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Aus: Ausgabe vom 28.07.2022, Seite 12 / Thema
75 Jahre junge Welt

Pegasus und Gaul Geschichte

Die Lyrik- und Poetenbewegung der DDR. 75 Jahre junge Welt. Ein Blick zurück (Teil 4.2 von 6)
Von Burga Kalinowski
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»Eine Woche im Jahr durfte der junge Poet sich völlig normal fühlen. (…) Es war der wunderbarste Ort der Welt. Heute ist er ebenso fiktiv wie Fiddler’s Green oder das Land hinter dem Spiegel« (Heidrun Jänchen). Das Schweriner Poetenseminar in den 1970er Jahren

Die Zeitung von gestern – Schnee von gestern, sagen Presseleute. Eine Zeitung von vor 75 Jahren dagegen ist eine zeitgeschichtliche Fundgrube: Krieg und Leben danach. Menschen in Not, Menschen mit Hoffnung wie am 30. Mai 1946, als im Prater in der Berliner Kastanienallee die »Volksbühne des Hebbeltheaters« eröffnet wird. Ernst Busch singt, auch das Solidaritätslied – »Vorwärts und nicht vergessen« –, die Schlusszeile: »Wessen Welt ist die Welt?« Um die Antwort gehen die Kämpfe in allen Zeiten. Heute wieder. Die Frage führt nach dem heißen Krieg damals auch zum Kalten Krieg. Kampf der Systeme und Kampf um die Köpfe. Aus dem besiegten Deutschland werden Zonen, dann zwei Länder – geteilt wie die Welt. Im Archiv der jungen Welt gehe ich Band für Band durch die Jahre: 1947, 1950, die 60er und 70er, 1989. Blättern quer durch vier Jahrzehnte: »JW im Rückspiegel der Zeit«.

»Vor uns, über uns wuchs die Riesenkulisse des Schlosses hoch, diese herrlich- durchlauchtigste-mecklenburgische-Großträumerei-aus-St.-Petersburg-Buckingham-Louvre-Schönbrunn-mit-Zuckerl-in-Sandstein« – so beschreibt Jo Schulz, Schriftsteller, Kabarettist und Seminarleiter, den pompösen Arbeitsort. Jedes Jahr im August reisten über 100 Mädchen und Jungen an, nahmen Logis im Schloss und machten sich ans Dichten, Studieren, Debattieren: Poetenseminar in Schwerin. 1970 begonnen, wurde es ein bisschen Institution und blieb, was es von Anfang an war: ein unbekümmertes Dichtertreffen. Bekannt wie ein bunter Hund.

Ich bin neugierig auf die Erinnerungen meiner Gesprächspartner. Kann sein, dass in kulturpolitischen Reden oder leitartiklerisch der intensive Erfahrungsaustausch »unserer jungen Poeten« hervorgehoben wurde – mit »Anerkennung für ihren Anteil bei der weiteren Gestaltung der sozialistischen Kultur«. Na und? Das war es auch, vor allem aber war es geliebte Schreiberei und Ferien mit Gleichgesinnten. Viele wurden Freunde, manche sind es noch. Bei wochenlangen detektivischen Telefon- und Vor-Ort-Recherchen hörte ich oft: Sagen Sie xy einen schönen Gruß von mir. Nicht alle habe ich gefunden. Einige Teilnehmer oder Seminarleiter wollen heute nicht mehr davon sprechen, mit anderen ich nicht, mancher ist gestorben, andere Ehemalige wohnen einfach zu weit weg.

