Aus eigener Kraft
Von Hellmut Kapfenberger
Als am 2. September 1945 in der Hauptstadt Hanoi der gerade berufene Ministerpräsident Ho Chi Minh die Unabhängigkeit Vietnams und die Gründung einer demokratischen Republik verkündete, feierte das Land das Resultat einer siegreichen Revolution. Seit Ende des 19. Jahrhunderts war das Land von Frankreich kolonial geknebelt und zudem seit 1940/41 wie ganz Indochina von japanischen Truppen okkupiert. Doch Anfang 1945 hatte sich eine Lage entwickelt, die die seit Beginn der 30er Jahre zunehmend organisiert agierenden patriotischen Kräfte – vereint in der 1941 auf Initiative der Indochinesischen KP (IKP) gegründeten und von Ho Chi Minh geführten Liga für die Unabhängigkeit Vietnams (Viet Minh) – zu dem Schluss gelangen ließ, dass die Bedingungen für einen landesweiten allgemeinen Aufstand herangereift waren.
Anfang März beschloss die IKP-Führung in den Hütten ihres illegalen Quartiers im Viet Bac, Teil des gebirgigen Nordens, das Volk für politische Massenaktionen zur Vorbereitung des Aufstands gegen die Kolonialverwaltung und das von Frankreich installierte und von den Japanern geduldete Marionettenregime unter Kaiser Bao Dai in Hue zu mobilisieren. Landesweit wurden in Gemeinden, Kreisen und Provinzen Befreiungskomitees gebildet. Im April beschloss eine Militärkonferenz, die zersplitterten bewaffneten Kräfte unter dem Kommando eines von Vo Nguyen Giap (der spätere Armeegeneral und langjährige Verteidigungsminister hatte ab Ende 1944 die erste militärische Einheit kommandiert) geleiteten Militärkomitees zu einer Befreiungsarmee zusammenzufassen und örtliche Selbstverteidigungs- und Milizeinheiten aufzustellen. Vielerorts im Lande entbrannte daraufhin der Partisanenkampf.
Die entscheidende Stunde
Mit Japans Kapitulation am 14. August stand dessen 38. Armee auf verlorenem Posten. Eine IKP-Konferenz im Viet Bac beschloss die Bildung eines Nationalen Aufstandskomitees und rief mit dem Appell »An die Soldaten und Patrioten im ganzen Land« zur Revolution auf. Am 16. August beriefen auf einem von der Viet Minh organisierten Nationalen Volkskongress Abgesandte aus dem ganzen Land und aus allen Bevölkerungsschichten ein Nationales Befreiungskomitee als provisorische Regierung ins Leben. Der Kongress verabschiedete einen Zehn-Punkte-Aktionsplan, dessen erster Punkt lautete: »Übernahme der Macht, Gründung einer demokratischen Republik Vietnam auf der Basis völliger Unabhängigkeit.« In der folgenden Nacht machten sich die Delegierten und Scharen von Kurieren auf, um die Botschaft in das Land zu tragen. Das Befreiungskomitee erließ den Appell: »Landsleute! Die entscheidende Stunde für das Schicksal unseres Landes hat geschlagen. Befreien wir uns aus eigener Kraft!«
An den folgenden Tagen überschlugen sich die Ereignisse, in Städten und Dörfern erhob sich die Bevölkerung. Befreiungsarmee, Partisanen, Selbstverteidigungseinheiten und örtliche Milizen traten in Aktion. Das Kommando der Befreiungsarmee konnte den Zustrom von Freiwilligen kaum bewältigen. Aus einer bis dahin nur rund 5.000 Mann zählenden Streitmacht wurde schlagartig eine dank reichlich militärischem Beutegut gut bewaffnete Armee von 50.000 Mann. Japanische Posten, Stützpunkte und Garnisonen wurden überrannt oder streckten die Waffen. Bao Dais Truppen ergaben sich oder liefen über.
Der Aufstand erfasste binnen Tagen ganz Vietnam, vom äußersten Norden bis ins Mekongdelta, überall wurden die alten Verwaltungen davongejagt. Mitte August wurde das ausgedehnte Delta des Roten Flusses von einer durch tropische Regengüsse ausgelösten Überschwemmungskatastrophe heimgesucht. Dennoch siegte auch dort der Aufstand, am 19. August stürzte das alte Regime im Deltazentrum Hanoi. Bis zum 22. August triumphierten die patriotischen Kräfte in 18 Provinzstädten, am 23. August waren weitere 17 Provinzstädte befreit, bis zum 28. August kamen noch einmal 19 Provinzzentren in die Hand der Befreiungskräfte. Damit hatten das aufständische Volk und seine bewaffneten Kräfte fast das ganze Land mit Ausnahme von ein paar Grenzstädten im Norden unter ihre Kontrolle gebracht.
