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Aus: Ausgabe vom 20.12.2025, Seite 1 / Titel
Ukraine-Krieg

Coup auf Eis

EU verzichtet vorläufig auf den Zugriff auf russisches Staatsvermögen, um die Ukraine über Wasser zu halten. Statt dessen Gemeinschaftsschulden als Zuschuss an Kiew
Von Reinhard Lauterbach
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Da guckste dumm aus der Wäsche. Merz und von der Leyen konnten sich mit ihrem Vorhaben einer Enteignung russischer Gelder nicht durchsetzen (Brüssel, 18. Dezember 2025)

Die EU hat auf einem Gipfeltreffen in Brüssel beschlossen, der Ukraine in den nächsten zwei Jahren insgesamt 90 Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen. Das Geld soll durch von der EU selbst aufzunehmende Schulden beschafft und der Ukraine als zinsloser Kredit überwiesen werden. Rückzahlungspflichtig würde die Ukraine nur, wenn sie von Russland direkte Kriegsentschädigungen erhält. Da das unwahrscheinlich bis ausgeschlossen ist, bedeutet der Beschluss, dass die EU die Finanzierung der Ukraine auf eigene Rechnung übernimmt. Allerdings decken die jetzt zugesagten Mittel nur ungefähr die Hälfte des ukrainischen Geldbedarfs für den Krieg und den Weiterbetrieb des Staates. Der IWF hatte zuletzt eine Zahlungsunfähigkeit der Ukraine für spätestens das zweite Quartal 2026 in den Raum gestellt. Sie scheint jetzt zunächst vermieden zu sein – wobei Überraschungen immer noch möglich sind.

Politisch entscheidend aber ist, dass sich der Gipfel nicht auf den von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Bundeskanzler Friedrich Merz forcierten Plan einigen konnte, in Belgien eingefrorenes russisches Staatsvermögen für die Ukraine-Hilfe zu beschlagnahmen. Gegen diese Lösung hatten sich nicht nur der belgische Regierungschef Bart de Wever ausgesprochen, sondern auch eine Koalition etlicher vor allem zentraleuropäischer Länder. Der Ablehnungsfront aus Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Bulgarien, Zypern, Malta und Italien hatte sich zuletzt noch Österreich angeschlossen. Tschechien, die Slowakei und Ungarn ließen sich ihre Zustimmung zu der Kreditlösung mit der Zusage abkaufen, dass sie nicht verpflichtet sein werden, gemäß ihrem Anteil an der Wirtschaftskraft der EU deren Ukraine-Schulden zurückzuzahlen. Kanzler Friedrich Merz sagte nach der Einigung, die endgültige Einziehung des in der EU blockierten russischen Vermögens bleibe weiter auf dem Tisch. Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron zog allerdings am Freitag vor Journalisten in Betracht, dass die EU wieder direkte Gespräche mit seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin aufnimmt, falls die von den USA initiierten Verhandlungen scheitern.

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij lobte den Beschluss der EU und nannte ihn eine »finanzielle Sicherheitsgarantie für die nächsten zwei Jahre«. Der ukrainische Parlamentsabgeordnete Mikola Knjaschizkij schrieb auf Facebook, die EU sei eine »ökonomische Supermacht« und könne sich leisten, sein Land noch jahrelang zu unterstützen. Aus Russland waren Töne der Erleichterung zu hören. Der Investitionsbeauftragte Kirill Dmitrijew schrieb auf X, bei der EU hätten »Recht und Vernunft« über die »Kriegstreiberfraktion« gesiegt. Präsident Wladimir Putin sagte bei einem TV-Auftritt, die »Scheiter-Ursula« habe eine weitere Niederlage erlitten. Dasselbe Argument brachten ironischerweise am Freitag Politiker der Grünen in deutschen Medien. Die Parteichefinnen Katharina Dröge und Franziska Brantner sagten in morgendlichen Interviews, die EU habe die »Chance verpasst, Putin ein klares Signal ihrer Geschlossenheit zu senden«. Dröge fügte hinzu, sie hätte Kanzler Merz einen Erfolg in Brüssel gewünscht.

