Arm, alt und abgehängt
Von Oliver Rast
Knuffen, ackern, schuften – Werktag für Werktag, jahrzehntelang. Und dann? Arm im Alter und sozial ausgegrenzt. Mehr als 3,7 Millionen Rentnerinnen und Rentner waren 2024 davon betroffen, berichtete die Nachrichtenagentur AFP am Neujahrstag. Ein Rekordwert.
Die Zahlen hatte das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) beim Statistischen Bundesamt erfragt. Demnach ist der Anteil der Rentnerinnen und Rentner, die in der Armutsfalle hängen, von 19,8 Prozent im Jahr 2022 auf 20,6 Prozent 2023 und 21,2 Prozent 2024 gestiegen. Eine Trendumkehr ist nicht in Sicht – im Gegenteil: Der Lebensabend wird für immer mehr Ruheständler immer karger.
Ein Muster dabei: Frauen tragen im Alter ein erheblich höheres Armutsrisiko als Männer – und die Kluft wächst. 2024 waren 2,27 Millionen Rentnerinnen armutsgefährdet, also fast jede vierte. Bei den Männern traf es 1,48 Millionen und damit knapp ein Fünftel.
Wer gilt als armutsgefährdet? Personen, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung erhalten. So definiert es die EU. Das Statistikamt spricht von Ausgrenzungsgefährdung, sobald einer von drei Punkten zutrifft: Das Einkommen liegt unter dieser Schwelle, es fehlen wichtige materielle oder soziale Güter, oder die Betroffenen leben in einem Haushalt, in dem kaum jemand erwerbstätig ist.
Apropos Jobdauer: Bis 2031 steigt das Rentenalter schrittweise auf 67 Jahre. Wer 45 Beitragsjahre vorweisen kann, darf früher in den Ruhestand gehen – unter Umständen abschlagsfrei. Wie gnädig. Nur: Aktuell liegt das Rentenniveau bei 48 Prozent – und damit rund zehn Prozentpunkte unter dem EU-Schnitt. Ruhegeld also, das nicht beruhigen kann. Deshalb wohl auch der Köder der sogenannten Aktivrente, einem steuerfreien Zusatzverdienst von bis zu 2.000 Euro.
Kapitalfraktionen reicht das alles nicht. Etwa dem CDU-nahen Wirtschaftsrat. Das Renteneintrittsalter müsse auch über das 67. Lebensjahr hinaus erhöht werden – »konsequent«, so die konservativen Unternehmer am Dienstag lauthals. Ferner fordern sie »den Aufbau eines Kapitalstocks zur Altersvorsorge und die Beteiligung der Rentnergeneration an den Lasten der Bevölkerungsalterung«. Damit könne die Alterssicherung zukunftsfest gemacht werden.
Getöse, sonst nichts. Denn zahlreiche Beschäftigte erreichen schon jetzt nicht das reguläre Rentenalter. Sie sind aufgrund von Unfall, Krankheit oder Behinderung erwerbsgemindert. Müssen Mehrwertproduzenten künftig länger malochen, werden noch mehr von ihnen in die Erwerbsminderung gedrängt – mit entsprechend steigenden Armutsrisiken.
Das weiß auch Anja Piel. Ein höheres Rentenalter wäre nichts anderes als eine Rentenkürzung durch die Hintertür, erklärte jüngst das DGB-Vorstandsmitglied. Schlimmer noch, Menschen mit langen Erwerbsbiographien und harten Arbeitsbedingungen würden deutlich früher sterben als der Durchschnitt. Wer jahrzehntelang körperlich schuftet, hat kaum Chancen, gesund alt zu werden. Im Vergleich zu Kapitalbossen. Die gönnen sich halbjährlich Sanatoriumsaufenthalte samt Frischzellenkur – bleiben fit.
Auch das Ausdruck des Klassengegensatzes. BSW-Kochef Fabio De Masi nannte Altersarmut gegenüber AFP den »größten sozialen Sprengstoff Deutschlands«. Politisch Verantwortliche machten alte Menschen zur Zielscheibe von Kürzungsdebatten. »Wir rüsten uns zu Tode, statt Produktivität zu sichern und das Rentensystem zu stabilisieren.« Und die Aussichten im neuen Jahr bleiben mies: Ackern bis zum Umfallen.
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