Nationale Einheit
In einem Beute-Pkw verließ der schon lange gesundheitlich angeschlagene Ho Chi Minh mit Mitgliedern seiner provisorischen Regierung und der Parteiführung am 25. August das Viet Bac unter strengen Sicherheitsvorkehrungen in Richtung Hanoi. Dort musste mit Spitzeln, untergetauchten Feinden der neuen Ordnung und Mordanschlägen gerechnet werden. In der dichtbewohnten, von einem Netz schmaler Straßen durchzogenen Altstadt fanden Ho Chi Minh und Gefährten bei einem Stoffgroßhändlerehepaar inkognito Unterkunft, das bereit war, einige »Führer der Viet Minh« konspirativ zu beherbergen. Am folgenden Tag billigte dort das Nationale Befreiungskomitee Hos Vorschlag, eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden. Am 29. August konstituierte sich ein provisorisches Kabinett, etwa zur Hälfte aus Viet-Minh-Vertretern bestehend. Regierungschef und Außenminister wurde Ho Chi Minh, Pham Van Dong (ab 1955 lange Jahre Ministerpräsident Vietnams) wurde Finanzminister, Vo Nguyen Giap übertrug man die Innenpolitik.
Nachdem neu gegründete Zeitungen in der Hauptstadt die Unabhängigkeitszeremonie mit Ho Chi Minh angekündigt hatten, drängten sich seit den frühen Morgenstunden des 2. September 1945 auf dem Ba-Dinh-Platz und in den angrenzenden Straßen nahezu eine Million Menschen. Umgeben von Kampfgefährten verlas Ho Chi Minh von einer Tribüne herab die von ihm per Schreibmaschine – seit Jahren unverzichtbarer Bestandteil seiner wenigen Habseligkeiten – zu Papier gebrachte »Erklärung über die Unabhängigkeit der Demokratischen Republik Vietnam«.
»Geburtsort« der Viet Minh
Eines Morgens Anfang Februar 1941 überquerte Nguyen Ai Quoc, von einem Trupp junger Revolutionäre begleitet, auf glitschigen Gesteins- und Dschungelpfaden von der chinesischen Provinz Guangxi aus die Grenze zur vietnamesischen Gebirgsprovinz Cao Bang. Er wollte trotz aller Gefahren auf heimatlichem Boden und in engem Kontakt mit der illegalen Inlandsführung der Indochinesischen KP (IKP) für die revolutionäre Bewegung wirken. Ein Vortrupp hatte als Unterschlupf von »Vater Thu« und seinen Begleitern eine von Vegetation gut getarnte feuchte Kalksteinhöhle erkundet. Auf die meisten der in der Gegend siedelnden Angehörigen ethnischer Minderheiten war dank deren Hass auf koloniale Unterdrücker und Besatzer Verlass. Sie schützten vor verräterischer »Neugier« und warnten vor französischen Patrouillen. Die geräumige Höhle wurde im Mai 1941 »Geburtsort« der Viet Minh und blieb bis April 1942 das »Domizil«. Dann konnte an anderem sicherem Ort in Cao Bang das Führungszentrum in primitiven Hütten etabliert werden.
Nguyen Ai Quoc war 1920 durch seine Kontakte mit den Sozialisten in Paris bei deren Spaltung eines der ersten Mitglieder der Französischen KP geworden. Nach einem Moskau-Aufenthalt 1923/24 initiierte er im Auftrag der Komintern im Februar 1930 die Gründung der IKP in Hongkong. Im Juni 1931 wurde er dort von der britischen Spezialpolizei gefasst und war als »Agent Moskaus« bis September 1932 in Kerkerhaft, bis er schließlich mit Unterstützung einflussreicher britischer Persönlichkeiten freigelassen wurde und zu Freunden in China fliehen konnte. Im August 1942 brach er, nun unter dem Namen Ho Chi Minh, zu einem wochenlangen Fußmarsch auf, um in China den Beistand der KPCh zu gewinnen. Doch die Guomindang-Polizei fasste den »Spion«. Die Folge: 80 Tage Marsch in Ketten durch Guangxi, Haft in 30 Kerkern, dann Militärgewahrsam, teils mit Vorzugsbehandlung, aber auch mit dem Versuch der Indoktrination. Ein überzeugend vorgetäuschter politischer Sinneswandel verhalf ihm Anfang August 1944 zur Freilassung. Im September erreichte er wieder Cao Bang.
Hellmut Kapfenberger
75 für 75
Mit der Tageszeitung junge Welt täglich bestens mit marxistisch orientierter Lektüre ausgerüstet – für die Liegewiese im Stadtbad oder den Besuch im Eiscafé um die Ecke. Unser sommerliches Angebot für Sie: 75 Ausgaben der Tageszeitung junge Welt für 75 Euro.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Ähnliche:
- picture alliance / SZ Photo04.07.2025
»Asien steht an der Elbe«
- Richard Vogel/AP/dpa02.05.2025
50 Jahre frei
- AGB Photo/IMAGO29.04.2025
Friedlicher Schlussakt
Regio:
Mehr aus: Geschichte
-
Anno … 36. Woche
vom 30.08.2025