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Aus: Ausgabe vom 24.11.2025, Seite 1 / Titel
Ukraine-Krieg

Trump zerredet seinen Plan

»Friedensplan« für Ukraine laut US-Präsident nur noch Verhandlungsgrundlage. EU verhandelt »Nachbesserungen« in Genf
Von Reinhard Lauterbach
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»Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern«: US-Präsident Donald Trump (Jupiter, 8.9.2025)

Einmal hü und dann wieder hott: Wenige Stunden nach der ultimativen Aufforderung an die Ukraine, seinen Friedensplan bis zum kommenden Donnerstag zu akzeptieren, hat US-Präsident Donald Trump am Sonnabend die Verbindlichkeit des Papiers relativiert. Der 28-Punkte-Plan sei »nicht abschließend«, sondern solle noch mit der Ukraine und den europäischen Alliierten abgestimmt werden. Zuvor hatten führende europäische Politiker sich am Rande des G20-Gipfels in Johannesburg in einer gemeinsamen Erklärung für Änderungen ausgesprochen.

Die Washington Post berichtete am Sonntag unter Berufung auf ungenannte hohe US-Beamte, Trump wolle den Eindruck vermeiden, dass sein Plan »zu prorussisch« sei. In diesem Kontext stehen auch Aussagen zweier US-Senatoren vom Wochenende über Zweifel an der Urheberschaft des Plans. Die beiden Politiker behaupteten auf einem »Sicherheitsforum« in Kanada, das Papier sei von dritter Seite geschrieben und den USA quasi untergeschoben worden. Die Sprecherin des Weißen Hauses, Caroline Leavitt, erwiderte, der Entwurf sei nach Beratungen mit ukrainischen, russischen und europäischen Vertretern in der Präsidialverwaltung erstellt worden. Von ukrainischer Seite habe der Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates, der frühere Verteidigungsminister Rustem Umerow, die Gespräche geführt. Die Washington Post berichtete weiter, Umerow habe der US-Seite die eventuelle Bereitschaft von Präsident Wolodimir Selenskij zur Räumung des noch unter ukrainischer Kontrolle stehenden Teils des Gebiets Donezk und zur zahlenmäßigen Beschränkung der ukrainischen Armee übermittelt, sofern die sonstigen Konditionen zufriedenstellend seien.

Mehrere US-Medien berichteten am Wochenende, auf ukrainischen Wunsch sei insbesondere der Punkt über die umfassende Amnestie für Handlungen während des Krieges eingefügt worden – als Absicherung für Selenskij und seine Umgebung, falls sich der Korruptionsskandal in der politischen Führung der Ukraine noch ausweiten sollte. Inzwischen hat auch Umerow eine offizielle Mitteilung der Antikorruptionsbehörde über einen entsprechenden Verdacht gegen ihn erhalten. Dass Selenskij seinen Kanzleichef Andrij Jermak sowie Umerow mit den weiteren Verhandlungen beauftragt hat, zeigt, dass der Präsident an beiden trotz der Kritik an ihnen festhalten will. Sollten die Verhandlungen jedoch eine für die Ukraine ungünstige Wendung nehmen, könnte er sie als Sündenböcke entlassen und sie damit auch den Korruptionsermittlern ausliefern.

Berichten zufolge sollen sich die USA zudem die Option vorbehalten, der Ukraine »Tomahawk«-Marschflugkörper zu liefern – nach einem eventuellen Waffenstillstand –, wozu sie während der laufenden Kämpfe nicht bereit waren. Dass Kiew diese Raketen zu Angriffen auf Moskau und St. Petersburg verwenden könnte, wird in Washington angeblich nicht befürchtet, weil für diesen Fall das Land die US-Sicherheitsgarantien verlieren würde.

In Genf liefen am Sonntag abend auf der Ebene der Nationalen Sicherheitsberater Gespräche zwischen den USA, der Ukraine und den sogenannten »E3-Staaten« (Deutschland, Frankreich und Großbritannien) über die Zukunft des US-Friedensplanes. Daran nehmen auch der US-Sondergesandte Steve Witkoff sowie Außenminister Marco Rubio teil. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan kündigte ebenfalls am Sonntag an, am Montag mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin telefonieren zu wollen.

