Die letzten Brücken
Von Carmela Negrete
Ausgerechnet das, was man in der »freien Welt« gerne Diktatoren vorwirft, nämlich Medien den Betrieb zu untersagen oder Kultur zu lenken, scheint sich nun in bezug auf alles mit russischem Ursprung abzuzeichnen. Doch wie sollen sich die Menschen nach dem Krieg in der Ukraine wieder verständigen, wenn schon jetzt alle Kanäle abgebrochen und gekappt werden? Und wie soll verhindert werden, dass sich neue Feindschaften zwischen den Bevölkerungen in Europa entwickeln, wenn Kulturzentren in den politischen Streit hineingezogen werden und sie nicht mehr als Vermittler von Sprache, Geschichte und Kultur wirken dürfen? Diese Fragen werden auch in den kommenden Jahren von Bedeutung sein, nicht zuletzt im Hinblick auf das Russische Haus der Kultur und Wissenschaft in Berlin.
Für jemanden, der das Russische Haus in der Friedrichstraße noch nie betreten hat, wirkt es überwältigend: sieben Stockwerke mit insgesamt 29.000 Quadratmetern Nutzfläche. Das damalige »Haus der sowjetischen Wissenschaft und Kultur« wurde 1984 als Geschenk der DDR an die Sowjetunion eröffnet. Schon allein das Design durch den damaligen Stararchitekten Karl-Ernst Swora rechtfertigt einen Besuch. Man fühlt sich in eine andere Zeit versetzt, etwa im großen Kinosaal mit alten Kinematographen und Filmrollen oder im Theatersaal, wo klassische wie moderne russische Stücke aufgeführt werden. Weder für das Kino noch für das Theater oder Konzerte wird hier übrigens Eintritt verlangt.
Rund 500 Schülerinnen und Schüler nehmen hier gleichzeitig Russischunterricht. Rechts neben dem Eingang werben Plakate für Mal- und Töpferkurse. Auch der Kunstunterricht findet in russischer Sprache statt und erleichtert so den Spracherwerb. Jeden Mittwoch um 19 Uhr gibt es außerdem einen kostenlosen Sprachklub für Russischlernende. Dort treffen sich Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern, die Russisch lernen wollen oder es bereits beherrschen –, um miteinander ins Gespräch zu kommen.
Der Unterhalt des Hauses, von der Instandsetzung bis zur Reinigung und zum Personal, wird von Russland getragen, so wie auch der deutsche Staat seine Goethe-Institute im Ausland finanziert. Einzige Ausnahme: Die Grundsteuer muss das Russische Haus nicht entrichten, da das Grundstück der Bundesrepublik gehört. So ist es im Abkommen geregelt. In den vergangenen Monaten wurden in der Berliner Politik Stimmen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen laut, die forderten, das Kulturzentrum zu schließen, da dort angeblich russische Propaganda betrieben werde. Auch Politiker der Linkspartei blasen in dieses Horn. So erklärte der stellvertretende Berliner Parteichef Maximilian Schirmer Ende Juni gegenüber der Berliner Zeitung, man müsse prüfen, »ob der Betrieb einer russischen Propagandainstitution in Deutschland geduldet werden muss«. Gerne hätten wir mit ihm gesprochen, um genauer zu erfahren, was er damit meinte, doch eine Anfrage von jW blieb unbeantwortet.
Der Leiter der Institution, Pawel Iswolski, zeigte sich zuversichtlich, dass die Debatte um das Haus »wahrscheinlich lediglich eine Polemik in den Medien« sei. »Das Russische Haus in Berlin funktioniert auf Grundlage des Abkommens zwischen beiden Regierungen«, erklärte er gegenüber dieser Zeitung. »Von der Bundesregierung haben wir keinerlei Informationen erhalten, dass man mit uns unzufrieden wäre«, betonte er. Auch sein Ansprechpartner, das Auswärtige Amt, habe sich »nie zu unserer Tätigkeit oder unserem Programm geäußert oder gesagt, dass irgend etwas nicht stimmt«. Alles andere seien, so Iswolski, »politische Spekulationen«. Er vermutete, dass »manche Journalisten, Abgeordnete und Politiker versuchen, sich mit diesem Thema Pluspunkte zu verschaffen und es eher für ihre eigenen Zwecke nutzen«.