Subjektivität und Genauigkeit

Wer waren sie? Ich folge den Spuren in der Jungen Welt: Am 19. August 1971, auf Seite fünf ein Gespräch mit jungen Autoren, darunter auch Schwerin-Anwärter. Am nächsten Tag beginnt das zweite Poetenseminar. Im Artikel »Gedichte an der Zimmerwand« stellt Hannes Würtz, bei der JW zuständig für die »Poetensprechstunde«, neun der Jüngsten vor, unter ihnen die 17jährige Oberschülerin Gabriele Eckart, die »im JW-Wettbewerb ›Verse zu einem Foto‹ für ihr Poem ›Auf einen Parteisekretär‹ den 1. Preis erhielt.« Man schreibt, weil man lebt, sagt sie in der Runde. Sie studiert erst Philosophie, dann am Literaturinstitut »Johannes R. Becher« in Leipzig, wird Schriftstellerin. Als die Veröffentlichung kritischer Interviews über das Havelland verhindert wird, kehrt sie 1987 vom Besuch der Buchmesse in Frankfurt am Main nicht in die DDR zurück, sie lebt in den USA. Andere wie Fritz Martin Barber (1955–2021) waren im Lyrikzirkel des Berliner Jugendklubs »Heinrich Heine«. Er studiert ebenfalls am Leipziger Literaturinstitut, wird Gedichte schreiben, als Seminarleiter in Schwerin dem Nachwuchs auf die Sprünge helfen und Filme machen, wie 2017 über einen der letzten lebenden deutschen Widerstandskämpfer in der Résistance. Die Überschrift zum JW-Artikel von 1971 stammt von Barber: Er schrieb seine Gedichte zu Hause auf eine weiße Latexwand.

Auf den Jüngsten in der JW-Runde machte Edwin Kratschmer, »Offene Fenster«-Herausgeber, aufmerksam: Peter Geist, 14 Jahre. Er ist heute Literaturwissenschaftler, hat eine Menge Bücher geschrieben, unter anderem »Ein Molotow-Cocktail auf fremder Bettkante. Ein Lyriklesebuch von Dichtern aus der DDR« (Reclam, Leipzig 1991). Peter Geist weiß fast alles über DDR-Lyrik, kennt die Poetenbewegung. Ich zeige die Zeitungsseite von 1971. »Ach damals … ich hab’ viel Unsinn erzählt.« Und sich auf den Weg gemacht zur Literatur. Wie sie alle. Im Artikel reden sie über ihre Schreibanlässe: eine Bilderserie über Vietnam, der Wunsch, es Klassikern nachzutun, erste Lehrlingserfahrungen im Betrieb, die Umsetzung eines Märchens in Reime, Parkspaziergang. »Fast alle unsere Gesprächsteilnehmer«, stellt Würtz fest, »haben auch den Sprung von der Selbstauseinandersetzung zur Weltauseinandersetzung gewagt und versucht, das große Erlebnis Gegenwart für die Lyrik tragfähig zu machen.« Jahre später schreibt Peter Geist in einem Essay zum Ost-West-Vergleich: »Im Westen die Laberlyrik der ›Neuen Subjektivität‹, im Osten Subjektivität und Genauigkeit.«

Wieder eines dieser Gespräche, bei dem man hinterher heulen könnte, weil es rabiat ans Kürzen geht. Peter Geist kennt das. Auch die Frage, was wichtig ist für ihn. »Ich liebe Gedichte, aber ich habe gemerkt, dass ich kein Lyriker werde.« Im Zirkel Schreibender Arbeiter im Neubrandenburger Haus der Kultur findet er seine Spur: Studiert Deutsch und Geschichte in Leipzig. Lyrik wird sein Thema, besonders Autoren seiner Generation wie Bert Papenfuß, Kathrin Schmidt, Kerstin Hensel, Mensching und Wenzel, Hans Brinkmann – »gültige Stimmen für mich«. Bis auf Papenfuß waren alle im Poetenseminar, als Teilnehmer oder Seminarleiter. »Ich war ein einziges Mal dort. 1989 … ausgerechnet. Da brannte die Luft. Da hatten fast alle schon ihre Ent-Täuschungsgeschichte durch – es bedeutete aber nicht, dass sie sich vom Sozialismus als politischer Orientierung abwandten. Ich glaube, er blieb wichtig als Parameter im Werteraster zwischen Ideal und Wirklichkeit. Für andere möglicherweise schon kein Thema mehr – oder nie gewesen. Wie die Leute vom Prenzlauer Berg und andere. Sie sehen: Lyrik in der DDR war wirklich ein weites Feld, ein sehr weites, und bunt war es auch. Das ist meine Außensicht. Die Implosion der DDR, die Einverleibung Ostdeutschlands in die BRD, wirkte dagegen wie ein Gleichmacher. Nicht im Sinne von Gleichheit, auf Augenhöhe et cetera, mehr ein Plattmacher … das sag’ ich Ihnen: der Biedenkopf-Erlass in Sachsen, die Okkupation durch bayerische Kollegen, der Satz von der ossifreien Germanistik an der Uni und dieser Satz hier: ›Wir brauchen keine Ostdeutschen, wir haben selber Sklaven.‹« Ist nicht wahr! »Doch«, sagt er, alles belegt. Jedenfalls wurden die »Wende« und ihre Folgen eine gemeinsame Lebenserfahrung der DDR-Schreiber – ob arriviert oder Anfänger, ob Underground oder Nationalpreisträger. Nachsatz: Underground wurde von allen ignoriert – auch vom bürgerlichen Feuilleton. Das Neue Deutschland brachte nichts, die Zeit auch nicht.

