Kurs auf »Schwarz-blau«
76 Prozent der Bundesbürger sind sieben Monate nach Amtsübernahme des Bundeskanzlers unzufrieden mit der Arbeit von Friedrich Merz. Zu den Unzufriedenen gehören auch Teile des eigentlich durch den Ex-Black-Rock-Manager und jetzigen CDU-Vorsitzenden repräsentierten bürgerlich-konservativen Deutschlands:
»Merz mag ein Stratege sein, ein in allen Listen und Vorsichten beschlagener Politiker ist er nicht«, beklagt die Welt am Sonntag einen »Kanzler ohne Gespür«, der nichts von der »Kunst der Taktik, vom Handwerk, sich Seilschaften zu weben«, verstehe. Der Kanzler könne das Steuer noch herumreißen und »zumindest einen Fraktionsvorsitzenden küren, der über die nötige Kraft verfügt, die Racker des eigenen Lagers ruhigzustellen«, zählt WAMS-Kolumnist Jacques Schuster vorerst nicht die Koalition, aber den »fest im Garten des Narzissmus« stehenden Fraktionschef Jens Spahn an.
Im rechtskonservativen Magazin Cicero verpackt FDP-Querdenker Wolfgang Kubicki seine Kritik in einer »Neujahrsansprache, die der Kanzler halten müsste«. Notwendig sei nun eine 180-Grad-Wende in der Politik. »Es hat nicht gereicht, Angela Merkel nicht mehr im Amt der Kanzlerin zu haben. Ihre Politik ist es, die enden muss, das kann uns 2026 gelingen«, lässt Kubicki seinen Merz erklären. Mit welchen Mehrheiten, das lässt der FDP-Mann lieber offen.
Da ist die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schon weiter. »Sein Defizit ist nicht die Sprache an sich. Es ist die Kluft zwischen der Klarheit des Wortes und dem Nebel der Tat«, beklagt Jochen Buchsteiner. Gelobt wird der Kanzler dafür, »alles, auch lange in Ehren gehaltene Grundsätze (…) im Kampf gegen Putins neoimperialistisches Russland unterzuordnen«. Gleichwohl zerschelle sein Führungswille in der Außenpolitik immer wieder an den Realitäten. Doch auch innenpolitisch ließen sich, »jedenfalls in der gegenwärtigen Regierungskonstellation, nicht alle Hebel auf einmal betätigen (…) – und viele auch nicht bis zum Anschlag«. Denn Merz fühle sich »eingemauert, von gut organisierten Interessengruppen, von weit verästelten Sozialverbänden«. Gleichzeitig wachse in der Wirtschaft »die Sehnsucht nach disruptiven Eingriffen«. Das klingt nach Sehnsucht nach einem starken Mann, einem Pinochet oder mindestens einer Thatcher, für den Generalangriff auf die Reste des Sozialstaates und der Arbeiterbewegung. Merz müsse sich fragen, ob die »klassische Mitte noch als zentraler Orientierungspunkt taugt«. Schließlich hätten bereits die Konservativen im EU-Parlament gemeinsam mit den Rechtsnationalisten dort von Berlin gewünschte »Reformen« umgesetzt, gibt die FAS Kurs auf »Schwarz-blau« vor. (nb)
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Manfred Pohlmann aus Hamburg (29. Dezember 2025 um 15:58 Uhr)Die US-Administration »unterstützt die Ukraine nicht mehr bedingungslos … und beliefert Kiew nur noch mit Militärgerät, das von der EU und Kanada bezahlt wird.« Die EU will ja bekanntlich für »nur« 90 Milliarden Euro kaufen, statt sich à la Merz frech aus dem russischen Staatsvermögen zu bedienen. Damit hat sich für die USA der seit 1963 (»Strategie der abgestuften Abschreckung«) erhoffte Wunsch erfüllt, einen Teil der Ausgaben im Wettrüsten ihren NATO-Partnern aufzuhalsen. Trumps willige Helfer parieren, und Merz nutzt die Stunde. Geschickt fantasiert er dazu passend die Befürchtung, dass »von gut organisierten Interessengruppen, von weit verästelten Sozialverbänden« nachgefragt werden könnte, wie es denn mit der Sozialstaatsverpflichtung des GG weitergehe. Weder Merz und seine Entourage noch »die Wirtschaft« halten bekanntlich etwas vom »Sozialklimbim«. Deshalb schweigen sie beredt »von gut organisierten Interessengruppen und weit verästelten« Kriegstreibern und -profiteuren. Sie träumen von der »Sehnsucht nach disruptiven Eingriffen«. Mit Sicherheit haben die Menschen in unserem Lande, die allein über einen sozial halbwegs gerechten Staat ein Überleben beanspruchen können, nicht die Zeit, sich über die wahre Bedeutung dieses Satzes klar zu werden. Hinter »disruptiv« verbirgt sich die Absicht, »eine bestehende gesellschaftliche o. ä. Ordnung zerrüttend, untergrabend« zu zerstören (DWDS). Das klingt nach einem »Generalangriff auf die Reste des Sozialstaates und der Arbeiterbewegung«. Merz müsse sich fragen, ob die »klassische Mitte noch als zentraler Orientierungspunkt taugt«. Er gibt selber die Antwort: Die »von Berlin gewünschten Reformen« stehen für eine autoritäre Profitmacherei auf erhöhtem Niveau. Da treffen sich Schwarz und Braun, bzw. »Schwarz und Blau« (jw 29.12.2025).
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Stephan Krüger aus Neumarkt i.d.OPf. (29. Dezember 2025 um 07:31 Uhr)Spätestens seit der Intervention von Vance dürfte klar sein, dass die AfD in Kapitalkreisen und für die USA salonfähig ist, regierungsfähig und als Regierungspartei gewünscht ist. Die »radikalen Reformen«, die das Unternehmerlager will, sind ohne die AfD nicht machbar. Die SPD ist zu zögerlich, und ihre Bedeutung schwindet. Interessant ist in diesem Kontext das strategische Agieren der Linkspartei. Signalisierte sie doch nun Herrn Merz das dritte Mal, dass sie zur Verfügung steht. Seine Wahl zum Kanzler (von der Linkspartei im Schnelldurchgang ermöglicht statt verzögert), die Zustimmung zu Kriegskrediten, nun der Support beim Rentenpaket.
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