Dass eine Schließung des Hauses grundsätzlich möglich wäre, lässt sich aus Antworten deutscher Behörden herauslesen. jW wollte vom Kulturstaatsminister Wolfram Weimer wissen, wie seine Institution die aktuelle Diskussion über eine mögliche Schließung des Russischen Hauses in Berlin bewertet, welche Rolle dieses in den Kulturbeziehungen mit Russland spielt und welchen Stellenwert der kulturelle Austausch zwischen Russland und Deutschland heute hat. Überraschenderweise kam jedoch keine Antwort aus dem Kultusministerium. Statt dessen wurde unsere E-Mail an das Auswärtige Amt weitergeleitet, das über den Krieg in der Ukraine und über Sanktionen schrieb – also Themen, die wir in unserer Anfrage gar nicht erwähnt hatten.
Sanktionen versus Kultur
»Russland führt seit mehr als drei Jahren einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die gesamte Ukraine«, so das Auswärtige Amt. »Bei den brutalen russischen Angriffen kommt es immer wieder zu vielen Opfern und schweren Schäden an der zivilen Infrastruktur«, zusätzlich verstoße Russland »klar gegen das Gewaltverbot der Charta der Vereinten Nationen und das humanitäre Völkerrecht«. Und weiter erklärte das Auswärtige Amt, dass die Stiftung für die Unterstützung und den Schutz der Rechte von im Ausland lebenden Landsleuten (Prawfond) von der Föderalagentur für Angelegenheiten der GUS, für Fragen der im Ausland lebenden Mitbürger und für internationale humanitäre Zusammenarbeit (Rossotrudnitschestwo) gemeinsam mit dem russischen Außenministerium gegründet worden sei. Ziel sei es gewesen, »neben der Rechtshilfe für im Ausland lebende Personen auch Narrative der russischen Regierung unter diesen zu verbreiten«. Die Stiftung diene »ebenso wie auch Rossotrudnitschestwo selbst, welches das Russische Haus in Berlin betreibt, der Verbreitung von Propaganda und Desinformation«. Das Ministerium verweist zudem darauf, dass die Europäische Union gemäß der EU-Verordnung 269/2014 restriktive Maßnahmen gegen die »Stiftung für die Unterstützung und den Schutz der Rechte von im Ausland lebenden Landsleuten« und Rossotrudnitschestwo verhängt habe, »um die Verbreitung entsprechender Propaganda durch russische staatliche Stellen zu verhindern«.
Doch das Russische Haus gibt es seit 41 Jahren. Es wurde lange vor dem Ukraine-Krieg eröffnet, als die Ukraine noch Teil der Sowjetunion gewesen ist. »Unsere Hauptmission hat sich seit unserer Gründung eigentlich kaum geändert, denn wir sind vor allem Botschafter der russischen Sprache, der russischen Kultur und der russischen Wissenschaft«, erklärte Leiter Iswolski gegenüber jW. »Wir ermöglichen, dass die Berliner sich mit der russischen Sprache, der russischen Kultur und der russischen Wissenschaft vertraut machen können.«
In der Antwort des Auswärtiges Amtes findet sich noch eine Bemerkung zu historischen Themen, die im Russischen Haus behandelt werden: »Die Bundesregierung lehnt jede propagandistische Instrumentalisierung des Zweiten Weltkriegs durch Russland als Rechtfertigung des völkerrechtswidrigen russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine klar ab und stellt sich gegen geschichtsrevisionistische Verfälschungen, die von russischer Propaganda ausgehen«. Was für ein Verständnis vom Gedenken an den Zweiten Weltkrieg, bei dem die meisten Opfer Sowjetbürger waren, beim Auswärtigen Amt herrscht, hat sich gerade in diesem 80. Jahr des Kriegsendes und Sieges über den Nazifaschismus beispielhaft gezeigt.
