Eine neue Welt schaffen
Von Sabine Kebir
Während der Zwischenkriegszeit setzte sich die Journalistin Milena Jesenská in der 1918 aus den Trümmern der Habsburger Monarchie geborenen Tschechoslowakei mit Problemen auseinander, die sich ähnlich einige Jahrzehnte später für die entkolonisierten asiatischen und afrikanischen Staaten stellten. Marx’ Diktum von den »Muttermalen der alten Gesellschaft«, mit denen eine neue, revolutionsgeborene Gesellschaft unweigerlich zu tun habe, kannte sie 1921 sicher nicht. Der Sachverhalt wurde ihr aber klar, als sie eine Reportage über bettelnde Menschen in Prag schrieb. Ein ihr aus früheren Zeiten bekannter, mit einer verschlissenen Uniform bekleideter alter Mann bot in Kaffeehäusern mit »laienhaften Gesten, voller Melancholie« Abendzeitungen an. »Er schlurft durch den Saal, von einem Tisch zum anderen. (…) Die alte Zeit schleicht durch die neue, ein Schatten in unbarmherzigem Licht, der greise Lakai schlurft durch die demokratische Republik, und man spürt, dass er etwas nicht richtig verstanden hat.«¹ Es gab also noch viel zu tun, damit die Tschechoslowakische Republik (ČSR) zu einem Staat werden könnte, der allen ein Leben in Würde ermöglichte.
Zu viele Widersprüche
Karel Hoch, der Chefredakteur der Tageszeitung Národní Listy (Volkszeitung), für die Jesenská seit 1921 schrieb, schätzte die 26jährige so sehr, dass er sie 1924 bat, freimütig ihre Meinung über das in die Krise geratene Blatt mitzuteilen. Sie antwortete, dass sich Národní Listy zwar »um den Umsturz verdient gemacht« und dafür »eine riesige Kulturarbeit« geleistet habe, jetzt aber neue Schwerpunkte benötige. »Wir haben unseren Staat, sind unsere eigenen Herren.« Es gehe nicht mehr darum, »den Staat aufzubauen. Den haben wir schon. Aber gute Sachen im Staat aufbauen. Diese fehlen nämlich.« Die Zeitung brauche »neue Leute, Korrespondenten (…) mehr Leben und weniger Politik« – womit »Phrasen und Pathos« des Unabhängigkeitskampfes gemeint waren. Jesenská regte Reportagen an, Buchempfehlungen für alle Altersgruppen, Beilagen mit interessanten Fotos. Besonders wies sie darauf hin, dass Národní Listy jüdische Mitarbeiter brauche: »Juden haben einen ungeheuer lebendigen Sinn für Zeitungen.«²
1924 ließ sich Jesenská von ihrem Ehemann Ernst Polak, einem Bankbeamten und Literaturförderer, scheiden, verließ Wien, verbrachte ein Jahr bei linken Freunden in Buchholz bei Dresden und kehrte dann endgültig in ihre Heimatstadt zurück. Ihrem ersten Eindruck nach hatte sich noch immer nicht genug geändert. Es gebe zu »wenig tatkräftige und fähige Menschen«. Man lebe »in einer gewissen scheinbaren Ruhe und trügerischen Stabilität« und »alle, deren geistige Entwicklung in die letzten zehn Jahre fällt« stünden »ratlos vor der Frage: Wie sollen wir leben? Unsere Generation hat statt des Geschenks der Energie den Fluch intellektueller Widersprüche in die Wiege mitbekommen. Das, was um uns herum besteht, ist keine neue Welt; es wäre an uns, sie zu schaffen. Aber gerade wir sind zutiefst von der geistigen Katastrophe erfasst. Wir sind nicht imstande, uns zur Tat umzuformen (…) weil unsere Gedankenwelt noch einer Zeit angehörte, die schon vorbei ist«.³
»Weg zur Einfachheit«
Jesenská stieß zur avantgardistischen Gruppe Devětsil (Pestwurz), einer Sammlung von Künstlern verschiedenster Gattungen, die an radikaler Umgestaltung der Gesellschaft arbeiten wollten – inspiriert von sowjetischen und französischen Vorbildern. Hier lernte sie ihren zweiten Ehemann, Jaromír Krejcar kennen, der zu einem der bedeutendsten modernen Architekten der ČSR wurde. Für Národní Listy bestückte Jesenská nun mit einem ganzen Stab von Mitarbeiterinnen täglich eine ganze Seite zu den Themen »Frau, Haushalt und Familie«.
