Gegründet 1947 Montag, 12. Januar 2026, Nr. 9
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 28.11.2025, Seite 15 / Feminismus
Rezension

Eine bewegte und bewegende Geschichte

Rezension: Ein unkonventionelles Frauenleben im Deutschland der 1920er und 30er Jahre
Von Christina Puschak
Verschollener_Roman_87480355.jpg
Lange verschollen geglaubt: Das Manuskript für Sternheims einzigen Roman (Oldenburg, 18.3.2025)

Lange Zeit galt sie als eine Autorin ohne Werk. Sie selbst empfand sich als eine Gescheiterte, weil es ihr nicht gelang, ihren 1935 im Exil begonnenen Roman »Vivan«, so der Arbeitstitel, abzuschließen. Oftmals plagten sie Zweifel an ihrer Arbeit, meinte sie doch, ihr Buch sei »zu konstruiert, zu gewusst, zu pathetisch«. Jetzt ist dieses verschollen geglaubte und unerwartet entdeckte Werk – jahrelang lag es in einem Koffer in der Landesbibliothek Oldenburg – endlich unter dem Buchtitel »Im Zeichen der Spinne« veröffentlicht. Seine Autorin ist die Bühnen- und Kostümbildnerin sowie Widerstandskämpferin Dorothea Sternheim, »Mopsa« genannt, eine bekannte Unbekannte. Sie ist die Tochter des berühmten Dramatikers Carl Sternheim und der nicht weniger berühmten Kunstsammlerin, Salonnière und Schriftstellerin Thea Sternheim, die in ihren publizierten Tagebüchern ein unkonventionelles Frauenleben im Spiegel der Zeit präsentiert.

Immer wieder wurde Mopsa Sternheim als »Tochter von …« oder als »Dichterkind« etikettiert, wie auch ihre Freunde Pamela Wedekind, Klaus und Erika Mann. »Wissen Sie«, gab Mopsa in einem Interview 1927 zu verstehen, »wie schwer es ist, die Tochter eines berühmten Dichters und trotzdem talentiert zu sein.« Immer wieder wurde die Schilderung ihres Lebens auf die kurze Liaison zu Gottfried Benn – einem Freund ihrer Mutter – zugeschnitten, dessen frühe Lyrik sie schätzte, dessen »männlichen Größenwahn« sie jedoch resolut ablehnte und der als Person Dr. Goll im Roman erscheint. Ja, immer wieder wurde ihr Leben geradezu voyeuristisch reduziert auf ein drogensüchtiges, auf ein Leben einer Jeunesse dorée in den 1920er Jahren des vergangenen Jahrhunderts im »Babylon Berlin«.

Diese Episode ihres Lebens fand Eingang in ihren Roman, der ohne Frage autobiographisch gefärbt ist und mit dem Sound der »Lost Generation« glänzend die Empfindungen und die Atmosphäre der 20er Jahre einfängt. Vortrefflich die Sprache der sozial- und ideenkritischen Zwischentexte, wenn von den »Zuhältern der Ordnung« die Rede ist und von den Massen, deren »unbeschäftigte Hände sich zur Faust ballen«.

Erzählt wird die bewegte und bewegende Geschichte einer jungen Frau, der Protagonistin Vivan – »das ist doch kein Name, das ist ja ein ganzes Programm«. Und das bedeutet »hungrig nach Bewegung, nach Beziehungen, nach Bestätigung … hungrig nach Leben«. Ein Programm, das an der Festung der patriarchalen Gesellschaftsordnung scheitert oder, wie Mopsa Sternheim es nennt, am »Virilismus«. So ist denn auch nicht verwunderlich, wenn der Roman – gleich zu Beginn – Marinettis Manifest der Kriegsverherrlichung eine Abfuhr erteilt und später einem Staat, der eine Rassenideologie vertritt.

In der Figur Michael, Vivans Liebhaber, finden wir einen Künstler auf der Suche nach einer neuen Kunstform, der in die Fänge der SA gerät und das Martyrium einer Gefangenschaft im KZ erleidet. Hautnah können die Leser den Terror, das grauenhafte Dasein im Folterkeller der Gestapo und im Lager verfolgen, wo die Peiniger, die »nur noch Verachtung, ja Ekel« empfinden vor jeglicher »Humanitätsduselei«, mit äußerster Brutalität und »Mordlust« agieren. So realistisch, eindrucksvoll und gleichzeitig berührend zu schreiben, ist vermutlich nur aus eigenem Erleben möglich. Die politisch aktive Mopsa Sternheim – sie schrieb antifaschistische Artikel, hat mit Willi Münzenberg am »Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror« gearbeitet und war in der kommunistischen Flüchtlingshilfe engagiert – schloss sich im französischen Exil der Résistance an, wurde von der Gestapo verhaftet und in das KZ Ravensbrück verschleppt.

»Im Zeichen der Spinne« – Totem des Grauens – ist ein Werk von großer Eindringlichkeit, von außerordentlicher Empfindungsgenauigkeit und von hoher Aktualität, wenn wir lesen: »Das ist Wahnsinn, dachte sie (Vivan) – eine unsagbare Gefahr zieht auf, merken es die anderen nicht, warum rühren sie sich nicht, warum lassen sie das zu? Diese schamlosen Lügen, offensichtlichen Provokationen? Nichts, nichts wird standhalten, wenn man diese Methoden einmal aufkommen lässt – wird denn niemand eingreifen, bevor es zu spät ist?«

Mopsa Sternheim: Im Zeichen der Spinne. Wallstein-Verlag, Göttingen 2025, 364 Seiten, 24 Euro

Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug

Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Mehr aus: Feminismus

Alle Beiträge zur 31. Rosa-Luxemburg-Konferenz jetzt hier lesen