Die Poetenbewegung ging brav an der politischen Leine, oder was? Peter Geist: »Nein! Wir haben doch alle denken gelernt! Und Zweifel gewälzt – es gab aber eine Grundloyalität, so einen antikapitalistischen Impuls. Natürlich nicht alle … wann gibt es das, ›alle‹ für eine Sache?« Keine Vorgaben? »Wie denn? Wahrscheinlich gab es allgemeine kulturpolitische Wünsche und Themen, zum Beispiel Arbeitswelt, Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte, Orte wie Buchenwald oder Antifaschismus … Ich habe Respekt davor und kann darüber nicht höhnen. Übrigens gibt es nicht einen faschistischen Autoren aus der DDR. Keinen einzigen. Der Begriff ›Verordneter Antifaschismus‹ kam aus dem Westen in den Osten … vielleicht, weil die überhaupt keinen hatten?«

Neugier und Lust

Keine Vorgaben, aber einen Rat für die Woche in Schwerin und fürs Schreibleben gibt Hannes Würtz im Sonderheft des Poesiealbums 1987 – Rilke lesen, die »Briefe an einen jungen Dichter«: »Gebrauchen Sie, um sich auszudrücken, die Dinge Ihrer Umgebung, die Bilder Ihrer Träume und die Gegenstände Ihrer Erinnerung.« Manche brauchen ihren ganzen Mut, andere den Übermut, und manchen wird ganz elend dabei. Anette schreibt im Sonderheft 1982 von schmerzhaften Erfahrungen, dass sie außer Schulstoff kaum gute Lyrik kannte und dass man »jede Zeile, die man schreibt, auch verantworten können muss.« Die »Hoppla-jetzt-komm-ich-Debüts« sind selten. Vor allen Teilnehmern liegt Arbeit, Arbeit, Arbeit.

Ihre Gedichte erzählen von Träumen, beschreiben Ankunft im Alltag oder folgen der Spur der Steine – »siehst Du die Zugvögel, Marie …«, sie zweifeln an allem und setzen Segel der Hoffnung. Immer wieder. Schön war es, wenn Wort und Wirklichkeit sich trafen. Wenn der poetische Anspruch in Gegenwart und Geschichte führt und Titel hat wie »Zilli aus der Blechfabrik« oder »Ich bin das Volk« oder »Erich Mühsam« oder »Störtebeckerballade« oder »Der Geiger« vom Maler Chagall erzählt, und auch so persönlich ist wie »Mutters Tod«. Wenn ein Schlosser über den fünffüßigen Jambus in »Mignons Lied« nachdenkt – und über seine eigenen Verse. Wenn das Gedicht von xy veröffentlicht wird und so in die Krallen der Ewigkeit gerät. Wenn es irgendwann zweimal gelesen wird … dann ist einiges ganz gut gelaufen. Ein denkbares Fazit.