Obwohl es da auch um europäische Modetrends ging, hat man sich unter dieser Rubrik nichts Hausbackenes vorzustellen, sondern die Ausrichtung auf ein modernes Leben der gebildeten berufstätigen Frau – ein emanzipatorisches Ziel, das die Regierung unter anderem mit Auslandsstipendien für junge Tschechoslowakinnen unterstützte. Der Titel einer 1926 erscheinenden Anthologie von Jesenskás Feuilletons »Der Weg zur Einfachheit« weist darauf hin, dass sie – wie Krejcar – den tschechischen Funktionalismus vertrat, der sich auch als bewusste Abwendung vom Historismus der habsburgischen Tradition verstand. Die moderne Frau, riet Jesenská, solle Sport treiben und sich gesund ernähren – wozu ihrer Auffassung nach auch der Verzicht auf Zigaretten und Kaffee gehörte. »Wir haben keine Zeit für Unsinn. Wir haben es geschafft, uns abzugewöhnen, Mund, Nase und Wangen anzumalen und überflüssige Dinge wie Ringe und Clips zu tragen.« Sie propagierte einfach geschnittene Kleider, von denen frau nur so viele wie nötig besitzen sollte – eine Forderung, die sie mit sozialen Gesichtspunkten verband: »Wenn ich die wunderschöne gestickte Seidenunterwäsche sehe, muss ich immer an die zerstochenen Finger der Schneiderin denken, die sie für ein paar Groschen genäht hat, während sie jetzt Hunderte und Tausende kostet.«⁴
Jesenskás Vorstellungen von der Transformation des Lebens waren auch vom deutschen Bauhaus geprägt, das eine Harmonisierung von Praktischem und Ästhetischem im Alltag anstrebte. 1927 besuchte sie in Stuttgart die Internationale Werkbund-Ausstellung »Die Wohnung«. In der hier errichteten »Stadt mit modernen Gebäuden, wie sie bisher nur in Zeichnungen avantgardistischer Zeitschriften« existierten, waren Musterhäuser gebaut worden, ohne dass Ängste vor »zu ungewöhnlichen oder zu einfachen Lösungen die Architekten gebremst hätten«. Neben »Errungenschaften« einer neuen architektonischen Logik entdeckte sie »auch viel Wertloses, Unverständliches, Übertriebenes und Plumpes«. Begeistert war sie vom lichtdurchfluteten, ganz aus Beton errichteten Bau von Le Corbusier. Er sei für die »Kultur des modernen Wohnens« ebenso bedeutsam wie Baudelaire als »Entdecker der modernen Lyrik«, schrieb sie. »Sein Einfamilienhaus wirkt beschwingt, leicht, voller Bewegungsrhythmus.« Es sei asketisch und zugleich »märchenhaft reich durch seine Pracht und Geräumigkeit.« Das Haus von Walter Gropius sei hingegen »ganz anders« und wohl praktischer: »Die Aufteilung des Innenraums ist normaler, für Mitteleuropa, sein Klima, seine Bedingungen vielleicht annehmbarer.« Es repräsentiere »weder eine Entdeckung noch eine Revolution in der Architektur, es ist nicht so durchschlagend, so betörend schön, dennoch ist das die beste Architektur, die es heute gibt.« Jesenská hatte die Ausstellung wahrscheinlich mit Krejcar besucht und bedauerte, dass es Prag »leichtsinnig und lax versäumt« habe, an einer so wichtigen Ausstellung wenigstens mit repräsentativen Entwurfszeichnungen tschechoslowakischer Architekten teilzunehmen.⁵
Ihr entging nicht, dass sich die avantgardistischen Ideen einer neuen Lebenswelt für alle nicht verwirklichten. »Ein Blick aus dem Fenster auf einen Hinterhof« in Prag genügte für diese Feststellung. »An der Wand hängen Schmutzstreifen vom Regen, und auf dem Dach gegenüber trocknet aufgeblähte, hässliche Wäsche. (…) In den Fenstern lüften Federbetten und die ungeputzten Treppen- und Toilettenfenster reichen bis hinauf in den Himmel. (…) Wer sich aus dem Fenster beugt, weit hinauslehnt, sieht vielleicht, ob die Sonne scheint.« Sie erinnert sich an eine Gruppe von Kindern, die in so einem Hinterhof »miteinander wetteifern, wer am weitesten spucken kann. Ein Junge prahlt, dass er sogar Blut spucken kann.« Sie regte an, »ein Aufräumen aller Hinterhöfe anzuordnen«, die Trennmauern zwischen den Parzellen abzureißen und große Gärten für die Kinder anzulegen.⁶
1928 erfüllte sich Jesenskás eigener Kinderwunsch. Aber die Geburt der Tochter Jana Honza hätte sie beinahe das Leben gekostet und führte zu einer gefährlichen Gelenkentzündung. Nach monatelangem Krankenlager musste sie sich mit einem versteiftem Kniegelenk abfinden, das sie fortan zum Hinken zwang.
