher, nur das Modell des täglichen Lebens zu wählen. Wählen gegen den Neoliberalismus setzt aber Veränderungen in der sozialen Basis voraus. Diese Arbeit leistet die Linke in Chile zur Zeit nicht.

Der zweite Grund ist in der Regierung von Gabriel Boric zu finden. Ihr ist es nicht gelungen, die Wählerbasis von 2021 zu halten. Damals gewann Boric mit 55 Prozent. Die Gründe sind in den nicht eingehaltenen Versprechen des Wandels im Land zu sehen. Der dritte Grund betrifft die Kandidatur der Unidad por Chile.

Welchen Fehler beging das Bündnis?

Es heißt, das sei die breiteste Allianz der vergangenen 30 Jahre gewesen. Das mag für die Parteien zutreffen, dem liegt aber ein Denkfehler zugrunde. Die einzige Garantie, die Wahlen zu gewinnen, ist die Allianz mit den Völkern Chiles. Jara ging in die internen Vorwahlen mit einem linken Programm und gewann, nach den Vorwahlen trat sie aber von ihrem eigenen Programm zurück wegen Zugeständnissen an die Parteien der »Mitte« und ging in ihrem neuen Programm nach rechts. Selbstverständlich spielte auch die Kampagne rechter Medien eine Rolle. Das war aber nicht zentral.

Sie waren ab 2012 Bürgermeister von Recoleta, einem Stadtteil von Santiago. 2024 wurde im Zusammenhang mit den Volksapotheken gegen Sie ein Verfahren wegen »Korruption« eröffnet. Was sind die Volksapotheken und wie ist der Stand des Verfahrens?

Das sind Apotheken in kommunalem Besitz, die Medikamente rund 70 Prozent unter dem Marktpreis anbieten. Diese gibt es in 190 Gemeinden in Chile, sie funktionieren perfekt und sind einer der größten Erfolge der öffentlichen Politik der letzten 30 Jahre. 2024 war ich drei Monate in Untersuchungshaft, das Verfahren ist aber noch nicht abgeschlossen. Mehrere Juristen und Anwälte haben bestätigt, dass die Vorgänge ein typischer Lawfare sind, die juristische Verfolgung aus politischem Interesse. Ich wurde meines politischen Amtes enthoben und mir wurde auch die Kandidatur als Abgeordneter bei diesen Wahlen verboten. Das ist die Antwort der Mächtigen auf unsere kommunalen Erfolge, nicht nur bei den Volksapotheken, sondern auch in den Bereichen Wohnen und Energieversorgung. Hätten diese Erfolge landesweit Schule gemacht, wäre es für den Unternehmersektor sehr hart geworden.

Die Linke hat 2025 nicht nur in Chile, sondern auch in Bolivien und Honduras Wahlen verloren. Was muss die Linke tun, damit sich das nicht fortsetzt?

Ein Programm vertiefen, das auf die Überwindung des Kapitalismus hinarbeitet. Weiterhin wird die Mehrheit der Menschen in Lateinamerika von progressiven oder linken Regierungen regiert, wichtig sind aber strukturelle Veränderungen, damit die Spaltungsstrategien des Neoliberalismus nicht greifen.

Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug

Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Ähnliche:

  • Vorerst die Siegerin: Jara nach der ersten Wahlrunde in Santiago...
    18.11.2025

    Chile wählt rechts

    Linke Regierungskandidatin Jara gewinnt zwar ersten Durchgang der Präsidentenwahl. Mehrheit stimmte jedoch für rechte Anwärter, Stichwahl gegen Kast
  • US-Präsident Donald Trump stützt sich auf »Executive Orders« und...
    04.09.2025

    Der Leviathan lebt

    Vorabdruck. Die Aufwertung des Nationalstaates in der Krise der neoliberalen Ordnung
  • Kandidatin mit Aussicht: Jeannette Jara vom PCCh (bei einer Rede...
    10.07.2025

    Kommunistin soll führen

    Chile: Die Präsidentschaft von Gabriel Boric endet. Das linke Wahlbündnis Unidad por Chile tritt mit einer Kandidatin vom PCCh zu den Wahlen im November an

Regio:

Mehr aus: Ausland