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  • Leserbrief von Yorgui Hartmann aus Lohr (24. November 2025 um 15:26 Uhr)
    Ob es jemandem auffällt, dass der Vertrag, der angeblich von »Dritten«, dem »Russen«, diktiert wurde, nun von Dritten, den »Europäern«, umgeschrieben wurde? Und ob es jemandem auffällt, dass »der Russe« als Sieger auf seine Kapitulationsbedingungen nicht verzichten wird, weil der den Krieg, also den zwischen NATO und Russland auf dem Boden der Ukraine, der nicht nur hätte längst vorbei sein können und müssen, von »Dritten«, der NATO seit Istanbul vor zwei Jahren aktiv verlängert wurde. Russland wird nicht wegen dieses »Kapitulationsangebot des Verlierers«, dass man dann 24/7 über Wochen in den Westmedien verbreitet als Friedensvertrag und Putin-will-keinen-Frieden-Beweis, klein beigeben. Der Westen hat Minsk II nicht ernst genommen, Russland schon. Jetzt müssen sie das Fressen, was ihnen vorgesetzt wird, nämlich wesentlich weniger als Minsk II. Schön blöd.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (24. November 2025 um 10:02 Uhr)
    Neutralität: Europas letzte Chance. Seit dem Zweiten Weltkrieg dreht sich alles um die Sicherheitsarchitektur Europas. Joseph Stalin hatte eine klare Vorstellung: Eine neutrale, entmilitarisierte Pufferzone in Mitteleuropa sollte die Sowjetunion vor westlichen Angriffen schützen. Deutschland sollte neutral und entmythisiert sein – weder Werkzeug westlicher Expansion noch Ziel russischer Machtprojektionen. Österreich und Finnland zeigen, dass Neutralität funktionierte: stabile Demokratien, wirtschaftlicher Aufschwung, außenpolitische Souveränität. Andere Staaten wie Jugoslawien zerfielen, weil sie zwischen den Blöcken hin- und herlavierten. Geschichte zeigt: Neutralität kann Schutz bieten – Realpolitik statt Illusion. Die NATO erfüllt nur dann ihren Zweck, solange es einen klar definierten Gegner gab. Würde ganz Mittel- und Osteuropa neutral bleiben, wäre sie überflüssig – die Sicherheit ließe sich durch ein multilaterales Garantiesystem gewährleisten, das auf Pragmatismus statt Konfrontation setzt. Europa steht an einem Scheideweg: Entweder souverän, friedlich und selbstbestimmt – oder erneut Spielball fremder Interessen, sei es durch militärische Drohungen, wirtschaftliche Abhängigkeit oder von außen diktierte Sicherheitsarchitektur. Neutralität ist kein Traum. Sie ist die letzte Chance, die Zukunft Europas aktiv zu gestalten. Vorwärts auf die Schweizer Tradition!
  • Leserbrief von A.G. (23. November 2025 um 23:20 Uhr)
    Skepsis ist berechtigt. Exdiplomat und erfahrener Unterhändler Alastair Crooke hält es wieder für eine Falle. (Dessen Spezialgebiet indes ist eher der Nahe und Mittlere Osten.) Siehe Ende eines längeren Eintrags zum Thema: https://www.moonofalabama.org/2025/11/kellogg-fired-over-leaking-28-point-plan-which-is-designed-to-corner-putin.html Nicolai Petro, Politologe aus Rhode Island und mit guten Kontakten in die Ukraine und z.T. wohl auch Russland, ist optimistischer, betont aber seit Jahr und Tag, dass diese Sorte Verhandlungen viele, viele Jahre in Anspruch nehmen und auch jetzt hält er ein »zwei Schritte vor, ein Schritt zurück« für nicht unwahrscheinlich. Aber bestimmte zentrale Forderungen wirken realisierbar, wie »Entnazifizierung« und die »Sicherheitsgarantien«. ggf. hier mit dem Schweizer, in Japan lehrenden Politologen, Pascal Lottaz: 63 min. https://www.youtube.com/watch?v=xdgwDAdW6Q8
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (23. November 2025 um 18:31 Uhr)
    Nach Analyse der Infomationsfetzen zur Planenstehung komme ich zum Schluss, dass es eine KI war, die Trump den Plan untergeschoben hat. Gerüchten zufolge soll es sich dabei um »Homunkulus Beta« eines Kiewer Startups handeln.