»Etwas Nützliches tun«
Seit 1927 arbeitete Jesenská auch für Zeitungen der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KPČ). Es war die Trägheit des Fortschritts – das »Warten auf einen Schnellzug, der nie kommt«⁷, der sie – nach Konflikten mit Národní Listy – 1929 dazu brachte, der Partei beizutreten, »in einer großen Sehnsucht, auf der Welt noch etwas Nützliches zu tun. Ich dachte, nur dort sei es möglich.«⁸ Ihre Hinwendung zur KPČ geschah ausgerechnet zu der Zeit, als sieben ihrer prominentesten Mitglieder, die auch der Devětsil-Gruppe angehörten, ausgeschlossen wurden, weil sie mit ihrem »Manifest der Sieben« gegen die Bolschewisierung der Partei protestiert hatten.⁹ Das scheint die Familie Krejcar-Jesenská noch nicht irritiert zu haben, denn ihre Wohnung diente nun oft als Versteck für verfolgte KP-Mitglieder.
Wie die KPD kämpfte auch die KPČ gegen den Abtreibungsparagraphen. Aus dem Jahr 1931 stammt ein Artikel Jesenskás, der auf einer diesbezüglichen Umfrage beruht. In Ichform gab sie die Leidensgeschichte der 40jährigen Frau eines Arbeiters wieder, die 18 Geburten hinter sich gebracht hatte: »Ich habe das Kind unter meinem Herzen verwünscht, und wenn ich gekonnt hätte, hätte ich es getötet. Sie wundern sich, Genossinnen? (…) Aber wenn ich geboren habe, ist der Hass vorbei. Ich habe das neue Kind gern wie die anderen. Es ist schwächlich, ich tue alles, damit es zunimmt, laufe zum Doktor, und wenn es krank wird, kann ich nicht mal nachts schlafen. Ich will nicht, dass es stirbt, und jedesmal bin ich darüber ganz verzweifelt.« Der entkräfteten Frau riet der Arzt von weiteren Schwangerschaften ab, konnte ihr jedoch kein sicheres Verhütungsmittel nennen. Vor allem müsse sie zu Kräften kommen. Aber für arme Frauen gab es keine Erholungskuren. Wenn sie um Abtreibung flehte, habe man sie auf die Gesetzeslage verwiesen. »Wenn ich tausend Kronen hätte, würde das auch ohne Gesetz gehen, aber weil ich arm bin, muss ich leiden, und wenn ich dabei verrecke.«¹⁰
Der Artikel zum Abtreibungsparagraphen fügt sich in die Tradition des Feminismus ein. Aber festzuhalten ist, dass Jesenskás Engagement für Frauen sich vom modernen Feminismus in einem wesentlichen Punkt unterschied: Sie fokussierte hier und auch später auf staatlich unterstützte Selbstermächtigung der Frauen, nicht auf Bloßstellung und Erziehung patriarchalisch geprägter Männer: Die Frau im obigen Artikel klagt nicht den eigenen Mann der Rücksichtslosigkeit an, sondern fordert einen umfassenden, gesellschaftlich garantierten Schutz befreiter Sexualität.
