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Aus: Ausgabe vom 24.12.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Alles »Sparen« ist Kriegsanleihe

Zwei Briefe Karl Liebknechts aus dem Zuchthaus Luckau vom Jahresende 1917
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Karl Liebknecht in Berlin

An Sophie Liebknecht, Luckau 11.11.1917 (am 373. Tage)

Mein Herz!
Ich darf Dir heute schreiben aus einem besonders erfreulichen Anlass: Mir ist eigne Beleuchtung erlaubt. (…) Das heißt – Montag bis Freitag ist jetzt Einschluss (mit Gaslöschen) etwa halb sieben – Aufschluss etwa Dreiviertel sieben; Sonnabend: Einschluss etwa sechs Uhr – Aufschluss etwa sieben; Sonntag Einschluss etwa halb sechs – Aufschluss etwa Dreiviertel sieben. Licht bis circa zehn Uhr heißt 17,5 plus vier plus viereinhalb gleich 26 Stunden pro Woche.
Du regtest neulich an, ich möge auf eigne Beleuchtung antragen. Folglich hattest Du irgendwelche Beleuchtungsmittel »in petto«. Welche? Mir scheint besonders empfehlenswert: eine Karbidlampe. Aber sie muss gut und passend konstruiert sein! (…)
So hast Du Ärmste wieder eine neue Sorge für mich auf dem Hals. Wie die Chose zu managen, übersehe ich nicht ganz. Am besten versiehst Du mich mit Vorrat an Brennstoff, Anzündern, Ersatzteilen immer auf drei Monate – von Besuch zu Besuch; jetzt zunächst bis Mitte Januar – Eurem nächsten Besuch. (…)
Soeben händigt mir der Direktor die Zeitungen aus – also doch diese Woche ein Lebenszeichen von Euch. Vielen Dank, Dank. (…)
Hast Du neueste Nachricht von zu Haus (Sophie Liebknecht stammte aus Rostow am Don, jW) – von Mutter und Schwester und von Adolf?
Über all das hoffe ich im Brief zu lesen. (…)
Die Zeitungen konnt’ ich erst ganz obenhin ansehn. Der ungeheure Prozess der sozialen und wirtschaftlichen Revolutionierung Russlands vom Bodensatz bis zum Schaum, dessen Ausdruck nur die politische – die Verfassungs- und Verwaltungsrevolutionierung – ist, steht nicht am Abschluss, sondern im Beginn, vor unbegrenzten Möglichkeiten – weit größern als die Große Französische Revolution: Die Spannung zwischen dem Gewesenen und dem jetzt Erstrebten und Möglichen ist größer; ebenso die Spannung zwischen dem Niveau, den Bedürfnissen und Möglichkeiten in den verschiednen, kulturell so sehr differierenden Gebieten und Volksteilen; und vor allem die Spannung zwischen der Lage, den Bedürfnissen und Zielen der verschiednen Schichten, Klassen usw. in den kulturell und wirtschaftlich entwickeltsten Gebieten und Volksteilen. Die soziale Revolution, deren Gefahr in Deutschland die bürgerliche Revolution verkrüppelte, scheint in Russland schon stärker als die bürgerliche Revolution; wenigstens zeitweilig, wenigstens in konzentriertesten Zentren Russlands; freilich steht der russische Kapitalismus nicht allein – der englisch-französische-amerikanische stützt ihn. Ein Riesenproblem, für das eine provisorische Teillösung in der Kriegsfrage zu gewinnen schon Titanenarbeit fordert. Was ich über die Vorgänge erfahre, ist so sporadisch, so zufällig, so äußerlich, dass ich mich mit Konjekturen begnügen muss. Nirgends empfinde ich die Abgeschnittenheit meiner heutigen geistigen Lage so, wie in der russischen Frage. (…)
Was machen die Freunde? Allen Gruß und Glückauf – trotz allem. Nicht einen Zoll gewichen. (…)
Sind die Kinder artig? Vertragt Ihr Euch? Wie ist die Heizung?? Bibliothek?? (…)
Helmi (Sohn Wilhelm, jW) vor allem soll viel ins Freie. Bewegung! Und nicht so spät aufbleiben!
Ihr seid doch wohl? Kommt der Brief bald? Ich warte! War am 8. fällig. Mein Herzliebstes – ich küsse und umarme Dich tausendmal.
Den Kindern viele Küsse und alles.
Dein Karolus
Über ein Jahr herum! Über ein Viertel der Strafe! Nur noch zweimal so lang, als ich ja sitz’! (Ab 1. 5. 16)

An Sophie Liebknecht, November 1917

Liebste Sonitschka – ich schreibe dies bei vollkommner Dunkelheit – nur nach dem Gefühl – und bei gehöriger Kälte, im übrigen aber bestem Wohlbefinden. Die Arbeitszeit füllt jetzt die Stunden der Helligkeit fast bis aufs letzte aus. Von einer Laterne draußen fällt ein schmaler Lichtschein schräg durchs Fenster, der durch das dichte Gittergeflecht und die Stäbe noch gehemmt wird – so bin ich jetzt in der Schreiberei und Leserei wieder sehr gehemmt. Die wenigen Sonntagsstunden waren so düster, dass ich kaum das zur Orientierung erforderliche Zeitungslesen erledigen konnte. Sag das auch den Freunden zu meiner Entschuldigung. Ich möchte ja so viel für sie arbeiten – für sie oder auch meinethalb für den Papierkorb. (…)
Helmi und Bobbi (Sohn Robert, jW) mach klar, dass heute alles »Sparen« usw. aus System oder auf behördliches Kommando politisch nichts anders wirkt als Kriegsanleihezeichnung usw., nämlich als Unterstützung des Kriegs der herrschenden Klassen (anders liegt’s natürlich mit Sparsamkeit aus eigner Notwendigkeit). (…) Lass sie das selbst lesen und durchdenken. Es ist prinzipiell wichtig.
Alles andre mündlich hoff ich. Die Zeit fehlt. Grüße allen Freunden. Küsse, Küsse, Küsse
Dein K.

Karl Liebknecht: Mitteilungen, Briefe und Notizen aus dem Zuchthaus Luckau. Hier zitiert nach: Karl Liebknecht: Gesammelte Reden und Schriften. Dietz-Verlag, Berlin 1974, Seiten 369–373

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