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Aus: Ausgabe vom 20.11.2025, Seite 3 / Ansichten

Luxusgut Gesundheit

Revival der Praxisgebühr
Von Oliver Rast
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Eine, die gesetzlich Versicherte zur Kasse beordert: Bundesgesundheitsministerin Nina Warken

Ja, ja, es seien Optionen. Mehr nicht. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken erwägt demnach »weitere Belastungen für gesetzlich Versicherte«, berichtete die Frankfurter Rundschau am Mittwoch. Schließlich sei das Finanzloch der Kassen abgrundtief; allein im kommenden Jahr dürfte das Defizit eine zweistellige Milliardenhöhe erreichen. Freilich, da liegt nichts näher, als Patienten als Kostentreiber zu identifizieren – und zur Kasse zu zitieren.

Nun, was erwägt die ministerielle Geldeintreiberin genau? Es brauche etwa »eine Steuerung von Facharztbesuchen« – mittels einer neuen Form einer Praxisgebühr, so die CDU-Politikerin. Auch höhere Zuzahlungen für Medikamente in Apotheken nimmt sie in den Blick. Denn die seien seit zwei Jahrzehnten stabil, während »viele andere Dinge teurer geworden sind«. Völlig logisch, hier weiter an der Preisschraube zu drehen.

Und wir erinnern uns: Eine Praxisgebühr für Arztbesuche gab es für ordinäre Kassenpatienten schon einmal – von 2004 bis Ende 2012. Pauschal zehn Euro pro Quartal. Der »Einspareffekt«: gleich null. Um so größer – sprich teurer – war der Verwaltungsaufwand. Der kalkulierte Nebeneffekt trat hingegen ein: Die Zahl der Arztbesuche ging zurück. Mit der Folge, dass medizinisch sinnvolle Vorsorgetermine oder Behandlungen ausblieben.

Die gesundheitspolitische Ressortchefin Warken will – selbstredend nur optional – eine Gebühr für den Praxiseinlass mit der Einführung des Primärarztsystems verknüpfen. Das Reizwort heißt: Patientensteuerung. Übersetzt: Erstkontaktvermeidung. Arztgänger sollen über dieses Modell zuvorderst von Facharztpraxen ferngehalten werden. Und eh, bestenfalls läuft künftig vieles digital – nicht ambulant, nicht stationär. Oder wie Warken meint: »Ohne irgendein Steuerungselement geht es nicht.«

Mal ehrlich, die Planspiele aus dem »schwarz-roten« Bundeskabinett zielen auf Menschen mit geringem Einkommen, chronisch Kranke und Familien mit Kindern. Sie wären mehrfach belastet und müssten regelmäßig zahlen, wodurch sie überproportional getroffen würden. Zweiklassenmedizin par excellence. Das Risiko für das hiesige Gesundheitswesen steigt dann: Notwendige Arztbesuche werden aus Kostengründen verschoben oder ganz vermieden. Das führt wiederum langfristig zu schwereren Krankheitsverläufen und höheren Ausgaben für medizinische Eingriffe, Rehamaßnahmen und Therapien.

Übrigens: Geld ist da. In Deutschland wird pro Tag mehr als eine Milliarde Euro für die Gesundheitsversorgung ausgegeben. Zweitgrößter Kostenblock sind Arzneimittel. Bloß, wer legt sich mit Pillenpaten und Tabletten-Tycoons an? Warken keinesfalls.

Was bleibt? Das: Gesundheit ist kein Luxusgut, kein Privileg, sondern öffentliche Daseinsvorsorge. Für alle. Und Gesundheit ist kein Eintrittskartenverkauf. Kein Drehkreuz. Kein Kassenschalter. Wer krank ist, braucht Hilfe – sofort, direkt, ohne Umwege. Das ist die einzige Option!