1933 verglich Jesenská Hans Falladas Roman »Kleiner Mann – was nun?« mit dem gleichnamigen Spielfilm. Das Buch schildere immerhin den Weg eines Menschen in den »allmählichen Niedergang, den Tausende in der kapitalistischen Ordnung erleben«. Dass sich der Protagonist Pinneberg am Ende seiner Frau in die Arme wirft, anstatt sich zu empören, mache es aber letztlich kompatibel mit der bürgerlichen Ideologie. Der Film entschärfe den Roman noch weiter. Auch hier gebe es »ein an den Haaren herbeigezogenes Happy-End, das aus einem typischen Fall im Handumdrehen einen Einzelfall macht, um nicht die wichtigste Frage der Tausenden, die entlassen und arbeitslos sind, zu beantworten: Was nun?« Die Filmwirtschaft arbeite wie die bürgerliche Presse: »zu fünfzig Prozent Anerkennung der Situation durch wahrheitsgemäße Schilderung, zu fünfzig Prozent Verzerren und Verdrehen und optimistisches Beschönigen«. Als geradezu »beleidigenden Kitsch« bezeichnete sie den ebenfalls in Prag gezeigten deutschen Kriegsfilm »Morgenrot«, der soldatischen Opfermut beschwor. Auch tschechoslowakische Filme über soziales Elend verzerrten die Realität oder überzuckerten sie folkloristisch, gerieten zur »geschmacklosen Verspottung der Wirklichkeit«.¹¹
Bruch mit den Kommunisten
1936 kam es zum Bruch mit der KPČ, weil Jesenská die bürokratisch-autoritäre Haltung von Führungskadern unerträglich wurden. Beigetragen haben dazu sicher auch die Berichte Krejcars, der – nachdem sich das Paar hatte scheiden lassen – 1934 für drei Jahre in der Sowjetunion arbeiten wollte. Er kehrte vorzeitig zurück, nachdem er Zeuge unerklärlicher Verhaftungen im Hotel Lux geworden war.
Als sie nach den Jahren geringer Entlohnung bei kommunistischen Zeitungen von ihnen verbannt wurde, geriet Jesenská in materielle Not und bat die Schauspielerin Olga Scheinpflugová, die mit dem Schriftsteller Karel Čapek verheiratet war, um finanzielle Unterstützung. Im diesbezüglichen Brief legte sie auch ihre Gründe für ihren Rückzug aus der KPČ dar. Oft sei sie als »kleinbürgerlich« verunglimpft worden, hätte sich trotzdem der revolutionären Disziplin unterworfen, obwohl es in der Partei genauso zugehe »wie überall: Jeder schützt sich selbst und verleumdet die anderen.« Als sie privat geäußert hatte, nicht zu glauben, »dass Sinowiew, Kamenew etc. Agenten der Gestapo wären« sei sie tags darauf ausgeschlossen worden. »Beinahe hätten sie mich für eine Polizeiagentin gehalten.«
Allerdings, so hielt sie fest, habe ihr die Zeit in der Partei auch »viel Schönes« gebracht, »sobald ich unter den Menschen, unter den Arbeitern war, fand ich dort viele wunderbare Menschen. Ich fand auch eine gemeinsame Sprache mit ihnen, erstaunlicherweise störte es sie überhaupt nicht, dass ich keine Arbeiterin war. (…) Nur Menschen aus dem kommunistischen Apparat sind das Schlimmste, was ich auf der Welt kenne.«¹² Diese Unterscheidung zwischen Funktionären und bodenständigen Kommunisten wird Jesenská beibehalten. Sie sah auch weiterhin keinen prinzipiellen Widerspruch zwischen Kommunismus und Demokratie, da sie die sozialen und bald auch die politischen Grenzen der bürgerlichen Demokratie nie aus den Augen verlor.
Persönlich kämpfte sie nicht nur mit finanziellen Problemen, sondern auch mit gesundheitlichen. Um ihre Beinschmerzen zu lindern, nahm sie Morphium und musste sich Entziehungskuren unterziehen. Wahrscheinlich über Scheinpflugová lernte sie Ferdinand Peroutka kennen, den Chefredakteur der Zeitschrift Přítomnost (Gegenwart), für die sie fortan schrieb und auch redaktionelle Arbeit leistete. Es war eine Zeitschrift mit hohem politischen Anspruch, die auch deutschsprachige Artikel publizierte. Angesichts der immer deutlicheren Bedrohung der tschechoslowakischen Republik durch das faschistische Deutschland wandte sich Jesenská in einer Mischform von Reportage und Analyse auch in Přítomnost vorrangig politischen Themen zu.
