Clavinet is coming home
Von Andreas Schäfler
Beim Foto im Artwork des Albums »Revoada« kann einem angst und bange werden: Es zeigt Mauricio Fleury aus der Vogelschau inmitten seines Keyboardgebirges sitzend, zu seinen Füßen eine Batterie Effektpedale, und rechts daneben prangt das Motto »This record is about where I wanted to go without ever leav-ing my house.« Obacht, hier ist ein bekennender Studiotüftler am Werk!
Entsprechend extensiv sind denn auch von Beginn weg die ganzen Gerätschaften im Einsatz, mit deren Hilfe der brasilianische Pianist seine Klangvorstellungen zu verwirklichen trachtet. Die mal zart flirrenden, mal nervös zirpenden, doch immer sehr geschmackvoll verzerrten Sounds aus dem Fender Rhodes, dem Clavinet, der Hammondorgel und diversen Synthesizern setzen wie auf Kommando die Retrozeitmaschine in Gang. Man fühlt sich direkt an die Musik von Eumir Deodato erinnert, dessen Album »Prelude« (mit der monströsen Funkversion von Richard Strauss’ »Also sprach Zarathustra«) vor einem halben Jahrhundert beispielhaft für das Programm von Creed Taylors CTI-Label stand und gefühlt in jeder zweiten bundesrepublikanischen WG zuverlässig den Gemeinschaftsplattenspieler blockierte.
Als manischer Plattenjäger und -sammler und passionierter Vinyl-DJ weiß Mauricio Fleury natürlich um die betörende Wirkung dieser 70er-Jahre-Grooves und jubelt sie so frech wie wohldosiert seinem brasilianisch gefärbten Dancefloor-Jazz unter. Begleitet von Fabio Sá am elektrischen und akustischen Bass und Vitor Cabral am Schlagzeug evoziert er mit Vorliebe krumm getaktete und gleichwohl hypnotische Themen, wie man das auch von anderen südamerikanischen Keyboardkapazitäten wie Guillermo Klein oder Hugo Fattoruso kennt: hochgradig virtuos, aber kein bisschen verkopft. Doch Fleury legt sich nie fest, biegt in »Banhado« unvermittelt in den souligen Modus eines Ramsey Lewis ab und verneigt sich in »Jima« hübsch unartig vor Sun Ra.
»Revoada«, veröffentlicht bei dem auf Reissues spezialisierten Label Alter-cat, ist Fleurys erstes Album unter eigenem Namen, dabei hat der Mann schon so einiges auf dem Kerbholz. In seiner Heimat spielte er mit Gal Costa, João Donato und anderen Größen der zweiten Bossa-Nova-Generation, war Gründungsmitglied des Afrobeat-Kollektivs Bixiga 70 (und greift bis heute gern auf äthiopische Jazzskalen zurück). Eine entscheidende Weichenstellung bedeutete seine Zusammenarbeit mit dem legendären nigerianischen Schlagzeuger Tony Allen, der Fleury ermunterte, für Kollaborationen mit Vertretern aller möglichen Genres offenzubleiben – was sich hier vor allem im Opener »Kadıköy« niederschlägt, wo die Keyboards sogar türkische Psychedelik heraufbeschwören.
Es ist Mauricio Fleurys eigene Migration durch mannigfache Stil- und Lebenswelten, die der heute in Berlin lebende Künstler auf »Revoada« nachzeichnet. Beim Titelstück erhält das Trio Verstärkung durch ein Rudel Holzbläser, die eine Art Conference of the Birds im brasilianischen Regenwald aufführen, und auf »Briluz« (ursprünglich für einen »Alice in Wonderland«-Sampler komponiert) ist als weiterer Gast Beto Montag mit einem extravaganten Vibraphonsolo zu hören.
Für einen Stuben- bzw. Studiohocker kommt Fleury also ganz schön weit rum. Und in seinen Maschinenpark ist er vernarrt wie ein kleiner Junge. Wenn er das Clavinet traktiert, erfüllt sich nebenbei auch ein alter Traum der Schwarzwälder Firma Hohner. Die hatte dieses adrette Heimkeyboard ursprünglich für das deutsche Einfamilienhaus der Wirtschaftswunderjahre konzipiert und musste, als es sich unverhofft zum charakteristischen Klangelement im schwarzen Soul-Funk mauserte, plötzlich ganze Schiffsladungen davon über den großen Teich exportieren. Nun ist das Clavinet also wieder nach Hause zurückgekehrt, und im Berliner Studio von Mauricio Fleury steht es goldrichtig.
Mauricio Fleury: »Revoada« (Altercat)
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