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Aus: Ausgabe vom 21.11.2025, Seite 15 / Feminismus
El Salvador

Was will der Ökofeminismus?

Frauen sind die Speerspitze im Kampf gegen Umweltraubbau und die autoritäre Regierung in El Salvador, sagt Gabriela Solórzano
Von Interview: Tom Beier
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Kämpfe verbinden: Ökologisch-feministische Demonstrantinnen am 8. März

Sie bezeichnen sich als Ökofeministin. Was bedeutet das für Sie?

Das ist zunächst eine Frage des Geschlechts: Frauen erleiden Gewalt in einem patriarchalischen System. Auch symbolisch wird alles Feminine unter die Herrschaft des Maskulinen gestellt. Die Umwelt und der Körper der Frauen leiden beide unter einem oppressiven System der Ungleichheit. Wir haben in ganz Lateinamerika eine Triade der Unterdrückung: das Patriarchat, den Kapitalismus und den Extraktivismus. Über den Extraktivismus kann mensch nicht sprechen, ohne über Kolonialismus zu reden – die extraktivistischen Projekte kommen alle aus dem globalen Norden.

Was will der Ökofeminismus?

Er ist eine Antwort auf diese Bedingungen der dreifachen Unterdrückung und reagiert darauf, indem er das Leben wieder ins Zentrum stellt. Er erkennt die Beziehung der verschiedenen Bereiche an und betont die Rolle der Frau in dem Prozess der Wiedergewinnung des Lebens. Ökofeministische Bewegungen verbinden diese Elemente. Er fordert die Berücksichtigung der Natur als Ressource für alle, fordert Biodiversität, den Schutz der Ernährung, des Wassers.

Was zeichnet die aktuelle Situation in El Salvador aus?

Ich glaube, die Umwelt, die Situation der Frau und das »Entwicklungsmodell« von Präsident Nayib Bukele sind zur Zeit die wichtigsten Themen. »Entwicklung« versteht er nämlich im Sinne einer Opferung von Territorien für seine Idee von Fortschritt – etwa für den Goldabbau. Juristisch wird dieses Vorgehen durch die Billigung des Gesetzes zur Legalisierung des Minenextraktivismus untermauert. Unterstützt wird es durch die Verhängung des Ausnahmezustands, der ihm die Möglichkeit gibt, Widerstand zu kriminalisieren.

Gibt es weitere gegen die Mehrheit gerichtete Projekte?

Ja, das Megaprojekt des pazifischen Flughafens, das die Umsiedlung der dort lebenden Menschen bedeuten würde. Die Regierung hat in den vergangenen Jahren über 7.000 Bewilligungen für Bauvorhaben erteilt, ohne vorher Studien über Umweltbelastungen durchgeführt zu haben. Die Linie ist: Diese »Entwicklung« ist notwendig und lässt sich nicht stoppen. Wer sich dagegen wehrt, der wird kriminalisiert.

Warum spielt der Kampf gegen den Bergbau eine solch zentrale Rolle für die Umweltbewegung in El Salvador?

Seit 2017 gab es – mit Unterstützung etwa der katholischen Kirche – ein Gesetz, das den Rohstoffabbau durch multinationale Konzerne verbot. Einer der bewusstseinsbildenden Aspekte in diesem Prozess war, dass durch den Bergbau besonders das Wasser betroffen war. Dazu muss man wissen, dass es in El Salvador eine große Abhängigkeit vom Wasser gibt. Von sechs Millionen Einwohnern sind drei vom Wasser des Flusses Lempa abhängig. Es gibt Studien, wonach Pacific Rim (ein Minenunternehmen mit Sitz in Vancouver, jW) das Land und sein Wasser gänzlich ausbeuten will.

Hat das keine Proteste ausgelöst?

Doch, das rief besonders die Frauen in den Provinzen Santa Marta und Cabañas auf den Plan. Denn sie sind traditionell für die Beschaffung des Wassers zuständig. Sie waren somit auch die ersten, die sich gegen die Verschwendung des Wassers durch die Minenindustrie organisierten. Mit der Aufhebung des Stopps für den Minenabbau 2024 stieg der Wasserverbrauch wieder rapide an. Das wiederum führte zu Protesten in der Bevölkerung. Aber die Regierung hörte nicht zu. Sie bediente das Narrativ, dass der Minensektor essentiell zur Entwicklung des Landes beitragen würde und daher unverzichtbar sei.

Wie ist die Wasserversorgung in El Salvador aktuell?

Wir haben wieder einen akuten Notstand: Das Land ist nahezu ausgetrocknet, 80 Prozent der Flüsse sind kontaminiert. Die Wasserverschmutzung ist inzwischen so drastisch, dass sie der Todesstoß für die Wasserversorgung sein könnte. Mit einer Regierung, die sich nicht für Renaturierungsmaßnahmen interessiert, und einer rücksichtslosen, extraktivistischen Industrie stehen wir kurz vor dem Umweltkollaps. Der Diskurs, es gäbe eine verantwortungsvolle und grüne Bergbauindustrie, ist verlogen.

Gabriela Solórzano ist Aktivistin von der Assoziation der Umweltfrauen (Amaes) in El Salvador

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