Eigentlich war die Poetenbewegung ein Suchtrupp mit Abenteurern und Entdeckern. Was für Neugierige. Eine Möglichkeit. Visum fürs Dichterleben, vielleicht. Keiner musste. Jeder konnte. Wenn er konnte.

»Schwerin ist die Chance für Begegnungen, Gelegenheit für Poesie und nicht nur für sie, Gelegenheit für die Gelegenheiten, aus denen Poesie werden kann, nicht werden muss«, schreibt Jo Schulz. Im Jubiläumsbuch 1985 »Hoch zu Ross ins Schloss« erinnert er sich an eines der ersten Seminare: »Alle hatten wir die gläsernen Flügeltüren aufgestoßen, da saß nun jeder unterm bunten Sonnenschirm mit seiner Gruppe auf der Schlossterrasse, und das Vogelgezwitscher kam nicht auf gegen das Stimmengewirr von den Tischen. Das Ganze glich – zeitweise jedenfalls – eher einem Literaturmarkt als ernstlicher Diskussion. Es war noch nicht die Zeit der vollgehefteten Ordner und Klemmappen; »Zettels Traum« – mit dem Titel des globalen Sprach-Kunst-Werks von Arno Schmidt gesagt – schien realisiert; es war die Zeit der fliegenden Blätter.« Neugier und Lust auf Leute, Lernen, Leben.

Leute wie Kerstin Hensel. 1979 fährt sie nach Schwerin. Rückblicke. »Ich habe mit Theaterstücken angefangen und war im Dramatikseminar. Schwerin, das war Freiheit im Denken und Machen. FDJ-Einfluss? Ach nee. Mein starker Eindruck für die Zeit, in der ich da war: tolles Leben, freigeistig. Ja, man konnte so sein, wie man als Schreiber/Dichter sein wollte. War angenommen. Man musste nicht proklamieren, fiel aber auf, wenn man sich politisch anders artikulierte – ›da gucken wir mal hin‹, hieß es dann.«

Sie zeigt mir eine Arbeit von der FU Berlin über das Poetenseminar, Material aus allerlei Archiven: viel Organisation, reichlich Arbeitspläne und Akten der BSTU über eine Autorengruppe aus Jena, die u. a. mit Jürgen Fuchs am 74er Poetenseminar teilnimmt, aber Schwerin demonstrativ aus Protest gegen den Rausschmiss eines ihrer Mitglieder verlässt. Die alte Geschichte: wie weit kann Provokation gehen? – für die Betroffenen ein Lebensthema.

Ihre Erinnerung sagt: unglaublich wichtig und schön. Ein anderes Leben. Eine andere Welt als die Alltagswelt in Karl-Marx-Stadt, wo sie aufgewachsen ist. So offen alles. Keine Enge. Ihr erster Schritt in die selbstbestimmte Welt des Schreibens: Zur Jugendweihe 1975 wünschte sich Kerstin Hensel eine Schreibmaschine, »Erika«, so eine kleine transportable. Ich überlege, wie verrückt die 14jährige gewesen sein muss – verrückt nach den eigenen sonderbaren Geschichten, gebannt von dem Klang der Wörter. Staunen über Sehnsucht nach ich-weiß-nicht-was. »Ich wollte immer schreiben. Ich wollte nie Schriftsteller werden.« Nun ist sie es. Absehbar war das nicht, sagt sie. Zu Hause gab es kein Bücherregal, Abitur muss nicht sein, meinten die Eltern, auch wenn der Lehrer immer wieder nachfragt. Sie wird Krankenschwester. Mit 16, 17 Jahren schickt sie Gedichte an die JW-»Poetensprechstunde«, die vom Gutachter Edwin Kratschmer faktisch in der Luft zerrissen werden. Aber sie will schreiben und geht in den »Zirkel Schreibender Arbeiter« Karl-Marx-Stadt. »Hier habe ich gelernt, was gute Literatur ist. Lesen, lesen, lesen. Maßstäbe erlesen und aneignen.« Der Zirkel delegiert sie zum Poetenseminar nach Schwerin. »Es war wie frei schwimmen. Ich habe keinen Tag bereut. Es bleibt, dass es gewesen war – und meine Geschichte.« Von 1983 bis 1985 studiert sie am Literaturinstitut »Johannes R. Becher« in Leipzig, danach arbeitet sie als Assistentin am Theater. Seit 1988 hatte sie einen Lehrauftrag an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin und ist dort seit 2001 als Professorin für Deutsche Verssprache tätig.

