Störfaktor Patient
Von Susanne Knütter
»The little girl saw her first troop parade and asked,
›What are those?‹
›Soldiers.‹
›What are soldiers?‹
›They are for war. They fight and each tries to kill as many of the other side as he can.‹
The girl held still and studied.
›Do you know . . . I know something?‹
›Yes, what is it you know?‹
›Sometime they’ll give a war and nobody will come.‹«
(»The People, Yes«, Carl Sandburg, 1936)
Auf die Jugend ist Verlass. Was ist, wenn die Handy-Warn-App meldet: »Der Bündnisfall wurde ausgerufen«, und keiner kommt zur Arbeit? »Wir haben schließlich auch alle unsere Liebsten, um die wir uns in dem Moment kümmern wollen und müssen«, sagte ein Pfleger jüngeren Alters beim Rettungsdienstsymposium am 20. November in Berlin. Und er ergänzte: »Pflege ist kein Selbstzweck. Wir machen hier einen Job. Mehrarbeit muss vergütet werden. Wir sind keine Soldaten.« Damit hat wohl niemand gerechnet. »Das ist die Generation Z«, kommentierte ein Kollege aus einer hinteren Reihe im Hörsaal des zur Charité gehörenden Virchow-Klinikums. Die Vertreter der Senatsverwaltung und der Klinik auf dem Podium, nicht erfreut über diese eigennützige Nachfrage, stammelten: »Wir wollen nicht über Belohnung sprechen. Eher über Sorgen.« Damit schließlich, glaubten sie, die Stunde zuvor zugebracht zu haben. »Vorbereitung der Krankenhäuser auf den Kriegsfall« lautete der Themenblock des dreitägigen alljährlichen Kongresses für Rettungsdienste und Notfallsanitäter.
Der Leiter der Stabsstelle Resilienz, Krisenmanagement und Katastrophenschutz an der Charité, Andre Solarek, hatte Schlagworte zum Nachdenken in den Raum geworfen: »Qualimix«, Lieferkettenabriss, Krisenkommunikation und Führungsmentalität im Krankenhaus, Notstromversorgung, Treibstoffvorräte, Mehrwegprodukte. Für den Fall eines Krieges mit »1.000 Verletzten pro Tag« – hier wird offiziell nicht von einem Verteidigungsfall, sondern von einem NATO-Bündnisfall ausgegangen – müssten die Beschäftigten sich darauf einstellen, gegebenenfalls andere Tätigkeiten in anderen Teams auszuführen. Man müsse sich die Frage stellen, ob jedes Krankenhaus fünf verschiedene Längen von Perfusorleitungen vorrätig brauche. Angesichts großer Flüchtlingsströme müsse man eventuell mit Menschen umgehen, die »mit Keimen besiedelt« seien, »die wir bisher noch nicht kennen«. Mehr Militär und Polizei im Alltag – daran müsse man sich gewöhnen. »Macht Risiko- und Prozessanalysen«, forderte der »Krisenmanager« von allen Krankenhausebenen. Wie wird die Kinderbetreuung und die Pflege von Angehörigen organisiert? »Entwickelt Sicherheitskonzepte und Meldesysteme für den Fall, dass jemand herumläuft und Fragen stellt.«
Herstellung der Freiwilligkeit
Dass Pfleger, Notfallsanitäter, Ärzte, Feuerwehr usw. in der Notsituation freiwillig alles geben, wird vorausgesetzt. Zugleich sind sich die Vertreter der Senatsverwaltung bewusst, dass es im Kriegsfall vermutlich nicht so sein wird. Demnach seien am Morgen nach Beginn des russischen Einmarschs in die Ukraine zehn Prozent des dortigen Krankenhauspersonals nicht zur Arbeit erschienen. Auch unter dem Aspekt, dass diese Zahl in Deutschland im entscheidenden Moment kleiner oder zumindest nicht höher ist, dürften die »Informationsveranstaltungen« zu kriegstüchtigen Krankenhäusern inzwischen regelmäßig abgehalten werden. Und eine weitere ordnungspolitische Komponente dürfte von Bedeutung sein. Mit dem Berliner Rahmenplan »Zivile Verteidigung Krankenhäuser« werden berufsethische Grundprinzipien über Bord geworfen. Darauf muss sicherlich ein Teil der Mediziner trotz der jahrzehntelangen Abstumpfung durch die Ökonomisierung des Gesundheitssystems vorbereitet werden. Andere hingegen freuen sich vielleicht sogar über Sätze wie diesen aus dem Berliner Rahmenplan, der im Sommer zwar grob vorgestellt, aber erst im Oktober geleakt und auf der Plattform »Frag den Staat« veröffentlicht wurde: »Es ist hierbei anzustreben, dass die Notaufnahmen der Krankenhäuser nicht durch pflegebedürftige Menschen ohne notfallmedizinische (Behandlungs-)Bedarfe im Bündnis- und Verteidigungsfall in ihren medizinischen Leistungskapazitäten eingeschränkt werden.« Die Debatte, wer Notaufnahmen aufsuchen dürfen soll, wird seit langem geführt. In dieses durch Kürzungen und Ökonomisierung zugerichtete Krankenhaus- und Gesundheitssystem knallt nun die Militarisierung.
