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Aus: Ausgabe vom 23.12.2025, Seite 11 / Feuilleton
Kunst

Die Rahmung der Revolte

Hundert Jahre Surrealismus
Von Hugo Braun (Eine Nachlese)
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Leonora Carrington: The Pleasures of Dagobert. 1945, Eitempera auf Masonit (75,6 × 87 cm)

Hundert Jahre Surrealismus. Gefeiert wird seit Monaten weltweit, mit großem Ernst und noch größeren Budgets. In den USA zeigt etwa das Philadelphia Art Museum noch bis Mitte Februar eine opulente Jubiläumsschau: Träume, Manifeste, Ikonen. In Europa ist man kaum weniger ambitioniert. Die große Ausstellung »Rendezvous der Träume« in der Hamburger Kunsthalle (13.6.–12.10.) verband den Surrealismus mit der deutschen Romantik. In Berlin läuft noch die Schau »Max Ernst bis Dorothea Tanning: Netzwerke des Surrealismus« in der Neuen Nationalgalerie (bis 1.3.), die die internationalen Verflechtungen der Bewegung sichtbar macht. Über allem spannt sich das Projekt »Imagine! 100 Years of International Surrealism«, das europaweit Jubiläumsveranstaltungen koordiniert, Leihgaben und Deutungen synchronisiert. Der Surrealismus wird verwaltet.

Der Surrealismus war nie nur eine Spielart der Kunst. Er war ein Angriff. Auf die bürgerliche Vernunft, auf die moralische Ordnung, auf eine Gesellschaft, die Begehren diszipliniert und Phantasie verwertet. André Breton und seine Mitstreiter wollten keine neuen Stile, sondern eine andere Wirklichkeit. Traum und Revolution sollten zusammenfallen. Die Befreiung des Unbewussten war für sie kein Selbstzweck, sondern Teil eines gesellschaftlichen Umsturzes.

Dass der Surrealismus sich früh auf den Marxismus bezog, war nicht dekorativ. Es war der Versuch, innere und äußere Befreiung zusammenzudenken. Dass dieser Versuch scheiterte, gehört zur Geschichte der Bewegung – und zur Geschichte des 20. Jahrhunderts. Walter Benjamin erkannte das früh. In seinem Essay »Der Sürrealismus« von 1929 beschreibt er den Surrealismus als letzte radikale Geste einer europäischen Intelligenz, die die Warenwelt durchschaut hatte. Rausch, Schock, profane Erleuchtung sollten den Alltag selbst politisieren. Doch Benjamin warnte: Ohne materielle Praxis droht der Traum folgenlos zu bleiben.

Hundert Jahre später bestätigt sich das auf eigentümliche Weise. Die Jubiläumsausstellungen – ob in Hamburg, Berlin oder im Rahmen internationaler Kooperationsprojekte – erzählen vom Surrealismus als globalem Phantasiearchiv. Koloniale Bezüge werden markiert, Exilaufenthalte kartiert, Netzwerke visualisiert. Alles korrekt, alles gutgemeint. Und doch bleibt der politische Kern merkwürdig blass. Der Surrealismus erscheint als historische Bewegung, nicht als gegenwärtige Zumutung. Seine Nähe zu Klassenkampf, radikaler Gesellschaftskritik und antikapitalistischer Hoffnung wird erklärt, aber selten ernst genommen. Er wird kontextualisiert, nicht aktualisiert. Die Revolte wird gerahmt.

Theodor W. Adorno hätte das wohl kaum überrascht. Auch Träume, so seine Diagnose, lassen sich im Kapitalismus problemlos zur Ware machen. Der Schock wird zur Stilfigur, die Negation zum Design. Was einst gegen die Ordnung gerichtet war, zirkuliert heute reibungslos in ihr. Die Avantgarde wird museal. Die Jubiläumspolitik der Museen folgt dieser Logik. Der Surrealismus ist willkommen, weil er sich ausstellen lässt. Weil er irritiert, aber nicht gefährdet. Seine antikapitalistische Energie bleibt allenfalls eine Fußnote. Die Bewegung wird gefeiert – und damit entschärft. Der Traum landet im Museumsshop.

Und doch wäre es zu einfach, den Surrealismus als erledigt abzutun. Gerade in Zeiten autoritärer Zumutungen, sozialer Verhärtung und ökologischer Katastrophen erinnert er an etwas, das schmerzlich fehlt: an politische Vorstellungskraft. An den Gedanken, dass eine andere Welt nicht nur notwendig, sondern auch vorstellbar ist. Hundert Jahre später ist der Surrealismus kein abgeschlossenes Kapitel. Er ist ein offenes, unerledigtes Versprechen. Die Frage ist nicht, wie schön wir ihn ausstellen – sondern wie wir uns seine Radikalität zu eigen machen.

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