Schwerin eine Dichterschule? Ausbildung zu Propagandisten? Natürlich nicht. Auch keine gemütliche Laube für Anhänger von Hedwig Courths-Mahler auf klassenkämpferisch, keine Anstalt, die sozialistische Dichter drillen sollte – so simpel sind Blick und Bewertung von heute. Wie immer, wenn es um DDR-Geschichte geht. Um es kurz zu machen: Hier wurde diskutiert, gestritten, wurden sich die Haare gerauft.

Wessen Welt ist die Welt?

»Wie verordnet war das alles?« frage ich auch Reiner Bonack. Er zeigt auf seinen Bücherschrank: »Da drin liegt die Anklageschrift des Volksgerichtshofs gegen meinen Großvater. Der war Kommunist, Mitglied einer Widerstandsgruppe. Die Gruppe wurde verraten, mein Großvater zu einer mehrjährigen Haft im Zuchthaus Brandenburg verurteilt. Antifaschismus und Frieden war praktisch Familientradition. Mir musste keiner was verordnen. Auch nicht, was ich schreibe.«

Ein großer Bogen für Gespräche, bis die Nacht genug hatte und sich davonmachte. Und auf jeden Fall ein Glas auf Pablo Neruda, der 1971 den Nobelpreis für Literatur erhält. Ein Glas natürlich auf Heinrich Heine. Und noch eins auf Brecht. Nicht vergessen den Schubart, der 1777 wegen fürstenkritischer Lyrik (»Fürstengruft«) für zehn Jahre im Festungsturm Aspach eingekerkert wurde – da konnten weder Herder noch Schiller helfen. Vielleicht noch ein »Nastrowje« auf Majakowski, den Dichter der Revolution, der sich 1930 aus Enttäuschung – wegen Lilja Brik oder Stalinismus? – erschoss. Ich glaube, mit seinem »Linken Marsch« wehte das Pathos der Geschichte über Schloss und See: »Entrollt euren Marsch / Burschen von Bord! / Schluss mit dem Zank und Gezauder. / Still da, ihr Redner! / Du hast das Wort, / rede, Genosse Mauser! / Brecht das Gesetz aus Adams Zeiten. / Gaul Geschichte, du hinkst … / Woll’n den Schinder zu Schanden reiten. / Links! / Links! / Links!« Muss nicht, könnte so gewesen sein in einer Nacht auf der Terrasse vom Schloss. Dann gingen die Poeten schlafen.

Politische Lyrik macht einen Großteil bedeutender Weltdichtung aus – das wussten sie, darüber sprachen sie in Seminaren und über das Erbe aus Jahrhunderten: Werden sie es – vielleicht – fortführen können? Die Wucht der Frage und der Beispiele warf manche Dichterambition über den Haufen.

Die sieben Tage und Nächte im Schloss: immer ein Ort, an dem Weltgeschehen, Politik, Geschichte besprochen und – vielleicht – zum Gedicht wurden, wie 1975, als der Sieg Vietnams über die USA mit der Eroberung Saigons am 1. Mai besiegelt war. Oder die Freude über den Sieg der Unidad Popular in Chile. Oder Trauer und Solidarität im September 1973, als die Allende-Regierung weggebombt wurde. Alle, selbst jene, die sich für nichts mehr interessieren wollten, wussten, das stinkt nach CIA und USA: mit Pinochet auf der Straße des Putsches direkt zur Militärdiktatur.

