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Aus: Ausgabe vom 29.08.2025, Seite 4 / Inland
Nord-Stream-Anschläge

Die sieben Saboteure

Neues von den Nord-Stream-Anschlägen: Deutsche Behörden wollen alle direkt Beteiligten identifiziert haben
Von Kristian Stemmler
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Dunkel war’s, der Mond schien helle: Zu den Pipelines bitte hier entlang

Die Festnahme des Ukrainers Sergij K. in Italien bringt wieder ein wenig Bewegung in die Berichterstattung über die Ermittlungen zu den Hintergründen der Anschläge auf die Nord-Stream-Pipelines. Der Version der Ereignisse, auf die sich deutsche Behörden und angeschlossene Medien festgelegt haben, werden einige weitere Pinselstriche hinzugefügt. Kurz vor dem dritten Jahrestag der Anschläge wollen deutsche Ermittler sämtliche Personen identifiziert haben, die 2022 zu dem Kommando, das die Anschläge ausgeführt hat, gehört haben sollen. Es handelt sich demnach um sieben Männer und Frauen, alle aus der Ukraine.

Ein Verdächtiger sei im Dezember 2024 in der Ostukraine im Kampf gegen russische Truppen getötet worden; gegen die übrigen sechs seien Haftbefehle erwirkt worden, von denen einer bereits vollstreckt worden sei. Das berichtete am Mittwoch der Rechercheverbund aus Zeit, Süddeutscher Zeitung und ARD, der augenscheinlich beste Verbindungen zu den Ermittlern und den diversen Diensten hat.

Das Kommando soll nach diesen Erkenntnissen aus einem Skipper, einem Koordinator und Leiter, nämlich Sergij K., einem Sprengstoffexperten und vier Tauchern bestanden haben. Die Ermittlungen hätten den Verdacht erhärtet, dass die Gruppe vom ukrainischen Staat unterstützt wurde – unter anderem, weil diese Personen mit echten ukrainischen Personaldokumenten unterwegs waren, die aber falsche Identitäten auswiesen.

Die Süddeutsche Zeitung unkte, die Ermittlungsergebnisse könnten »Wellen schlagen«. Tatsächlich ist davon nichts zu merken. Eher entsteht der Eindruck, dass mit diesen dosierten Informationen die 2023 ins Spiel gebrachte »ukrainische Spur« unterfüttert werden soll, von der manche Beobachter sagen, sie diene dazu, von den eigentlichen Verantwortlichen abzulenken. Der US-Investigativjournalist Seymour Hersh vertrat bereits 2023 unter Berufung auf eigene Quellen die Ansicht, von einem norwegischen Stützpunkt aus operierende US-Marinetaucher hätten die Sprengsätze angebracht. In westlichen Medien war nach den Anschlägen zunächst versucht worden, den Verdacht gegen Moskau zu lenken. Als sich das als offensichtlich unhaltbar erwies, wurde die Spur in die Ukraine präsentiert.

Politische Folgen soll diese Spur aber nicht haben. Die Süddeutsche versichert, dass man im Bundeskanzleramt scharf zwischen dem »rechtsstaatlichen Verfahren« einer unabhängigen Justiz und der »unerschütterlichen politischen Unterstützung« der Ukraine unterscheide. Das hochsensible Thema habe bei den bisherigen Gesprächen der neuen Bundesregierung mit der ukrainischen Regierung keine Rolle gespielt. Von einem »Beben im politischen Berlin« kann also keine Rede sein.

Dazu passt die Reaktion einer Ministeriumssprecherin auf eine Frage von Florian Warweg vom Portal Nachdenkseiten in der Bundespressekonferenz am Mittwoch. Warweg hatte wissen wollen, ob die Festnahme von K. sowie die mögliche Involvierung ukrainischer Stellen beim Treffen von Finanzminister Lars Klingbeil mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodomir Selenskij eine Rolle gespielt hätten. Und ob die Bundesregierung, wenn sich diese Involvierung bestätige, die finanzielle Unterstützung für die Ukraine streichen werde. Die Sprecherin ging darauf nicht näher ein. Ob die Festnahme Thema des Gesprächs gewesen sei, könne sie nicht sagen.

Sergij K. sitzt seit seiner Festnahme im Gefängnis in Rimini und lässt über seinen Anwalt alle Vorwürfe zurückweisen. Die italienische Justiz will kommende Woche über seine Auslieferung nach Deutschland entscheiden. Einen zweiten Verdächtigen, Wsewolod K., führe die Polizeibehörde von Kiew seit Ende 2024 als »vermisste Person«. Er soll noch 2024 zur militärischen Ausbildung in Deutschland gewesen sein.

An der Version des Tathergangs, die von deutschen Behörden über ausgewählte Medien verbreitet wird, sind mehrfach Zweifel angemeldet worden. So wiesen Tauchexperten darauf hin, dass ein so kleines Kommando von einem so kleinen Schiff aus nicht die schweren Sprengladungen bei schwerer See mit meterhohen Wellen in 90 Metern Tiefe angebracht haben könne. Dafür sei eine tonnenschwere Ausrüstung erforderlich gewesen. Zudem sei das Schadensbild an den über 70 Kilometer auseinanderliegenden Sprengstellen so unterschiedlich, dass von unterschiedlichen Teams ausgegangen werden müsse.