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  • Leserbrief von Thomas Bernard aus Karlsruhe (24. November 2025 um 15:47 Uhr)
    Hinsichtlich der Kosten im (sogenannten) Gesundheitssystem fände ich eine quantitative Analyse sehr nützlich. Das könnte die Diskussion auf ein deutlich höheres Niveau heben. Offensichtlich ist es ja so, dass das Gesundheitssystem im Vergleich zu anderen Ländern sehr viel teurer ist. Da wäre ja eine Analyse schon sehr nützlich, welche Kosten z. B. für unnütze Therapien oder überteuerte Medikamente in Deutschland auflaufen. Den abschließenden Satz im Artikel »Wer krank ist, braucht Hilfe – sofort, direkt, ohne Umwege« stimme ich uneingeschränkt zu. Allerdings ersetzt dies nicht die Analyse, wer im Gesundheitssystem an welchen Bereichen Profit macht, und ob z. B. durch bessere Ernährung in Kitas und Schulen und deutlich ausgebauten Sportunterricht in Schulen die Menschen langfristig gesünder wären und dadurch auch deutliche Kostensenkungen im Gesundheitssystem zu erwarten wären.
  • Leserbrief von Franz Diehl aus Dresden (20. November 2025 um 10:30 Uhr)
    Einmal mehr will die Regierung ihre Probleme auf Kosten der Bürger lösen. Was bisher ein Grundbedürfnis war, soll nun zum Luxus werden. Schuld daran ist in erster Linie der Kanzler. Sein Wahlversprechen »Kein Leben auf Pump« hat sich für Friedrich Merz als nicht realisierbar erwiesen. Deutschland startet mit Rekordschulden ins Jahr 2026: Rund 170 Milliarden Euro will der Staat an Krediten aufnehmen. Die gescheiterte Finanzpolitik des Bundeskanzlers hat zur Folge, dass die Steuermehreinnahmen der kommenden Jahre vollständig für den Schuldendienst aufgewendet werden müssen. Für Wirtschaftsentwicklung, Bildung oder das Gesundheitswesen bleiben somit keine Mittel übrig, was für Deutschland verhängnisvoll ist.
    Die Reden von Merz sind voll von Versprechen und Rechtfertigungen, doch in Wirklichkeit steht das Land am Rande einer tiefen Krise. Die schwarz-rote Koalition unter der Führung des Bundeskanzlers, die nach dem Ampel-Aus Hoffnung auf eine strahlende Zukunft geweckt hatte, hat sich im Zanken verloren und unterscheidet sich kaum von ihren Vorgängern. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Bevölkerung bereits von der aktuellen Regierung enttäuscht ist. CDU/CSU und SPD stecken in der Krise, verlieren in den Meinungsumfragen und werden von der Oppositionspartei AfD überholt, die immer mehr Wähler anzieht.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich Hopfmüller aus Stadum (19. November 2025 um 21:11 Uhr)
    In der jW vom 17.11.2025 hat Theo Wentzke »Über das ›notwendig falsche Bewusstsein‹ der ›Charaktermasken‹ der kapitalistischen Produktionsweise« geschrieben. Falsches Bewusstsein ist notwendig, wenn auch nicht hinreichend, für eine Funktionärin einer Regierung in diesem System. Dazu gehört auch, die Ware Arbeitskraft als Ware zu behandeln – ökonomisch wie medizinisch. Fehlerhafte Ware wird repariert oder umgetauscht, so steht es in der Garantieerklärung. Von »Daseinsvorsorge« steht da nichts. Was da steht, ist die Reservearmee (systemimmanenter Code: Fachkräftemangel): Zum Umtausch bereit. Apropos Daseinsvorsorge: So was hat es früher mal gegeben. Heutzutage kaufst du dein Wasser bei Nestlé, die Atemluft auch bald, was du durch die Brille machst, landet im Cross-Border-Leasing (»Das Leben ist wie eine Brille, man macht viel durch«). Ach, da war doch noch was: Verdinglichung, Warenfetisch … Ob der PatientIn am Krankenbett des Kapitalismus irgendwann die »patientia« ausgeht?

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