Chile, durch die Jahre Thema in Diskussionen und Gedichten. Immer die Frage: Warum können »die« – gemeint waren die USA – machen, was sie wollen? Der Putsch eine bombensichere Drohung gegen alle kommenden Aufbrüche in Lateinamerika? Offensichtlich ja. Wenn man zum Beispiel über den Ozean sieht, wie 2018/2019 die USA in Venezuela mit Juan Guaidó einen ihnen genehmen Präsidenten lancieren wollten. Hat nur nicht geklappt. Vielleicht beim nächsten Mal oder auf der anderen Seite des Äquators. Wessen Welt ist die Welt?

Chilenische Emigranten kamen damals auch nach Freiberg. Und an die vietnamesischen Mädchen, mit denen seine Schwester rumgekichert hat, denkt Hans Brinkmann manchmal noch. Auch an die sowjetischen Soldaten, die neben ihren Panzern standen und Papyrossi rauchten. Pause auf der Fahrt nach Prag. »Die schenkten uns Kindern die kleinen roten Sterne von ihren Mützen. Wir machten die an unsere Cowboyhüte.« 1968 in Freiberg. Nach Prag, Hauptstadt der CSSR, sind es etwa 147 Kilometer, mit Auto eine Stunde 50 Minuten. Später versteht der 12jährige, dass damals Zeitgeschichte in seiner Stadt unterwegs war – egal aus welcher Perspektive man es betrachtet. Ob man dachte, in Prag ist Pariser Kommune – oder eben das Gegenteil.

Wehren gegen die Liquidation

JW als Talenteschuppen, die FDJ als Mäzen? Ja, wenn man fair sein will, kann man es so sagen und auch fragen, warum. Warum und zu welchem Zweck etwa 250 Zirkel Schreibender Arbeiter? Warum wurden zig Lyrikklubs gegründet und jährlich fast in jedem Bezirk Literaturwettbewerbe veranstaltet? Wie kam es, dass die Lyrikbewegung auch in wirtschaftlich enger Zeit mindestens freundliche Aufmerksamkeit erhielt, nützliche und auch unnötige kulturpolitische Zuwendung – meistens verbunden mit finanzieller Hilfe in unterschiedlicher Weise: zum Beispiel Honorare für Zirkelleiter und Gutachter, Papierkontingente oder, wenn erforderlich, Freistellungen von Arbeit, Studium und Armee, dazu Vermittlung von Arbeitsräumen, Kulturhäusern, schließlich leihweise hier das Schweriner Schloss als Arbeitsplatz und Herberge, später zogen die Teilnehmer in ein Studenteninternat auf dem Petersberg.

»Wie war das?« frage ich Angelika Griebner, studierte Kulturwissenschaftlerin und Journalistin, damals JW-Kulturabteilung. Es wird ein langes Telefonat. Lebhafte Begrüßung: »Na, du hast ja Fragen! Die Schweine führen Krieg, wertebasiert! Was machen wir dagegen?« Erst mal nichts mit Lyrik – wir reden über die totale mediale Mobilmachung, über Waffenlieferungen – ein Bombengeschäft für den militärisch-industriellen Komplex. Rüstungskonzerne aller Länder, freut euch. Russland-Sanktionen, ein praktischer Trigger für Fracking und Atomenergie? Für wie dumm und vergesslich halten die Zeitenwendler eigentlich das Volk? Wer nach Sinn fragt und Vernunft, gar Verhandlungen fordert, ist ein Kriegsverderber. Wir überlegen, warum so auffällig viele Frauen kriegsfordernd durch Nachrichten und Gesprächsrunden ziehen: gut gestylt, mal schrillstimmig, mal säuselnd nach modernster Waffentechnik verlangen, mit bohrendem Blick und festgefrorenem Lächeln werden Hass und Vernichtungswünsche salonfähig gemacht. »Der Russe«, sagte neulich eine Nachrichtensprecherin … der Russe!? Warum nicht gleich der Iwan. Zweckdienliche Narrative rasen auf Münchhausens Kanonenkugel um die Welt. Panzer, Propaganda, Paradigmenwechsel – in diesen Tagen wirkt so manches wie unter Drogen. Krieg, ein heiß begehrter Stoff? Wer sind die Dealer? America first?

