Maschinenraum
Von Helmut Höge
Der 2015 verstorbene Neurologe Oliver Sacks ging einmal mit seiner Nichte in New York spazieren und blieb auf einer Eisenbahnbrücke stehen. Als seine Nichte ihn fragte, worauf er warten würde, sagte er: »Ich warte auf einen Dampfzug.« »Onkel Oliver«, erwiderte seine Nichte, »Dampfzüge gibt es seit mehr als 40 Jahren nicht mehr.«
Sacks erwähnt diese Geschichte in seinem Essay »Life Continues« (der letzte in dem 2019 erschienenen Band »Everything in Its Place«), in dem er erklärt, dass er sich an den raschen technischen Fortschritt nicht besonders gut gewöhnt habe. Vor allem wird er sich nie daran gewöhnen, meint er, dass unzählige Menschen auf der Straße auf ihre Handys starren oder sie vor ihr Gesicht halten. Besonders beunruhigend findet er junge Eltern, die auf ihre Handys starren und überhaupt nicht auf ihre Kleinkinder achten, die sie an der Hand führen oder im Kinderwagen schieben.
»Soziales Miteinander, Straßenleben und Aufmerksamkeit für die Menschen und Dinge um uns herum gehören weitgehend der Vergangenheit an, zumindest in Großstädten, wo die Mehrheit der Leute fast ununterbrochen an ihren Handys oder anderen Geräten klebt und sich quasselnd, simsend, Computerspiele spielend mehr und mehr virtuellen Realitäten jedweder Art zuwendet«, schreibt er und erzählt daraufhin von einer Einladung zu einer Podiumsdiskussion mit dem Titel »Information and Communication in the Twenty-first Century«: Einer der Diskutanten, ein Internetpionier, berichtete dort voller Stolz, dass seine junge Tochter zwölf Stunden im Internet surfe und Zugang zu einer Breite und Tiefe an Informationen habe, die in früheren Generationen niemandem zugänglich gewesen seien.
Ähnlich argumentiert auch der französische Philosoph Michel Serres in seinem 2013 auf deutsch erschienenen Buch »Erfindet euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation«, die er als »Däumlinge« bezeichnet, weil sie ihre Handybotschaften mit den Daumen eintippen. Der Wandel habe längst ein solches Ausmaß erreicht, dass man laut Serres mit Fug und Recht davon sprechen könne, dass die Angehörigen der jungen Generationen einer anderen Spezies angehören. Und dem müsse die Gesellschaft, vor allem das Bildungssystem, Rechnung tragen, denn das Wissen, das früher in Bibliotheken gespeichert war und mühsam erworben werden musste, würde uns heute überall zur Verfügung stehen. Es müsste deshalb den Schülern nicht mehr eingetrichtert werden. Ein neues Curriculum täte not.
Als Sacks den Internetpionier fragte, ob seine Tochter denn auch z. B. einen von Jane Austens Romanen oder auch nur irgendeinen »klassischen Roman« gelesen habe, erwiderte der: »Nein, für so was hat sie keine Zeit.« Worauf Sacks die Vermutung äußerte, »dass sie zwar mit weitreichenden Informationen vollgestopft werde, diese aber etwas anderes seien als Wissen und Erkenntnis; sie werde einen Verstand haben, der zugleich flach und ohne Mittelpunkt sei. Die eine Hälfte des Publikums klatschte, die andere buhte.«
Sacks kommt dann auf E. M. Forsters bereits 1909 erschienene Erzählung »Die Maschine steht still« zurück. Darin wird eine Gesellschaft beschrieben, in der die Menschen sich nicht mehr treffen, sondern nur über akustische und visuelle Gerätschaften miteinander verkehren. Die Welt ist von der »Maschine« übernommen worden, die für alle Annehmlichkeiten sorgt und alle Bedürfnisse befriedigt – bis auf das nach menschlichem Kontakt. Einer, der einen solchen Kontakt vermisst, sagt zu seiner überbeschäftigten Mutter: »Versteht ihr denn nicht, … dass wir es sind, die sterben, und dass allein die Maschine tatsächlich lebt?«
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich Hopfmüller aus Stadum (29. Dezember 2025 um 22:45 Uhr)Na, so richtig lebt eine Maschine nicht, wenn sie nicht stirbt. Der Tod gehört zum Leben. Außerdem möge mir einer eine Maschine zeigen, die sich selber reproduziert. Eine Maschine unterliegt dem Verschleiß, oft auch dem moralischen. Zum Beispiel ein Rechner mit Windows 10 oder ein Mobiltelefon mit Android 9. Der Artikel »Maschinenraum« ist ein guter Anstoß, über Fortschritts- und Bedürfnisbegriff nachzudenken. Für klassische Romane dürften mehrere Generationen vor dem Intenet keine Zeit gehabt haben, die waren mit Bravo, Perry Rhodan oder Tarzan beschäftigt, manche mit Der Lanzer, Religionsunterricht und Messdienerschaft. Man sollte auch zwischen »vegetieren« und »leben« unterscheiden.
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