Weltkapitalexporteur in der Krise
Von Lucas Zeise
Verrücktes Japan. Seine Zentralbank hat vor einer Woche den Leitzins um einen Viertelprozentpunkt auf 0,75 Prozent erhöht. Der Schritt war vom Gouverneur der Bank, Kazuo Ueda, vorab angekündigt worden. Man konnte also nicht wirklich überrascht sein. Dennoch reagierten die Finanzmärkte ziemlich überraschend. Die Anleihenpreise mit zehn Jahren Restlaufzeit fielen kräftig. Ihre Rendite durchbrach – erstmals seit Jahrzehnten – die Marke von zwei Prozent nach oben. Noch erstaunlicher: Der Yen rutschte ab – um fast ein Prozent gegenüber dem US-Dollar. Im Tagesverlauf war der Yen noch tiefer abgerutscht und hatte der Regierung Sorgen bereitet. Nach dem Wochenende meldete sich der für die internationalen Finanzmärkte zuständige Vizefinanzminister Atsushi Mimura zu Wort und beklagte sich über die »einseitigen, plötzlichen Bewegungen« am Devisenmarkt.
Anders als in Deutschland oder EU-Europa kümmert sich die Regierung in Japan um den Wechselkurs und überlässt diese Fragen auch nicht dem Schein nach der Zentralbank. Zu vermuten ist, dass am Devisenmarkt schon interveniert wurde, um den Yen vor einem kräftigen Absturz zu bewahren. Das Hauptproblem für Japan ist aber nicht der Wechselkurs des Yen. Für die immer noch exportstarken japanischen Großkonzerne kann er gar nicht niedrig genug sein. Das Problem ist die drohende Flucht aus den japanischen Staatsschulden. Von allen G7-Staaten (USA, Japan, BRD, Britannien, Frankreich und Italien) hat Japan die im Verhältnis zum BIP bei weitem höchsten Staatsschulden von circa 236 Prozent (Deutschland 65, USA 125 Prozent). Zugleich sind die Zinssätze für japanische Staatsschulden trotz des Anstiegs in den vergangenen zwei Jahren sensationell niedrig.
Der Grund für diese Diskrepanz ist einfach: Der wichtigste Käufer japanischer Staatsanleihen war die Zentralbank selber, die heute mehr als die Hälfte der japanischen Staatsschuld hält. Das klingt absurd, ist aber nur etwas verrückter als in den USA, Britannien oder Euroland, wo die jeweilige Zentralbank auch einen steigenden Anteil übernimmt. Die Zentralbank hat aber locker angekündigt, dass sie die Rolle als garantierte Käuferin der Staatsanleihen loswerden will. Weil die Zinsen in Japan – etwa seit Mitte der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts – so extrem und dauerhaft niedrig waren, hat sich das internationale Finanzkapital gern und systematisch in Yen verschuldet, um in der übrigen Welt Wertpapiere, Immobilien und sonstige »Wert«sachen zu erwerben und so den langjährigen internationalen Finanzboom aufrechtzuerhalten. Das Geschäft hat einen eigenen Namen: »Carry Trade«. Es ist ein Produkt des über Landesgrenzen hinweg liberalisierten Kapitalverkehrs. Die muntere Kredit- und Geldschöpfung des japanischen Staates führte zu Kapitalexport, während das bis in die 1980er Jahre schnell wachsende Industrieland seit dem Finanzkrach von 1990 stagnierte.
Das Stagnationsmodell Japan scheint am vorläufigen Ende angekommen. Dass die von der rechten Flanke der ewigen Regierungspartei LDP kommende neue Premierministerin Takaichi Sanae die Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahrzehnte fortzusetzen gedenkt, hilft auch nicht weiter.
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