Wann kommen wir eigentlich wieder zum Thema zurück? Der Dichter Jewtuschenko fällt uns ein. Während des Kalten Krieges, kurz vor Ausbruch der Kuba-Krise 1962, schrieb er in Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und angesichts einer direkten militärischen Konfrontation mit dem Risiko eines Atomkrieges zwischen den USA und der Sowjetunion das berühmte Gedicht »Meinst du, die Russen wollen Krieg?«. 60 Jahre her und gemeint war der ganze riesige Vielvölkerstaat. Die damaligen Regierungschefs Chruschtschow und Kennedy hatten bei aller Systemgegnerschaft und trotz hegemonialen Wahns wenigstens soviel Verstand und Verantwortung im Leibe, dass sie verhandelten und einen Kompromiss fanden. Der dritte Weltkrieg fiel aus, und die Welt atmete auf. Damals. Ich suche das Gedicht raus. »Genau«, sagt Angelika, »und was ist heute? Lassen die es etwa drauf ankommen …« Gemeint sind beide Seiten.

Zurück zum Poetenseminar. Die Kollegen, mit denen ich spreche, sind sich einig: »Poetensprechstunde«, auch das Poetenseminar in Schwerin – ohne Hannes Würtz nicht denkbar. Im Juli 2006 ist er gestorben.

Obwohl seit 1983 Stellvertreterin, dann bis 1987 Chefin der Kulturabteilung, hatte Angelika wenig mit der »Poetensprechstunde« zu tun – die war bei Hannes Würtz in sehr guten Händen. »Ich war eher der Zaungast und auch nur ein oder zwei Mal in Schwerin, um von dort zu berichten. Also ergiebig ist das nicht für dich. Aber eins ist sicher: Noch heute schwärmen Dutzende Teilnehmer von dieser Woche in Meck-Pom.«

Dann Salto mortale der Geschichte. Alle spielten verrückt. Wie wahnsinnig der atemlos verkündete Wahnsinn war, wird später erst begriffen. Schon im Sommer 1990 häuften sich in der Redaktion Anrufe und Fragen: Was passiert mit dem Poetenseminar? Kein unerklärliches Phänomen, ganz einfach eine Reaktion gegen die Liquidation sozialistischer Überbleibsel – nun ja, irgendwann muss man das Kind schon mal beim richtigen Namen nennen. Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt: Angelika setzte sich »mit Schreiberlingen zusammen, fand einen Reiterhof in Münchehofe, erleichterte die JW um 500 Mark, zog mit meinem Trabant in westliche Discounter und lud meine Pappschachtel mit Lebensmitteln und Getränken voll.« Alles 1990 an einem verlängerten Sommerwochenende. Das Poetenseminar Schwerin lag nun bei Berlin. Bis 1995. Dann schwappte die schöne neue Welt endgültig drüber.

Raum und Zeit waren aufgehoben

»Da bin ich auch gewesen, als Teilnehmerin«, erinnert sich Heidrun Jänchen, promovierte Physikerin. Warum? »Ich habe schon gehofft, dass es weitergeht – so, wie es mal war.« Sie lacht. Wie sollte das gehen?! Bisher hatte der Zentralrat der FDJ alles bezahlt. Es gab 16 (!) Leiter für die Seminare, sie besuchten Ausstellungen und stellten ihre Arbeiten in Schweriner Betrieben vor, die bald nach der Wende nicht mehr existierten. Sie wurden treuhänderisch abgeschafft. So, wie es war mal? Nie wieder.

»Beim Graben durch meine Historie habe ich übrigens ein Zitat von Klaus Steinhaußen aus dem Prosaseminar gefunden: ›Die erste Pflicht des jungen Poeten ist: zu leben.‹ Das gefällt mir immer noch.«

Die ganze Geschichte fing für Heidrun Jänchen 1981 an: 15jährig gewinnt sie mit einem Gedicht übers Gedichteschreiben den Literaturwettbewerb des Bezirkes Karl-Marx-Stadt und gerät in die Förderspirale. 1983 bewirbt sie sich für das Poetenseminar in Schwerin, wird eingeladen und nimmt am Prosaseminar teil. Schon immer will sie Geschichten schreiben. Bis heute: Science-Fiction und Fantasy – phantastische Literatur und der Wahnsinn der wirklichen Welt in einem. Sie spielt durch, was aus den gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklungen unserer Gegenwart werden könnte – nächstes Jahr oder nächstes Jahrhundert, auf der Erde oder auf Planeten, die noch kein Mensch gesehen hat. Gegenwart im Spiegel einer unsicheren Zukunft. Wie auf Erden, so auch im All. Das ist zum Fürchten.

