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Aus: Ausgabe vom 30.12.2025, Seite 5 / Inland
Feuerwerk

Von Knallkörperkrämern und Feuerwerkfetischisten

Das Böllern vereint Geschäft, Tradition und Risiko, sorgt also mal wieder für Diskussionen
Von Niki Uhlmann
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In Mannheim ein Brandschaden von 1.500 Euro, nebenan, in Heidelberg ein schwer verletzter Jugendlicher und in Gera eine gesprengte mobile Toilette: So hat sich am Wochenende das neue Jahr oder zumindest die zugehörige Feier angekündigt. Je nachdem, wie viele Finger ein Germane der Geistervertreibung opfern will, stehen ihm nämlich Sprengstoffe diverser Preisklassen zur Verfügung. Vor den schlagkräftigeren und teils illegalen Exemplaren wird seit Jahren gewarnt, so dass die leidige Debatte um das Böllerverbot sich jährt.

Am Montag haben die Knallkörperkrämer ihre Pforten geöffnet und die Feuerwerkfetischisten erwartungsvoll Schlange gestanden. »Es ist pure Liebe«, sagte ein junger Erzieher der Bild. Und die kostet nun mal: 3.800 Euro habe er ausgegeben. Diese Neigung hat die Branche vergangenes Jahr in einen Rekordumsatz verwandelt. Dieser habe mit 197 Millionen Euro noch mal zehn Prozent höher als 2023 gelegen, teilte der Bundesverband Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk (Bvpk) im März mit. Im November freute er sich dann über die abermals gestiegene Nachfrage: Verglichen mit 2024 sei bis Anfang September die doppelte Menge Knaller importiert worden. »Feuerwerk ist eine säkulare und demokratische Kulturtechnik: intensiv, universell, vergänglich – und gerade deshalb so bedeutungsvoll«, versuchte Vorstandmitglied Bijan Salari sich an einer Erklärung.

»Zwölf Millionen Deutsche kaufen Feuerwerk«, pries im Juni auch der Verband der pyrotechnischen Industrie seine Dienste. Nur sind diese Deutschen mehrheitlich gegen privates Geböller. In einer am Montag veröffentlichten Erhebung des MDR haben sich sechs von zehn Befragten für ein Verbot ausgesprochen. Dafür gibt es gute Gründe. Vor den ökologischen Konsequenzen der Bombenstimmung warnen längst nicht mehr nur Tier- und Umweltschutzverbände. Der Oberösterreichische Bauernbund befürchtet Schäden an Nutzflächen sowie -tieren und rief vergangene Woche zum »Verzicht von Silvesterfeuerwerken« auf.

Ärztepräsident Klaus Reinhardt appellierte am Sonnabend via RND an die deutschen Innenminister, »die Bevölkerung endlich vor den Gefahren der Knallerei zu schützen«. Das hätte »nichts mit Verbotskultur zu tun«, würde viel mehr zeugen »von der Einsicht einer reifen Gesellschaft, etwas Gefährliches zu lassen«, zumal gegen »organisierte Feuerwerke an zentralen Plätzen« nichts einzuwenden sei. Das konnte der Bpvk freilich nicht unerwidert lassen. Bundesgeschäftsführer Christoph Kröpl erklärte auf AFP-Anfrage, dass schwere Unfälle mit Pyrotechnik sich »praktisch ausschließlich durch illegales Feuerwerk« ereigneten, an das man indes »so leicht wie nie zuvor« komme. Mit dem legalen Zeug sei es nicht möglich, »eine Hand zu zerstören oder gar Gliedmaßen abzutrennen«.

Das ist angesichts der realen Gefahren reichlich verharmlosend. »Der überwiegende Teil der Verletzungen trägt tatsächlich lebenslange Folgen mit sich«, gab Handchirurgin Leila Harhaus-Wähner der dpa am Montag Einblick in die Silvesternächte in den Notaufnahmen. »Zunehmend sind Menschen übermütig und verwenden legale Gegenstände wie Böller oder Raketen unsachgemäß«, klagte der Vorsitzende der sogenannten Gewerkschaft der Polizei, Jochen Kopelke, dort am Sonntag.

Während seine Kollegen beim Zoll dieser Tage wieder haufenweise illegale Sprengstoffe hopsnehmen, mutiert die BRD zur Drehscheibe für Knallköpfe, die das Geböller nicht sein lassen wollen. In Meppen rechnet ein Kracherkrämer laut dpa mit zusätzlicher Kundschaft aus den Niederlanden. Dort hat man Privatleuten das Zündeln untersagt – ebenso wie in Tschechien, vielerorts in Frankreich und Chile. Vorerst heißt es hierzulande wappnen für die »Horrornacht von beispiellosem Ausmaß«, die Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, jüngst beschwor. Letztere hat mit anderen Verbänden schon 855.516 Unterschriften für ein Böllerverbot gesammelt. Sollten eine Million Unterschriften zusammenkommen, kann man es gern mal krachen lassen.

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