Umgekehrte Triage
Durchaus belustigt, erläuterte ein Mann vom Fach aus dem Publikum, dass im Katastrophenfall gar nichts normal weiterlaufe. Knieprobleme, Rückenschmerzen, Schlafstörungen, »worum wir uns jetzt so aufopferungsvoll kümmern« (Lachen im Saal) hätten dann keine Priorität mehr. Natalie Capone von der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege nutzte die Gelegenheit, um den Anwesenden einzuschärfen: »Es wird triagiert werden.« Und zwar in dem Sinne: »Wird man einem 95jährigen noch Stents einsetzen?« Kein Widerspruch aus dem Publikum.
Über das ganze Ausmaß der angedachten Triagierung bzw. Priorisierung haben Solarek, Capone und ihre Kollegen bei der Novemberveranstaltung im Berliner Wedding (noch) nicht gesprochen. Dabei ist der Berliner Rahmenplan, der stetig weiterentwickelt wird, dahingehend schon sehr deutlich. Er erwägt eine Triage, bei der militärisches Personal Vorrang vor Zivilisten bekäme. Ebenso das Sterbenlassen schwerst verletzter und »hoffnungsloser« Patienten. Langzeitpatienten sollen verlegt werden. Alles, was kein medizinischer Notfall ist, stört: etwa Alte, Behinderte oder psychisch Kranke, die trotzdem akute Fälle sein können. Die Interessen des Militärs würden im Falle einer Umstellung der Individualmedizin auf Katastrophenmedizin über das Wohl der Patienten gestellt. Medizinisch notwendige elektive Eingriffe könnten eingestellt werden.
Falsche Annahme
Fatal ist die Unterwerfung des zivilen Lebens unter die Kriegslogik nicht zuletzt deshalb, weil alles auf einer falschen Annahme beruht. In diesem Sinne äußerte sich Ende Oktober auch der Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte (VDÄÄ). »Selbstverständlich wird argumentiert, dass solche Vorbereitungen nur der Verteidigung dienten.« Vorausgesetzt werde dabei, dass die Konkurrenz der Staaten unausweichlich sei und es auch der Bevölkerung darum gehen müsse, dass Deutschland siegreich aus einem möglichen Krieg hervorgeht. »Jeder Krieg ist aber schon eine Niederlage für die Bevölkerung, die unter den grausamen Folgen leidet und gezwungen wird, für den jeweiligen Staat zu kämpfen.« Der VDÄÄ wehrt sich gegen die Gleichsetzung der Interessen der Bevölkerung mit den Interessen der Bundesrepublik Deutschland. Mediziner sollten an der Seite ihrer Patientinnen und Patienten stehen, nicht unter den Befehlen des Militärs.
Und wie stehen die Interessenvertretungen der Beschäftigten dazu? Innerhalb der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft läuft derzeit ein Diskussionsprozess, wie Verdi-Landesfachbereichsleiterin im Bezirk Berlin-Brandenburg, Gisela Neunhöffer, gegenüber jW versicherte. Vom Ärzteverband Marburger Bund ist ähnliches noch nicht bekannt. Öffentlicher Widerspruch kommt derweil ausschließlich von ehrenamtlichen Verbänden wie VDÄÄ, IPPNW (Internationale Ärztinnen und Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs) oder dem Bündnis »Gesundheit statt Profite«. Gemeinsam protestierten sie zu Beginn des Rettungsdienstesymposiums vor dem Virchow-Campus gegen die psychologische Vorbereitung auf den Krieg, »der uns eines Tages als unvermeidlich präsentiert werden wird«.
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