Gegründet 1947 Donnerstag, 8. Januar 2026, Nr. 6
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 21.11.2025, Seite 1 / Titel
Bundeswehr

Mit Kanonen auf Drohnen

Neues Luftsicherheitsgesetz ermöglicht Abschüsse durch Bundeswehr. Nächstes Ziel: Grundgesetz entsprechend ändern
Von Arnold Schölzel
1.JPG
Ein Bundeswehr-Soldat führt bei der Übung »Red Storm Bravo« in Hamburg einen Störsender gegen Drohnen vor (26.9.2025)

Die Vorkämpfer des reaktionär-militärischen Staatsumbaus in den Regierungsparteien sind fast zufrieden. Am Mittwoch verabschiedete das Bundeskabinett einen Entwurf von Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) zur Änderung des Luftsicherheitsgesetzes. Hauptpunkt: Erweiterte Befugnisse für die Bundeswehr. Im Juristendeutsch: »Das Erfordernis einer Entscheidungsfindung im Benehmen mit dem Bundesministerium des Innern entfällt. Die Änderung dient der Gewährleistung einer raschen Entscheidungsfindung (…) Die Streitkräfte sollen im Falle ihres Einsatzes auch Waffengewalt oder sonstige Wirkmittel gegen unkooperative Drohnen einsetzen dürfen.«

Die Drohnenhysterie der vergangenen Wochen hat so ein erstes Resultat. Allerdings bestehen Zweifel an dessen Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz. Das sieht bislang eine Trennung bei der Abwehr von Bedrohungen im Innern des Landes und denen von außen vor – für erstere ist die Polizei zuständig, für letztere die Armee. In Artikel 87a des Grundgesetzes heißt es: »Außer zur Verteidigung dürfen die Streitkräfte nur eingesetzt werden, soweit dieses Grundgesetz es ausdrücklich zulässt.« Das betrifft den Verteidigungs- und den Spannungsfall sowie Hilfe bei Naturkatastrophen oder »einem besonders schweren Unglücksfall«. Der soll nun bei Drohnensichtung vermutet und verhindert werden.

Den lautesten Rufern nach freiem Armeefeuer im Innern genügt das nicht. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter verlangte schon Ende September die Ausrufung des Spannungsfalls, damit Drohnen von der Bundeswehr »sofort abgewehrt werden können«. Nebenbei tritt dann automatisch die allgemeine Wehrpflicht wieder in Kraft. Wer den Spannungsfall ausrufen will, benötigt aber eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag und die ist seit den Wahlen am 23. Februar schwer zu haben.

Das treibt auch den Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses, Thomas Röwekamp (CDU), um. Er erklärte am Donnerstag im Deutschlandfunk kurzerhand die »Trennung zwischen innerer und äußerer Sicherheit« für nicht mehr »zeitgemäß«. Da müsse eben das Grundgesetz geändert werden, was – siehe oben – in dieser Legislaturperiode nicht möglich sei.

Vollauf zufrieden zeigte sich die SPD mit dem Gesetzentwurf Dobrindts. Verteidigungsminister Boris Pistorius freute sich über eine Art Kriegstüchtigkeitsharmonie in der Koalition: »Wir sind alle gleichermaßen, einschließlich des Justizministeriums, der Auffassung, der Überzeugung, dass das, was wir jetzt in das Gesetz reingeschrieben haben, vollständig verfassungskonform ist.« Die Überflüssigkeit des Wörtchens »vollständig« besagt: Pistorius weiß, dass das Gegenteil richtig ist. Thüringens SPD-Innenminister Georg Maier stört das Grundgesetz ohnehin nicht. Er sagte dem Tagesspiegel nach der Ankündigung des Gesetzes durch Dobrindt bereits im Oktober: »Ich bin absolut dafür, der Bundeswehr mehr Kompetenzen zu geben.« Die dürfe ein bemanntes Flugzeug, das eine Gefahr darstelle, »abfangen, unbemannte Drohnen aber nicht. Das ist inkonsistent.«

Die Linken-Politikerin Clara Bünger hatte der Bundesregierung vorgeworfen, die Drohnenvorfälle zu instrumentalisieren, »um Panik zu verbreiten, das Grundgesetz auszuhebeln und die Gesellschaft zu militarisieren«. Die Abwehr von Gefahren im Inland sei laut Grundgesetz eindeutig Aufgabe der Polizei. »Wer hier Kompetenzen verschiebt oder die Abwehr von Drohnen militärisch regeln will, weicht die Trennung von innerer und äußerer Sicherheit auf – und riskiert den Bruch der Verfassung.« Der ist nun auf dem parlamentarischen Weg.

Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug

Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (21. November 2025 um 11:53 Uhr)
    »Der zweite Schritt kommt häufig vor dem ersten.« Stammt diese bittre Aussage von Konfuzius oder von mir? Wen juckt die Herkunft, wenn sie stimmt? - Verblüffend, dass Auseinandersetzungen dieser Art/Bedeutung/Funktion in der bedeutenden öffentlichen-rechtlichen Nachrichtensendung Tagesschau, 20:00 Uhr, nicht einmal erwähnt werden. Das ist diese Schau, in der als Emotionen beruhigendes Hintergrundbild eine Weltkarte vorgeführt wird, die wohl aus welcher Einsicht die realen Größenverhältnisse einfach nicht wahrhaben will. Wer genau bezahlt diejenigen, die tagtäglich dutzende Male diese Weltsicht verbreiten (Checken wir mal die Größe von Grönland und die von Australien, bitte! ), bei der die Antarktis nicht vorkommt und der Äquator auf Kniehöhe anstatt in der Mitte der Erdkugel (= Bauchnabelniveau) einsortiert wird? - Zum Schluss: Können wir herausbekommen, wie oft diese Anfrage seit Jahrzehnten als Spam abgetan wurde? Denn diese grundlegende Haltung beweist sich als Staatshörigkeitshaltung, als empirisch konstatierbare Tatsache, dass ein Hörigkeits- und Abhängigkeitsverhältnis besteht, weil es sich seit den Anfängen etabliert hat.

Ähnliche:

  • Bundespräsident Steinmeier (l.) und Rheinmetall-Chef Papperger b...
    06.11.2025

    Der Wunschzettel der Bundeswehr

    Die Merz-Regierung will Waffensysteme für Hunderte Milliarden Euro beschaffen. Das ist auch ein Konjunkturpaket für Rheinmetall und Co
  • Flugobjekte am Himmel über München? Patrouille auf dem Gelände d...
    06.10.2025

    Drohnen in Dauerschleife

    Unbemannte Flugobjekte allerorten: Airports geschlossen, »Nationaler Sicherheitsrat« im Gespräch, Bundeswehr bringt Startups in Stellung
  • Luftwaffeninspekteur Gerhartz verewigt sich beim israelischen Rü...
    27.05.2025

    Die To-do-Liste des Generals

    Generalinspekteur der Bundeswehr legt Prioritäten seiner Truppe fest: Flugabwehr, Munition und Langstreckenraketen