Hänger des Tages: Joe Wadephul
Von Felix Bartels
Im Sommer fror die Elbe zu. Joe Wadephul, frisch installierter Außenminister, habe in den ersten vier Monaten 33.700 Euro für Fotografen verausgabt. Der ideelle Gesamtsteuerzahler vernahm es bei systolischen Werten um die 200. Nun offenbart sich, dass das Invest sich auszahlen sollte. Der Agentur Table.Briefings zufolge hat das Ministerium in einem internen Schreiben sämtliche Auslandsvertretungen angewiesen, ein Porträt von Wadephul aufzuhängen. Mit präzisen Angaben zu Motiv, Rahmung und Format. Die Bindung von Ministerium und Außenstellen lasse zu wünschen übrig. Da wird ein Porträt sicher helfen.
»Wenn Baerbock sich das getraut hätte«, titelt Bild. Sicher, dann hätte die Aktion mit dem Bild das Bild, das Bild von Baerbock hat, bestätigt, und solange sie von New York aus weiter Insta-Reels im Stil von »Sex and the City« postet, sollte sie darüber nicht klagen. Doch ein Bild kann auch eine Chance sein. Festgehalten im Moment steht es, während das Leben weiter zerfällt. Beständige Mahnung, wer man mal war, ehe man sich aus professionellen Gründen von außen nach innen gebogen hat. Jeder Politiker ist ein Dorian Gray, bloß richtig herum. Und so kann der Minister dereinst in Phnom Penh seines Ebenbildes ansichtig live aus dem »Faust« zitieren: »Geschäftiger Joe, wie nah fühl ich mich dir!« Und das Porträt wird antworten: »Du gleichst dem Joe, den du begreifst, nicht mir!«
Doch vielleicht sollte man die Sache etwas tiefer hängen. In anderen europäischen Staaten ist durchaus üblich, dass ein Bild des leitenden Angestellten in den Außenstellen hängt. Immerhin hypostasiert sich in ihm das hohe Amt, dem Adler des Zeus gleich im Fries des Pergamonaltars, der alles durchwirkt. (Letzteren Satz hab ich vor Ergriffenheit im Stehen schreiben müssen.) So dann: Meinen Segen hiermit erteilt, hängt ihn auf.
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Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (10. Dezember 2025 um 10:10 Uhr)Als ich Ende September 1971 in der DDR meine Arbeitsstelle antrat, wurde ich sofort von Erich Honecker begrüßt. Nicht persönlich natürlich, sondern in seiner bewährten allgegenwärtigen Form: als gerahmtes Staatsantlitz mit Überwachungsambiente. Der Mann hing nicht nur an der Wand, er hing förmlich in der Luft. Aber die wahre Meisterklasse der bildgestützten Machtsuggestion erlebte ich zuvor in Ungarn: Stalin. Der schaute nicht nur zu – der durchdrang. Dort war das Porträt keine Dekoration, sondern Teil der Statik des Gebäudes. Man hatte das Gefühl, ohne sein Bild würde das Haus den Sozialismus verlieren und einstürzen. Und heute? Heute nennt man so etwas nicht mehr Personenkult, sondern »innerministerielle Bildkoordination«. Das Prinzip ist identisch: Wenn die Realität schwächelt, wird die Wand verstärkt. Wenn der Erfolg fehlt, kommt der Rahmen teurer. Aufmerksamkeit wird nicht mehr verdient, sondern aufgehängt. Wer heute glaubt, durch flächendeckende Porträtpflicht Bedeutung erzeugen zu können, hat den Unterschied zwischen Führung und Einrichtung offenbar noch nicht verstanden. Früher hieß das: »Der große Bruder sieht dich.« Heute heißt es: »Der Chef, der hängt im Querformat.« Felix Bartels meint, man solle es hängen lassen – ich sag: ruhig. Aber bitte so tief, dass man später beim baldigen Entsorgen niemanden von der Leiter fällt.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (9. Dezember 2025 um 22:53 Uhr)Das ist also Bestandteil der deutschen Digitalisierung, womöglich ein Papierbild. Warum kein Flachbildschirm? Die darzustellende Pixelkombination könnte ja eine gewisse Zeit statisch bleiben und dem Hänger des Tages ähneln. Aber: Wenn der nächste Hänger oder die nächste Hängerin kommt, müsste nur das Bitmuster ausgetauscht werden!
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