»Alles ist möglich, denn es ist Krieg.« Das ist so ein Satz von ihr, der die Fassade aus Moral und Wertegeplapper in Stücke sprengt. »Das Land, das unmöglich Luftfilter für die Klassenzimmer seiner Kinder finanzieren konnte, hat plötzlich über Nacht 100 Milliarden Euro für Aufrüstung übrig«, schreibt sie. Ein Beispiel von vielen, das sie kritisch betrachtet »als eine engagierte und unangepasste Bürgerin« – steht in ihrem Blog.

Zum 25. Jahrestag der Wende wurde wieder einmal an das Ende der DDR gedacht. Heidrun Jänchen dachte mit und schrieb: »Als sich 1989/90 die DDR auflöste, da bekam ich mit dem Westen Deutschlands etwas, das ich nie vermisst hatte, und verlor die Selbstverständlichkeit der Welt. Zu den wunderbaren Dingen, die der DDR auf den Müllhaufen der Geschichte folgten, gehörte das Poetenseminar der FDJ in Schwerin. (…) Eine Woche im Jahr durfte der junge Poet sich völlig normal fühlen. Die Gesetze von Raum und Zeit waren aufgehoben, der real existierende Sozialismus fand anderswo statt (…). Es war der wunderbarste Ort der Welt. Heute ist er ebenso fiktiv wie Fiddler’s Green oder das Land hinter dem Spiegel. (…) Am Sonntag ist es totenstill. Überwachungskameras verfolgen meine Schritte. Nichts fliegt mehr. Wo einst Pegasus weidete, hockt die prosaische Statue einer Gans.«

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  • Leserbrief von Ingrid Markgraf ( 2. August 2022 um 11:26 Uhr)
    Vielen Dank, liebe Mitarbeiter meiner jungen Welt, für den ausführlichen Artikel über die Poetenseminare in Schwerin und die Lyrik und Poetenbewegung der DDR allgemein. Ich hatte das Glück, durch eine Teilnahme am Literaturwettbewerb 1971 und die anschließende Einladung zum Poetenseminar in Schwerin zweimal daran teilnehmen zu dürfen. Für uns als Jugendliche war diese Veranstaltung ein wichtiger Erfahrungsaustausch. Die besten Lyriker und Schriftsteller traten dort als Seminarleiter und Referenten auf. Es gab keine Tabus, egal zu welchen Themen. Mein Seminarleiter Martin Viertel hat mich in mancher Frage mit viel Einfühlsamkeit auf den richtigen Weg gebracht. Ein Schriftsteller ist aus mir nicht geworden, aber viele Jahre habe ich in Zirkeln der schreibenden Arbeiter mitgewirkt und viel Gefühl für Kunst und Kultur erworben. Nie wurde gefragt, wer diese Veranstaltungen bezahlen soll, das Geld und die Räume waren einfach immer da.
    Vielen Dank für diesen schönen Rückblick.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Gerdt P. aus Rostock (29. Juli 2022 um 11:39 Uhr)
    Dank an Burga Kalinowski für den interessanten Beitrag. Eine Frage taucht jedoch bei mir auf: Ein Schulkamerad, der an dem Poetenseminar teilgenommen hatte, erwähnte, dass die Schriftstellerin Hildegard Maria Rauchfuß sich als »Betreuerin« einbrachte. Ich meine, auch dazu etwas in der damaligen DDR-Zeitschrift »Forum« gelesen zu habe. Ihr Name taucht jedoch in dem Artikel nicht auf. Was mag der Grund dafür sein?

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