Die damalige ČSR ist heute als erster Zufluchtsort für verfolgte deutsche Intellektuelle geläufig. Da viele auch dort bekannt waren, wurden sie großzügig aufgenommen und durften frei ihre künstlerische oder schriftstellerische Arbeit fortsetzen. Sogar antifaschistische Exilzeitschriften wie die Neuen Deutschen Blätter konnten gegründet werden, und Wieland Herzfelde führte von Prag aus den Malik-Verlag weiter, der wichtige Exilliteratur herausbrachte.¹³
Das Elend der Flüchtlinge
Dass sich die Lage verfolgter Arbeiter, Angestellter und Handwerker, für die die ČSR ab 1933 ebenfalls das am leichtesten zu erreichende Fluchtland war, ganz anders darstellte, offenbart eine aufschlussreiche Reportage Jesenskás von 1937. »Die ersten, die über die Grenze gingen, kamen hier niedergeschmettert, betäubt, manchmal sogar noch blutend an. Sie kamen ohne einen Heller, ohne Papiere, zu Fuß, und hatten einige Tage nichts gegessen.« Dann folgte »der Zustrom der jüdischen Emigranten und derjenigen, die durch Mischehen in Gefahr geraten waren«. Jetzt, 1937, kämen weniger Emigranten, aber Menschen, »die es ein, zwei, drei Jahre und länger ausgehalten« und »ihre politische Arbeit fortgesetzt« hatten, »obwohl sie gesucht und mitunter auch eingesperrt wurden«. Wer ahne, »was für einen ungeheuren Spitzelapparat ein totalitärer Staat unterhalten muss, um totalitär bleiben zu können«, werde »vage« erfassen, wie schwierig es sei, Widerstand zu leisten.
Von damals 3.500 in Prag lebenden Emigranten erhielten 2.000 keinerlei staatliche Zuwendungen oder Unterstützung von jenen Komitees, die sich um Intellektuelle und Künstler kümmerten. Anders als diese, durften sie keine Arbeit annehmen, was Jesenská skandalös fand.
Die Zahl der Flüchtlinge außerhalb Prags muss noch weitaus größer gewesen sein.¹⁴ Da die meisten weder verwandtschaftliche noch freundschaftliche Beziehungen nutzen konnten, blieben sie auf private Solidarität angewiesen. Jesenská schildert Beispiele solcher als »Patronat« bezeichneter Hilfen, aber auch herzzerreißende Behördenwillkür: Ahndung von Arbeitsaufnahme, Verweigerung von Familiennachzug und sogar Ausweisung – obwohl es sich um politische Flüchtlinge handelte.
In Prag suchte Jesenká von Hilfskomitees unterhaltene Massenunterkünfte auf. Aufnahme fand hier nur, wer »die Gründe seiner Emigration detailliert« angab. Die manchmal wochenlangen Nachprüfungen der Komitees sei »wesentlich umfangreicher, genauer und gründlicher, als es eine polizeiliche Kontrolle überhaupt sein kann«. Wenn der Emigrant seine »Identitätsbescheinigung« erhalten habe, werde er »in ein Kollektiv eingeteilt, das ›zum Beschützer seines Lebens wird‹«. Werde ein »unwillkommener Genosse« entdeckt, so werde er der tschechischen Justiz zugeführt.
Das von Jesenská besuchte »Wohnkollektiv« von 135 Flüchtlingen war in einer leeren, halbverfallenen Schraubenfabrik untergebracht, »mit hoffnungslos blinden Fenstern«. Man schlief auf Eisenbetten ohne Bettwäsche, »hier und da ein Schrank aus Kisten gezimmert«. In einer alten Blechwanne baden durften nur die Kranken. In der Küche gab es immerhin »Berge von Kohl« und wöchentlich erstaunliche 50 Kilo Fleisch – eine Kost, die Jesenská für die vielen Kranken nicht angemessen fand. Schwer sei es gewesen, mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen. »Denn was sollten sie erzählen, woher die Worte nehmen? Diese Leute sind zum Stillstand gekommen. Sie dürfen nicht arbeiten, sie hören, wie die Zeit verrinnt, sie stehen da und warten auf ein Morgen.« Schließlich konnte sie mit einer Frau sprechen, die ihr Kind in Deutschland zurückgelassen hatte, und mit einem jungen Mann, der mit dem hingerichteten Kommunisten Edgar André in einer Zelle gesessen hatte.
Die Kräfte erlahmen
Es handele sich zwar um Fremde, aber »eines haben wir gemeinsam: Beim Wort Hakenkreuz zieht sich uns das Herz mit den gleichen Gefühlen zusammen. Dieses Häuflein Vertriebener kann uns lehren, was das Hakenkreuz ist: Sie sind lebendige Zeugen einer großen Vergewaltigung und einer mächtigen Lüge.«
Die private Wohltätigkeit sei hoch einzuschätzen. Aber Jesenská stellte fest, dass ihre Kräfte erlahmten. Ein Teil der Komitees musste die ohnehin bescheidenen Leistungen bereits einschränken. Wenn aus den Flüchtlingen »mit der Zeit kein Geschwür inmitten unserer Gesellschaft werden soll, dann dürfen sie sich nicht in einen demoralisierenden Faktor verwandeln, sondern müssen die Möglichkeit bekommen zu leben. Heute, wo die Krise nicht mehr so bedrohlich ist, wo die Leute wieder Beschäftigung finden, müsste es doch möglich sein, ihnen Arbeit zu geben, ohne dass sie unseren Leuten eine Scheibe Brot wegessen. Manche von ihnen sind qualifizierte Fachkräfte auf Gebieten, in denen bei uns Mangel herrscht.«¹⁵ Erstaunlich, wie der heutige Umgang mit Flüchtlingen dem damaligen ähnelt.
