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Aus: Ausgabe vom 22.12.2025, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Südostasien

Mysteriöser Tod im Korruptionsfall

Philippinen: Schlüsselfigur des Milliardenskandals um Fluthilfe tot – Umstände lassen viele Fragen offen
Von Thomas Berger
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Offenheit und Klarheit: Finanzmittel versickern im Sumpf von Bestechlichkeit und Amtsmissbrauch (Manila, 16.11.25)

Ein bislang mysteriöser Todesfall ist das jüngste Puzzleteil im milliardenschweren Skandal um Korruption bei Fluthilfeprojekten auf den Philippinen. Auf bis zu 118,5 Milliarden Pesos, umgerechnet rund zwei Milliarden US-Dollar, werden nach dem jüngsten Kenntnisstand die Schäden durch »Geisterprojekte« geschätzt, also Projekte, die gar nicht existierten oder grob fehlerhaft berechnet wurden. Das zuständige Department of Public Works and Highways (DPWH) ist einer der größten Einzelposten im Staatshaushalt und macht rund 20 Prozent aus. Gerade deshalb wiegt der Verdacht schwer, dass ein erheblicher Teil dieses Budgets über Jahre hinweg systematisch zweckentfremdet wurde. Etwa ein Fünftel des Etats entfällt auf jene nun umstrittenen Flut- und Klimaschutzprojekte, bei denen enorme Summen verschwunden sein sollen. Höchste politische Kreise und einflussreiche Firmen sollen verwickelt sein. Erst am Donnerstag wurde Sarah Discaya vom National Bureau of Investigation (NBI) festgenommen. Ihr und Mitbeschuldigten wird vorgeworfen, für mindestens ein »Geisterprojekt« im Umfang von rund zwei Millionen Euro in Davao verantwortlich zu sein.

Diese Nachricht wurde jedoch rasch von einer anderen überlagert: Am Abend desselben Tages kam unter ungeklärten Umständen Maria Cabral ums Leben. Die namhafte Ingenieurin und Undersecretary beim DPWH galt als Schlüsselfigur im Skandal. Sie war eine der wenigen Personen, die einen vollständigen Überblick über die internen Abläufe und Entscheidungswege gehabt haben sollen – ein Umstand, der ihren Tod zusätzlich brisant macht. Ob es sich um ein tragisches Unglück, einen Suizid oder Fremdeinwirkung handelt, müssen weitere Untersuchungen zeigen, die aufgrund der Brisanz des Falls unter Hochdruck laufen. In einer ersten Stellungnahme schloss die Polizei die Beteiligung Dritter aus, doch diese Einschätzung wird inzwischen von mehreren Seiten in Frage gestellt.

Cabral hatte sich laut ihres Fahrers am Nachmittag an einer Straße außerhalb der Bergstadt Baguio absetzen lassen. Als er sie später abholen wollte, war sie verschwunden – und er alarmierte die Polizei. Cabral wurde schließlich bewusstlos am Flussufer rund 20 bis 30 Meter unterhalb des Highways gefunden; kurz nach Mitternacht wurde ihr Tod festgestellt. Es könnte sich um einen Unfall handeln, doch zahlreiche Fragen bleiben offen. Warum sie allein unterwegs war, weshalb sie sich an einem abgelegenen Ort absetzen ließ und ob sie möglicherweise verfolgt wurde, ist bislang ungeklärt.

Cabral galt als Powerfrau in einer Männerdomäne: Die Ingenieurin mit drei Doktortiteln schrieb Geschichte als erste Frau an der Spitze des Philippine Institutes of Civil Engineers (2017 bis 2018) und später als Präsidentin der Road Engineering Association of the Philippines (bis 2021). Als Vizechefin des DPWH war sie für Projekte im sensiblen Bereich PPP (Public Private Partnership) zuständig und galt Ermittlern als »Gehirn« hinter dem mutmaßlichen Schmiergeldsystem. Insider berichten, sie habe sich in den vergangenen Monaten zunehmend zurückgezogen und wirkte angespannt – Hinweise, die nun in einem neuen Licht erscheinen.

Zum Zeitpunkt ihres Todes war sie in einem Hotel in Baguio eingecheckt. Ihre Familie lehnte eine Autopsie ab; Drohungen gegen sie seien nicht bekannt. Das Investigativportal Rappler zitiert jedoch Mitarbeitende des Büros des Nationalen Ombudsmanns, die bereits erhebliche Versäumnisse bei den Ermittlungen kritisieren. So wurde Cabrals Handy sofort an die Familie ausgehändigt, statt kriminaltechnisch gesichert zu werden. Sensible Dokumente wurden nicht gefunden, obwohl Cabral laut jüngeren Berichten über eine Liste aller Schmiergeldempfänger verfügt haben soll. Dass diese Liste nun unauffindbar ist, sorgt für zusätzliche Spekulationen – und für die Sorge, dass entscheidende Beweise bereits verschwunden sein könnten.

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