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (29. August 2025 um 10:08 Uhr)
    Der Auftrag war märchenhaft geheim und zugleich erschreckend schlicht: Sieben Freiwillige sollten zu sieben Saboteuren werden. Und weil in jedem Märchen ein Schneewittchen nicht fehlen darf, stand an ihrer Spitze kein anderer als Schneewittchen Selenskij, der stets eine weiße Weste zu tragen wusste – gleichgültig, wie dunkel die Gewänder der Wirklichkeit auch schimmerten. Der reiche Auftraggeber, verborgen hinter schweren Vorhängen, überwies angeblich siebzig Millionen Goldtaler an Schneewittchen. Dieser behielt den Löwenanteil und reichte einen kleinen Teil, nämlich sieben Millionen, weiter an seinen geheimnisvollen Hofzauberer Budanow, der mit leisem Flüstern und langen Schatten das Kommando führte. Die sieben Saboteure stammten aus den Kulissen des großen Filmreiches, in dem Selenskij einst Regisseur und Hauptdarsteller zugleich gewesen war. Schauspieler waren sie – geübt darin, mit ernsten Gesichtern alles zu bekennen, was man ihnen ins Drehbuch schrieb. Ein jeder erhielt für seine Rolle hunderttausend Taler, vorausgesetzt, er ließ sich glaubhaft erwischen. Und so sprach man: Ihr Auftrag sei die Sprengung. Doch in Wahrheit bestand ihre größte Kunst darin, mit schauspielerischer Inbrunst die vorgeschriebenen Geständnisse abzugeben. Denn das eigentliche Werk war weniger die Tat als die Erzählung darüber. Das Zauberwort dieser Geschichte lautete: »Gefangenenaustausch«. Denn sollte der Vorhang gefallen sein, versprach man, dass ein diplomatischer Handel sie bald wieder aus den Kerkern befreien werde. Und siehe: Noch während die Ermittlungen wie ein müdes Mühlrad im Kreise liefen, schien gewiss zu sein, dass die deutschen Behörden dieses postmoderne Märchen mit Freuden glauben wollten. Warum auch nicht? Auch sie wurden reichlich entlohnt und waren am liebsten an Geständnissen interessiert, die zum gewünschten Erfolg passten.
  • Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude (29. August 2025 um 02:31 Uhr)
    Das also ist die vorgetäuschte kriminalistische Kombinationsgabe der Untersuchungsbehörden in einem Land, welches die ARD bis zum Erbrechen jahrzehntelang mit Folgen des »Tatort« überfütterte. Mein Großvater, der im Kaiserreich und der Weimarer Republik Kriminalkommissar war, würde sich im Grabe umdrehen. Es ist doch nun allbekannt, dass Täter falsche Spuren legen, dass man in Kriegszeiten sogar große militärische Verbände bewusst in eine falsche Richtung lenkt, um den Gegner vom eigentlich geplanten Tatort abzulenken. Die Version mit dem Segelboot nicht nur zu behaupten, sondern real als Theatervorstellung zu inszenieren, stellt da vom Aufwand her keine große Aufgabe dar. So gesehen wäre es auch möglich, dass man die Ukrainer tatsächlich ein wenig reisen und tauchen ließ, dass die da unten auch etwas anbrachten, aber nicht die Menge, welche die Leitungen zerstörte. Dies alles nur, damit sie später vor Gericht sogar die Wahrheit sagen können und die eigentlichen Täter reinwaschen. Sachverständige werden sich finden lassen, die aussagen, dass die Menge des Sprengstoffs auf dem Boot ausreichte. Damit werden zwar die Gesetze der Physik nicht außer Kraft gesetzt. Aber die Physik hat sich auch nicht in die Entscheidungsfreiheit deutscher Gerichte einzumischen. Es ist schwierig, wenn Regierung, Massenmedien und Justiz in einer Einheitsfront gerade im Fall des Ukrainekrieges oder der Sprengung der Gasleitungen offiziell bestimmte Dinge, Ursachen, Schuldige nicht beim Namen nennen, obwohl bei der engmaschig überwachten Ostsee alle notwendigen Informationen bereits seit Jahren vorliegen. Aber sind sie da nicht übervorsichtig? Die Unterstützung der Ukraine geht ja trotz dieser Version weiter. Es gibt in der deutschen Bevölkerung keinen spürbaren Protest dagegen. Den würde es auch nicht gegen eine weitere Mitgliedschaft in der NATO unter Führung der USA geben, wenn man klar die USA als Initiator benennen würde.
  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (28. August 2025 um 22:02 Uhr)
    »Sieben auf einen Streich.« Toll! Das alte Kindermärchen in einer aktualisierten Politneufassung, nun auch maßgeschneidert für alliierte Erwachsene. Jedoch gefällt mir die alte Version wesentlich besser. Das liegt wahrscheinlich daran, dass Kinder klüger und kritischer sind als über Jahrzehnte hinweg bündnismedial deformierte Erwachsene, denen längst jegliche Phantasie abtrainiert worden ist, um noch zwischen dem Wahrheits- und Weisheitsgehalt von Märchen und der narkotisierenden Langzeitwirkung von Fake Trash unterscheiden zu können.

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