Als 1938 Wehrmacht, SS und Gestapo in die Tschechoslowakei einfielen, gelang den Intellektuellen weit eher die weitere Flucht als den vielen namenlosen deutschen Antifaschisten. Mit deren Schicksal beschäftigte sich Jesenská auch künftig.
Anmerkungen
1 A. X. Nessey (Milena Jesenská): Reklame des Elends, Tribuna, 29.4.1921: In: dies: Alles ist Leben. Feuilletons und Reportagen 1919–1938. Frankfurt/M. 1996, S. 45 ff.
2 Milena Jesenská an Karel Hoch (1924, Wien). In: Ich hätte zu antworten tage- und nächtelang. Die Briefe von Milena, hg. v. Alena Wagnerová. Frankfurt/M. 1999, S. 72 ff.
3 Milena Jesenská: Ursache oder Wirkung, zit. n. : František Kautmann: Franz Kafka und die tschechische Literatur. In: Franz Kafka aus Prager Sicht (Materialien der Kafka-Konferenz, Liblice 1963). Prag 1965, S. 70.
4 Zit. n. Dorothea Rein: Biographische Skizze. In: Jesenská: Alles ist Leben (Anm. 1), S. 263 ff.
5 Milena Jesenská: Internationale Werkbund-Ausstellung ›Die Wohnung‹ in Stuttgart, Národní Listy, 23.10.1927. In: ebd., S. 130 ff.
6 Milena Jesenská: Prager Hinterhöfe im Frühling, Národní Listy, 29.4.1928. In: ebd., S. 137 ff.
7 Milena Jesenská: Es ist nicht gut, sich auf etwas zu freuen, Národní Listy, 22.8.1926. In: ebd., S. 121 ff.
8 Milena Jesenská: an Olga Scheinpflugová, 21.1.1937. In: Ich hätte zu antworten (Anm. 2), S. 109
9 Die zu den Ausgeschlossenen zählende Schauspielerin Marie Majerová eröffnete als Mitglied des Präsidiums die 1963 in Liblice stattfindende internationale Kafka-Konferenz. Sie erinnerte dort auch an Milena Jesenská. Vgl. Franz Kafka aus Prager Sicht (Anm. 3), S. 9 f.
10 Milena Jesenská: Ein Aufschrei. § 144. Umfrage über den Abtreibungsparagraphen, Tvorba, 23.4.1931. In: Alles ist Leben (Anm. 1), S. 140 ff.
11 Milena Jesenská: Wer ist der Zensor?, Svet Prace, 1.12.1933. In: ebd, S. 144 ff.
12 Milena Jesenská an Olga Scheinpflugová, a. a. O., S. 109–111.
13 Vgl. Hansjörg Schneider: Exil in der Tschechoslowakei, in Großbritannien, Skandinavien und Palästina. Leipzig 1980, S. 17–143
14 Geschätzt wurden später 8.000 bis 10.000 Personen. Ebd., S. 18. Siehe zu den Flüchtlingen auch: Kateřina Čapková u. Michal Frankl: Unsichere Zuflucht. Die Tschechoslowakei und ihre Flüchtlinge aus NS-Deutschland und Österreich 1933–1938. Aus dem Tschechischen übersetzt von Kristina Kallert. Wien/Köln/Weimar 2012
15 Milena Jesenská: Gestrandete Menschen, Přítomnost, 27.10.1937. In: Alles ist Leben (Anm. 1), S. 149 ff.
Lesen Sie am 27. Dezember Teil 2 der Serie über Milena Jesenská: Verraten und verkauft. Ein Bericht aus den sudetendeutschen Gebieten.
Sabine Kebir schrieb an dieser Stelle zuletzt am 17. Dezember 2025 über das Verhältnis von Kafka und Milena Jesenská: »Diese Art von Leben da«.
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