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Aus: Ausgabe vom 27.09.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Produktionsverlagerung

VW zieht es in die Türkei

Niedriglöhne und Subventionen: Konzern plant Werk mit 4.000 Arbeitsplätzen
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VW-Pkw auf Autoshow in Istanbul: Volkswagen will jetzt in der Türkei ein komplettes Werk für 300.000 Fahrzeuge im Jahr bauen

Nach monatelangen Verhandlungen scheinen fast alle Hürden beseitigt: Das neue »Osteuropawerk« von Volkswagen soll in der Türkei entstehen. »Wir sind in finalen Gesprächen«, sagte VW-Produktionsvorstand Andreas Tostmann am Donnerstag in Berlin zu Journalisten. Ein Abschluss werde binnen zwei Wochen erwartet, »vielleicht auch früher«. Es werde noch an letzten Vertragsdetails gefeilt. Damit enden langwierige Gespräche, die Konzernchef Herbert Diess Insidern zufolge zeitweise mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan direkt führte.

Ende August hatte der VW-Aufsichtsrat bereits eine Grundsatzentscheidung für die neue Fabrik getroffen. Laut mit der Sache vertrauter Personen soll für rund eine Milliarde Euro in Manisa nahe Izmir ein Werk mit einer geplanten Jahreskapazität von 300.000 Fahrzeugen und mit rund 4.000 Arbeitsplätzen entstehen. Ende 2020 soll mit dem Bau begonnen werden, der Produktionsstart ist für 2022 vorgesehen. Dort sollen der VW-»Passat« und der baugleiche Skoda-»Superb« vom Band rollen. 80 bis 90 Prozent der Fahrzeuge sind für den Verkauf in Staaten Osteuropas, darunter Russland, vorgesehen.

Die Entscheidung für die Türkei ist politisch fragwürdig, scheint betriebswirtschaftlich aber lukrativ zu sein. Zwar gilt das Land am Bosporus seit langem als Kandidat für einen EU-Beitritt. Doch nach dem Putsch vor drei Jahren hat sich das Regime Erdogan eher von der EU entfernt, als einem Beitritt nähergekommen zu sein. »Volkswagen sieht die Situation in der Türkei und die Repressalien gegen Regimekritiker und Dissidenten«, sagte der VW-Cheflobbyist und frühere Vizechef des Bundespresseamtes, Thomas Steg. Er fügte hinzu, der Konzern rechne nicht mit einer ungeteilten Zustimmung für das Projekt.

Doch für die Aktiengesellschaft zählen wohl Planungssicherheit und zuallererst die Profite. Die Türkei hat VW zufolge ein niedrigeres Lohnniveau als osteuropäische Standorte, die in Frage kamen. Mit ausschlaggebend für die Entscheidung waren Konzernkennern zufolge staatliche Fördermittel. Über deren Höhe schweigt VW. Weder die Bundesregierung noch Niedersachsen, das an Volkswagen beteiligt ist, hätten Bedenken geltend gemacht. (Reuters/jW)

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