Wann und wo angeblich revisionistische Diskurse, die den Krieg in der Ukraine rechtfertigen würden, im Russischen Haus stattgefunden hätten, wird nicht näher erwähnt. Dagegen erklärt Iswolski: »Man kann auf unserer Webseite und auf unseren Social-Media-Kanälen unser Programm anschauen und sehen, was wir hier so tun.« Für September stehen ein Konzert der Neuen Philharmonie, die auch in den Räumlichkeiten des Gebäudes gewöhnlich übt, eine Reihe über den Dichter Alexander Puschkin in Originalsprache mit Untertitel sowie eine Ausstellung über russische moderne Kunst auf dem Programm. Im Oktober wird eine Ausstellung über Russen im Widerstand gegen die Nazis eröffnet. Alles eintrittsfrei. »Je lauter ein Politiker gegen das Russische Haus schreit, desto weniger weiß er über unsere Arbeit«, versicherte Iswolski während unseres Gesprächs in seinem Büro in der Friedrichstraße 176–179. Beste Lage, weshalb das Haus fraglos auch auf dem Immobilienmarkt auf großes Interesse stößt.
Bärendienst für den Frieden
Der einzige Teil der Antwort, der etwas mit dem eigentlich erfragten kulturellen Austausch zu tun hat, wird von der deutschen Regierung so beantwortet: »Die kultur- und gesellschaftspolitische Tätigkeit in Russland ist seit dem Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine für Deutschland sehr schwierig, da Deutschland von russischen Behörden als ›unfreundlicher Staat‹ behandelt wird und russische Gesetze die Zusammenarbeit mit sogenannten ›ausländischen Agenten‹ massiv einschränken.« Doch über die drei deutschen Goethe-Institute in Moskau, St. Petersburg und Nowosibirsk, die ähnlich wie das Russische Haus in Berlin als Vermittler von Sprache und Kultur fungieren, hat man bislang keine derartigen Beschwerden vernommen. Das Russische Haus arbeitet zudem nach einem Abkommen, das seine Arbeit und die dieser drei Goethe-Institute in Russland regelt.
Journalisten und Politiker, die das Haus kritisiert und seine Schließung gefordert haben, würden die dort geleistete Arbeit nicht kennen und seien meisten gar nicht vor Ort gewesen, erklärte Pawel Iswolski. Anders der Berliner BSW-Abgeordnete Alexander King, der Anfang Juli das Haus besuchte. »Das BSW hat hier eine ganz klare gegenteilige Position, denn wir wollen nicht, dass auch noch der letzte Gesprächsfaden nach Russland abgerissen wird«, schrieb er in einer Erklärung. Er betonte außerdem: »Wir werden immer mit Russland leben müssen und wollen. Auch nach dem Krieg wird es unser Nachbar und das größte Land Europas sein.« Das Bestreben, jede Verbindung zu kappen, nach den wirtschaftlichen nun auch die kulturellen, lehne das BSW ab. King setze sich dafür ein, dass das Russische Haus weiterarbeiten kann und nicht permanent in Frage gestellt werde. Sein Besuch im Russischen Haus und das Erkunden des kulturellen Angebots hätten ihm vor Augen geführt, »wie wichtig der zivilgesellschaftliche und kulturelle Austausch ist, den das Haus ermöglicht«. Wenn dieser aber beendet werde, so King, »wird das keinerlei Auswirkung auf den Krieg in der Ukraine haben und schon gar nicht zu seinem Ende beitragen«. Vielmehr wäre es, so der Berliner Politiker, »ganz sicher keine Maßnahme, die dem Frieden dient«.
Leiter Iswolski sieht es ähnlich: »Wenn man die Sprache, aber auch nicht nur die Sprache, sondern auch die Kultur der anderen Menschen kennt, dann ist es viel einfacher, mit ihnen zu kommunizieren.« Man habe dann »weniger Angst, weniger Vorurteile und Mythen, und es ist viel einfacher, Kontakte aufzubauen«. Andersherum gelte: »Wenn man wenig kennt, beginnt man, Angst zu haben.« Man müsse nur auf die Weltkarte schauen, wo Deutschland und Russland liegen: »Sie werden immer fast Nachbarn sein, sie werden immer da sein … und auch alle Verbindungen werden irgendwann wiederhergestellt.« Dafür brauche es »Menschen in Russland, die Deutsch lernen, sowie Deutsche, die auch in Deutschland Russisch lernen«.
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