Auch auf einem anderen Feld musste die Bundesrepublik auf dem Gipfel eine Schlappe hinnehmen. Angesichts von Widerstand aus Frankreich und Italien erteilten die Staats- und Regierungschefs von der Leyen kein Mandat, wie ursprünglich geplant schon am Wochenende nach Brasilien zu reisen, um dort das Freihandelsabkommen mit dem lateinamerikanischen Wirtschaftsblock Mercosur (Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay) zu unterzeichnen. Die Ratifizierung soll jetzt im Januar nachgeholt werden.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover (21. Dezember 2025 um 18:59 Uhr)
    Eine gelungene Überschrift. Der russische Expräsident Medwedew hatte vor Kurzem den anstehenden EU-Raub der russischen Milliarden zum casus belli erklärt (RT 4.12.). Auch der Völkerrechtler Robert Volterra sagte der BZ, das Staatsvermögen eines anderen Staates zu beschlagnahmen, sei »ein ebenso schwerwiegender Verstoß gegen das Völkerrecht« wie einen anderen Staat »mit Waffengewalt« zu besetzen (https://www.berliner-zeitung.de/wirtschaft-verantwortung/russland-enteignung-absolut-illegal-top-voelkerrechtler-rechnet-mit-eu-ab-li.10009953). Putin hat wiederum erklärt: »Wir haben nicht vor, mit Europa zu kämpfen, das habe ich schon 100 Mal gesagt. Aber wenn Europa wiederum kämpfen will und anfängt, dann sind wir dazu sofort bereit« (Tagesspiegel 4.12.). RT meldete zwei Tage zuvor noch, dass Putin bei einem europäischen Angriff einen russischen Sieg gegen Europa sehr viel schneller als gegen die Ukraine herbeiführen würde. Da Merz so etwas vermutlich nicht liest, dürfte er seine Kuh mit dem Milliardenraub-Coup vermutlich unverändert auf sicherem Eis wähnen. Sollte es indes tatsächlich zum europäischen Einbruch in die belgische Bank kommen, dürfte damit auch das Merz’sche Rindvieh im real viel zu dünnen Eis einbrechen. Und statt geklauter russischer Reparationen an die Ukraine werden dann europäische Reparationen an Russland auf dem Programm stehen. Wenn ein deutscher Kanzler Führung übernehmen will, ist das eben nicht unbedingt zum Besten. Vielen Dank an Orban und Co., dass sie das Merz’sche Rindvieh schon mal ruhiggestellt haben. Wär schön, wenn man es ganz vom Eis herunterholen könnte.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (20. Dezember 2025 um 20:51 Uhr)
    Die EU stellt seit 2022 erhebliche Summen in Form von Krediten und Finanzhilfen (MFA) bereit, um die Ukraine zu stabilisieren und die wirtschaftlichen Folgen des Krieges abzufedern. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf Beiträgen im Rahmen der G7-Initiative »Extraordinary Revenue Acceleration« (ERA). Die EU hat hierfür ein eigenes MFA-Programm in Höhe von insgesamt rund 18,1 Mrd. Euro aufgelegt, das Teil eines gemeinsamen G7-Darlehensvolumens von etwa 45 Mrd. Euro ist. Diese Kredite sollen dazu beitragen, den ukrainischen Staatshaushalt zu stabilisieren, Infrastruktur wiederaufzubauen und die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit des Landes zu sichern. Im Jahr 2025 wurden bereits zahlreiche Tranchen ausgezahlt, darunter mehrere Zahlungen in Höhe von jeweils 1 Mrd. Euro sowie größere Tranchen von 3 Mrd. bzw. 4,1 Mrd. Euro. Insgesamt wurden allein 2025 18,1 Mrd. Euro an MFA-Krediten an die Ukraine überwiesen. Dabei handelt es sich ausdrücklich um Kredite, die grundsätzlich irgendwann zurückgezahlt werden müssen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die EU mit dem geplanten 90-Mrd.-Euro-Paket zumindest teilweise bemüht ist, fällige Tilgungen abzusichern – und zwar eher im eigenen Interesse als im Interesse der Ukraine. Wenn nun 90 Mrd. Euro frische Liquidität bereitgestellt werden, liegt es finanztechnisch nahe, diese zu nutzen, um kurzfristige Zahlungsengpässe zu überbrücken, bestehende Verbindlichkeiten zu bedienen und Umschuldungen abzusichern. Formal bezeichnet man dies nicht als Tilgung, sondern als Refinanzierung. Ökonomisch läuft es jedoch auf dasselbe hinaus: Neue Schulden ersetzen alte.
  • Leserbrief von Rudi Eifert aus Langenhagen (20. Dezember 2025 um 19:35 Uhr)
    Ich glaube kaum, dass ein Raubgriff auf eingefrorenes russisches Vermögen in Belgien – abgesehen vom völkerrechtswidrigen Charakter – ohne massive Folgen Moskaus geblieben wäre. Man stelle sich nur vor, das gleiche geschehe mit eingefrorenem US-Vermögen! Nicht auszumalen, was den Ländern bevorstünde, die auf das geheiligte Geld unserer US-amerikanischen zurückgreifen würden. Herr Merz gerierte sich – nur um sein Gesicht zu wahren – in der »Tagesschau«-Sendung vom 19. Dezember als Sieger einer Vereinbarung, die zwar, vorerst zumindest, nicht auf russisches Geld zurückgreift, doch mit der geplanten Ausgabe von Euro-Bonds künftige europäische Generationen massive Steuerschulden aufbürden wird. Ob die EU-Bevölkerung angesichts eines Empfängerlandes, das als hochkorrupt gilt, einschließlich seines Präsidenten, einem Land, in dem EU-Hilfen vermutlich in dunklen Kanälen versickern, ihren Segen geben wird, bleibt abzuwarten.

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